„Menschen sind keine Joghurts“

Liebe alle,

Für einmal möchte ich euch ein bisschen etwas anderes präsentieren: Nämlich einen Spoken-Word Text von einer Freundin von mir, der auch sehr gut zur Thematik dieses Blogs passt und der letzten Oktober im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kultur sieht Pink“ hier in Solothurn aufgeführt wurde.

Ohne mehr zu verraten: Lest und geniesst!

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Eigentlich wollte ich hier über Ding reden, über die man nicht spricht. Über
Dinge, die man nicht sagt, weil sie jemanden belasten könnten; weil man sich
sonst erklären müsste. Über den Tod, Essstörungen, Depressionen, Sexualleben
und Angst. Über Dinge, die uns alle betreffen. Ganz intime Dinge. Über Gott
und die Welt wollte ich reden, nur ohne Gott, und ohne Welt. Über Dinge, die
gedacht werden müssen, ohne jemandem eine Ideologie in den Kopf zu pflanzen.
Eine Art Brandrede gegen das nicht Ausgesprochene.
Ja, genau darüber wollte ich reden. Aber ich habe Angst. Angst, dass ich meine
Gefühle nicht bremsen kann. Angst, dass es zu intim wird. Angst, dass ihr mir
nicht glaubt und Angst, dass ihr danach hier rausgeht, aus diesem Raum, und
alles verdrängt, was ich hier gesagt habe. Aber reden wir nicht darüber. Denn
wenn wir nicht darüber reden, brauche ich auch keine Angst zu haben. Und dann
geht’s uns allen doch gleich viel besser. Wenn wir nicht darüber reden, dann
geht’s uns gut.
Es geht uns schliesslich immer gut. Jeder Smalltalk fängt an mit den Worten: „Wie
geht’s?“. Anstelle, dass wir sagen würden: „ Nein mir geht’s verdammt noch
mal nicht gut, weil ich seit Monaten zu wenig schlafe und mich finanziell kaum
über Wasser halten kann. Meine Zimmerpflanzen sind alle elend verreckt, weil
ich zu wenig Zeit hatte, sie zu giessen und als ich sie retten wollte, habe ich sie
ersoffen. Meine Ausbildung läuft so gar nicht, meine Zukunft macht mir Angst
und gestern ist mein Hamster gestorben, weil er sich von einer der
Zimmerpflanzen ernährt hatte!“ Nein. Wir antworten lieber auf die Frage, wie es
uns geht mit: „Gut, Danke.“ Und wenn’s uns wirklich nicht gut geht, dann ist das
Höchste der Gefühle, das zugelassen wird, ein: „Ich bin einfach ein bisschen
müde.“ Ein bisschen müde. Das kann jeder nachvollziehen und man läuft nicht
Gefahr, Fragen beantworten zu müssen.
Bitte denkt jetzt von mir nicht, dass ich Smalltalk hasse. Es ist die beste Art mit
jemandem zu reden, mit dem man überhaupt nicht reden will. Aber am liebsten
reden wir darüber, wie es uns nicht geht. Es geht uns nicht schlecht. Wenn wir
an unterernährte Kinder in Afrika denken, geht es uns wirklich nicht schlecht.
Weil denen, ja denen geht’s schliesslich so richtig beschissen. Aber daran
denken wir nur, wenn wir gefragt werden, wies uns geht oder kurz vor
Weihnachten beim Schaulaufen von Spendenorganisationen oder noch bei Oma,
die uns sagt, dass wir unseren Rosenkohl aufessen sollen. „Ein Kind in Afrika
wäre froh, hätte es nur die Hälfte des Rosenkohls den du hier hast. Und jetzt
iss.“ – „Ich wäre auch froh, hätte ich nur die Hälfte des Rosenkohls, und selbst ein
Kind in Afrika kann erkennen, dass Rosenkohl die Machenschaft des Teufels
ist.“ Aber das beiseite. Ein Kind in Afrika als Symbol für unseren übertriebenen
Wohlstand. Ein Symbol dafür, dass es uns hier nicht schlecht gehen darf. Aber
reden wir nicht darüber.
Jemand, der alles hat, kann sich schliesslich nicht beklagen. Essen haben wir
wahrlich genug und ein Dach über dem Kopf und eine Zukunft. JA, genau. Und
die meisten wissen ebenso wenig damit anzufangen. Was tun wir, wenn es uns
aber dennoch schlecht geht, wenn wir es doch gar nicht dürften? Schweigen und
ignorieren. Frei nach dem Motto: Wenn man nicht über Probleme spricht, dann
sind sie auch nicht real. Aber reden wir nicht darüber. Wer würde schon daran
denken, dass jemand in seinem Umfeld an einer Depression leiden könnte? Die
sehen alle immer gut aus und wenn man sie fragt, wie’s ihnen gehe, sagen sie
immer: „Gut, Danke“. Wer sollte da schon darauf kommen, dass jemand an einer
Depression erkrankt ist, wenn die nichts sagen? Haha, ha, ha.
Das Krankheitsbild sieht auch nicht gleich aus, wie bei einem gebrochenen Bein.
Die Genesungszeit dauert auch nicht nur sechs Wochen, wie bei einem
gebrochenen Bein. Und zu erkennen, dass jemand an einer Depression erkrankt
ist, ist auch nicht so einfach wie ein gebrochenes Bein. Kurz: Eine Depression
ist kein gebrochenes Bein. Selbst zu erkennen, dass man an einer Depression
erkrankt ist, ist genauso schwierig, wie darüber zu reden. Ebenso sitzt ein
Depressiver nicht nur zu Hause in seinem Zimmer und heult die ganze Zeit. Es
gibt viele gute Tage dazwischen, wo man das Gefühl hat, man hätte einfach eine
schlechte Phase überwunden. Es gibt ganz viele Erkrankte, die funktionieren.
Die das antworten, was von ihnen erwartet wird. Das machen, was von ihnen
erwartet wird, und zu Hause oder in ihrer Freizeit sind sie einfach. Weder
grossartig glücklich noch grossartig traurig. Aber reden wir nicht darüber.
Reden wir nicht darüber und schweigen wir es tot. Dann muss ich mich und ihr
euch nicht damit beschäftigen. Dann ist das Problem gelöst oder löst sich von
selber. Zumindest ist es dann nicht mehr mein Problem. Wir leben im 21.
Jahrhundert, da muss man nicht mehr darüber reden, welche Sexualität man hat.
Da weiss man das einfach. Da muss man nicht mehr danach suchen und sich in
der Gesellschaft behaupten, denn die Gesellschaft hat das ja vollumfänglich
akzeptiert. Genauso wie das Sterben. Jeder weiss, dass er mal stirbt.
Wissenschaftler können schliesslich ziemlich viele Todesursachen und das
Durchschnittsalter des Sterbens berechnen. Darum brauchen wir nicht darüber
zu reden. Und dennoch kann man bei jedem Durschnitt nicht ein genaues
Ablaufdatum festlegen. Menschen sind keine Joghurts. Und selbst einen Joghurt
kann man nach seinem Verfallsdatum noch essen. Was bei einem Menschen dann
doch eher nicht zutrifft. Aber lassen wir das. Menschen sind keine Joghurts. Der
Mensch kann etwas nicht und das macht ihm Angst, und weil es ihm Angst
macht, ignoriert er es.
Ich habe auch Angst. Nicht vor Spinnen oder anderen kleinen Tierchen. Nein.
Ich habe Angst zu Versagen. Angst nicht zu genügen. Angst alle, die ich liebe, zu
enttäuschen. Angst, dass mich die Menschen, die ich mag, nicht mögen. Angst,
dass ich mein Gefühle jetzt gerade nicht bremsen kann. Angst, dass ich nie
genug stark und nie genug schwach sein werde. Angst, dass ich vielleicht dem
Durchschnitt entsprechen könnte. Angst, dass ihr mir nicht glaubt und Angst,
dass ihr jetzt hier rausgeht, aus diesem Raum, und alles verdrängt was ich hier
gesagt habe. Aber reden wir nicht darüber.

Veröffentlicht von

ginamesserli

philosophy student @ university of Zürich, wannabe vegan, coffee and tea lover and knowbetter, so basically an average philosophy student.

6 Gedanken zu „„Menschen sind keine Joghurts““

  1. Liebe Gina
    Dein Bericht schildert ein zentrales Thema, mit dem die meisten Menschen konfrontiert sind. Real und treffend sind die verschiedenen Facetten beschrieben, denen wir begegnen. Ich frage mich, warum ist dies so und wie gehe ich persönlich damit um! Werbung und gewinnorientierte Wirtschaft schwindelt uns ein glückhaftes Leben vor. Ängste, Negativgefühle und Missmut finden keinen Platz. Darüber wird nicht gesprochen; trotzdem es viele Menschen betrifft. Ich denke aber, die Thematik berührt die tiefere Sphäre der Persönlichkeit und ist für viele Betroffene auch nachvollziehbar schwierig. Viele wollen zwar darüber reden, können es einfach nicht. Natürlich habe ich auch bei mir Defizite bezüglich diesem Thema festgestellt. Ausgelöst durch deinen Bericht habe ich mir vorgenommen, bei nächster Gelegenheit mutiger darauf zu achten. Der erste Schritt ist getan, du hast das Thema beschrieben und kannst damit viele Leser erreichen. Vielen Dank für deinen wertvollen Bericht.
    V.B.

    Gefällt mir

  2. Ein schöner Text, der total zum Nachdenken anregt – nicht zum Vergessen und Verdrängen (hoffentlich nicht). So wahr und wieder eine Erinnerung daran, dass wir über Dinge, die uns Angst machen, reden müssen.
    Ich frage mich auch: Was würde passieren, wenn alle nur noch ehrliche Antworten auf „Na, wie geht’s dir so?“ geben würden…

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine Worte. Tatjana, da könnten wir sehr lange darüber philosophieren. Ich denke, da wären die Menschen viel entspannter. Dann hätten wir echte, treue Zuhörer. Ängste, Depressionen, Verlassenheit, Krebsleiden würden massiv abnehmen. Du brächtest den lukrativen Markt im Gesundheitswesen arg in Bedrängnis…! Wenn wir bei uns selbst beginnen, ist ein wichtiger Schritt getan.
      Lg Viktor

      Gefällt 1 Person

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