«Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt.»

Ein Leben geprägt von psychischen Erkrankungen

cof

Lieblingsgetränk: Vanilleshake

G: Liebe M, herzlichen Dank für dieses Interview. Vielleicht um anzufangen und unser Gespräch etwas abzustecken: Welche Diagnose steht bei Ihnen im Raum?

M: Ich habe mehrere Diagnosen erhalten. Die erste war diejenige einer Zwangsneurose. Später wurde ich mit Depressionen, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie einer bipolaren Störung (manisch-depressiv) diagnostiziert. Zuletzt diagnostizierte man mir eine Schizophrenie.

G: Das ist ja ziemlich viel – hat sich jede dieser Diagnosen letztlich bewahrheitet oder wurden gewisse davon schliesslich revidiert?

M: Doch, doch, es gab dann einige Revisionen.

G: Gibt es eine Diagnose, mit der Sie sich selbst identifizieren können oder von den Sie denken, dass sie passt?

M: Ich denke, die Zwangsstörung und die Schizophrenie sind sicher zutreffend. Ich höre zum Beispiel Stimmen; Stimmen, von denen ich denke, dass sie normal sind – innere Stimmen hat sicherlich ja jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad – und Stimmen, von denen ich denke, dass sie nicht normal sind.

G: Wieso haben Sie sich schliesslich in Behandlung gegeben? Woran haben Sie gemerkt, dass Sie etwas tun sollten?

M: Es fing an, als ich meine Grafikerlehre abbrach. Ich spürte dann, dass ich gewisse Verarbeitungsschwierigkeiten hatte. Es fühlte sich an, als hätte ich zu viel Licht in den Augen und das war auch sehr schmerzhaft. Ich weiss auch noch, dass ich bei meinen Eltern dann schreiend über den Gartenzaun gesprungen bin…

G: Dieser Krankheitsausbruch ist also nun bereits einige Zeit her, stimmt das?

M: Genau, das ist jetzt 37 Jahre her bereits.

G: Wie entwickelte sich das Ganze nach diesem Vorfall?

M: Der Hausarzt sprach dann mit meiner Mutter und meinte, dass ich Erholung nötig hätte, was vielleicht zunächst einmal etwas merkwürdig klingt. Das war dann das erste Mal, dass ich in die Klinik kam.

G: Wie war es dann ihr erster Klinikaufenthalt? Fanden Sie, dass das hilfreich war, oder kamen Sie zurück in den Alltag und alles war eigentlich immer noch gleich?

M: Mein Zustand besserte sich zwar durch den Aufenthalt, aber ich fühlte mich nicht wohl in der Klinik. Die Leute, die Umgebung… Es stimmte einfach nicht für mich.

G: Was passierte, nachdem Sie ihre Grafikerlehre abgebrochen und aus der Klink zurückgekehrt waren?

M: Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber ich übte dann verschiedene Jobs aus. Ich arbeitete beispielsweise in der Spedition oder ging putzen. Das ging jeweils eine gewisse Zeit bis es mich wieder «verputzte» und ich dann schliesslich wieder in die Klinik musste.

G: Es war also letztlich immer ein wenig ein Rein und Raus in und aus der Klinik?

M: Ja, genau.

G: Wie gehen Sie jetzt mit der Sache um? Gibt es Dinge, die Sie über all die Zeit gelernt haben?

M: Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich ziemlich stabil bin. Aber ich muss trotzdem immer aufpassen, was ich mache und wie ich es mache.

G: Was passiert denn in den Momenten, in denen es jeweils plötzlich nicht mehr geht?

M: Ich erlebe jeweils einen ziemlich starken Realitätsverlust. Ich befinde mich dann in meinen eigenen Gedanken, meiner eigenen Welt, sozusagen, die nicht mehr realitätsbezogen ist. Ich verspüre jeweils starke Ängste und diese lösen dann Wahnvorstellungen aus.

G: Werden in diesem Moment auch beispielsweise die Stimmen, von denen Sie gesprochen haben, aggressiver?

M: In der letzten Zeit merke ich vor allem, dass die Zwänge dann schlimmer werden. Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen nehmen dann einen enormen Raum in meinem Leben ein, obwohl die Dinge, auf die sich meine Handlungen beziehen, für andere Menschen überhaupt kein Problem darstellen.

G: Gibt es hierbei ein Muster?

M: Normalerweise besteht eine Angst, dass ich etwas falsch mache. Daraus resultiert üblicherweise eine Angst, dass ich tatsächlich etwas falsch gemacht habe und dass dieses Tun extrem schlimme, gar tödliche Folgen hat. Es ist eigentlich dann eine Angst vor einem gewaltsamen Tod.

G: Und das drückt sich jeweils in bestimmten Zwangshandlungen aus?

M: Ja, genau.

G: Wie gehen Ihre Angehörigen, Ihre Eltern mit der Situation um?

M: Ich finde eigentlich, sie können gut mit der Sache umgehen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass sie das Ganze nicht verstehen, nicht nachvollziehen können. Sie haben da einfach keinen Zugang.

G: Ist dies für Sie persönlich schwierig oder haben Sie gelernt, damit umzugehen?

M: Ich versuche mittlerweile gar nicht mehr, darüber zu reden. Es gibt Situationen, in denen ich etwas sagen muss, weil mich etwas stört, aber eben… Sie sind mittlerweile auch schon über 90 Jahre alt und es ist halt ein wenig, wie es ist.

G: Wie ist es mit anderen Leuten – ist Ihre Krankheit eher etwas, das Sie für sich behalten, oder reden Sie manchmal darüber?

M: Wenn es sehr dringlich wird, wenn ich wirklich geplagt werde davon, dann muss ich fast darüber reden; es wird dann wie ein Drang. Viele Leute reagieren aber eigentlich ziemlich gut. Im Bus beispielsweise erlebte ich wirklich einige gute Situationen. Die Leute versuchen meist mir zuzuhören. Oder einmal sprach ich auch eine Frau auf der Strasse an, in der Nähe, wo ich wohnte, und sie war sehr nett und sagte mir, dass ich gerne auch vorbeikommen könne, wenn es mir schlecht ginge.

Sehr schlimm war für mich aber, als mir an meiner letzten Arbeitsstelle gekündet wurde, weil ich wieder Medikamente nehme. In der Anschauungsweise der Personen meiner ehemaligen Arbeitsstelle sind Medikamente etwas Schlimmes. Man stirbt halt schon besser, wenn man keine nimmt [lacht].

G: Sie werden jetzt bald in eine betreute Wohnung ziehen – was waren Ihre Gründe hierfür?

M: Die Einsamkeit ist mein Grund. Diese Idee kam eigentlich in der Klinik erstmals auf. Eine der Sozialarbeiterinnen kannte die Betreuerin einer dieser Wohnungen und mir gefiel es dann beim Besuch sofort von den Räumen und den Personen her.

G: Was sind die Vorteile eines solchen betreuten Wohnens?

M: Man kann beispielsweise zusammen schauen, was man isst oder wer was wann kocht… Es ist einfach schön, wenn man nicht alles alleine machen muss. Zuhause esse ich oft einfach etwas aus dem Kühlschrank, weil ich keine Lust habe, nur für mich zu kochen.

G: In diesem Zusammenhang: Würden Sie sagen, dass Ängste und Zwänge, wie Sie sie haben, oft auch sozial isolierend sein können und dass Sie sich deshalb vielleicht auch oft alleine fühlen?

M: Ich denke, das ist sicher so, aber es spielen auch andere Faktoren hinein.

G: Nach all dieser Zeit: Gibt es vielleicht so etwas wie ein Fazit – wenn man das so sagen kann – aus all dem, was in Ihren Leben geschehen ist in Bezug auf Ihre psychische Gesundheit?

M: Ich habe das Gefühl, mein Zustand hat sich insgesamt verändert; er ist besser geworden. Die Ausnahme zur Regel bilden jeweils diese Rückfälle, die dann schon sehr schlimm sind. Ich finde aber, dass ich nun eigentlich richtig leben kann. Als ich jünger war, war ich dermassen depressiv, dass das nicht wirklich ging. Ich habe nun mehr Lebensqualität und erlebe auch mehr Sinn. Zeichnen, Malen… Solche Dinge geben mir Sinn und helfen mir auch Gefühle auszudrücken, die ich anders nicht gut ausdrücken kann.

G: Könnten Sie beispielsweise das Zeichnen oder Malen auch anderen als Mittel zum Ausdruck empfehlen?

M: Ich habe in der Klinik Leute sowohl getroffen, die sich mündlich bereits sehr gut ausdrücken können, als auch Menschen, die zeichnerisch und malerisch sehr begabt sind. Von dem her denke ich, dass jeder dasjenige finden muss, das für ihn oder sie hier passt und ihm oder ihr hilft, sich auszudrücken.

G: Was hat Sie denn zum Malen bewegt?

M: Während meiner Grafikerlehre hat mir mein Lehrmeister jeweils einen halben Tag und einen Abend pro Woche für Freikurse zur Verfügung gestellt. Ich nahm damals die Kurse Malen und Aktzeichnen und entdeckte dies so für mich. Ich merkte, dass ich so etwas ausdrücken konnte, das ich sonst jeweils nicht auszudrücken vermochte. In den ganz schlimmen Phasen konnte ich aber teilweise nicht mehr malen, weil es mir sehr schlecht ging. Leider.

G: Was macht man in diesen Momenten, in denen es einem wirklich einfach nur schlecht geht?

M: Nun, man muss es einfach aushalten. Es gibt nichts anderes. Man kann nur aushalten, warten und hoffen, dass es besser wird. Ich denke manchmal dann nicht mehr, dass es mir irgendwann wieder besser gehen wird, aber bisher war das noch immer irgendwann der Fall.

G: Was würden Sie Menschen empfehlen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind?

M: Das kommt schon sehr darauf an, wie schlimm die Krise ist. In meiner Situation gab es wirklich nichts anderes mehr, als in eine Klinik zu gehen, selbst wenn ich diesen Schritt eigentlich lange angezweifelt habe. Ich würde wahrscheinlich einfach zuerst mit jemandem das Gespräch suchen und dann abschätzen versuchen, was man am besten tun sollte. Dann sollte man entscheiden, ob ein Klinikaufenthalt notwendig ist.

Bei mir war es denn auch so, dass ich die Klinik das erste Mal als sehr negativ erlebt habe, jetzt beim letzten Mal aber eigentlich überhaupt nicht mehr. Es hat sich wirklich sehr viel verändert. Das Essen ist viel besser – das macht schon viel aus –, das Personal geht viel mehr auf einen ein, man wird nicht mehr nur isoliert…. Sie haben zwar nach wie vor nicht so viel Zeit, aber der Unterschied ist schon bemerkenswert.

G: Gibt noch etwas, das Sie selbst noch anfügen möchten, etwas, das in unserem Gespräch vielleicht gefehlt hat?

M: Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Vielleicht sieht man es manchmal weniger, aber deshalb verschwindet es ja nicht plötzlich. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt. Dass man solche Dinge oftmals nicht sieht, macht halt manchmal auch das Verständnis schwierig, aber das ist wahrscheinlich einfach so. Man könnte aber viel voneinander lernen: Sowohl die Gesellschaft von den Erkrankten als auch die Erkrankten von der Gesellschaft.

Ich denke, die Psyche ist etwas, das sehr schwierig zum Erfassen ist. Wenn man Probleme mit der eigenen Psyche hat, dann muss man sich stärker mit sich selbst auseinandersetzen. Dadurch lernt man aber auch viele spannende Dinge.

G: Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview.

Veröffentlicht von

ginamesserli

philosophy student @ university of Zürich, wannabe vegan, coffee and tea lover and knowbetter, so basically an average philosophy student.

Ein Gedanke zu “«Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt.»”

  1. Mit guten, treffenden und differenzierten Fragen erfahren wir ein oft schwieriges Leben mit psychischen Belastungen von M. Gut zum Ausdruck kommt die langjährige Erfahrung, welche M. gemacht hat.
    „Man ist eigentlich gar nicht soweit voneinander entfernt“! Sehr treffend erwähnt.
    Das Dasein als Gratwanderung gesehen: wahrscheinlich bewegen sich verletzliche Menschen auf einem ausgesetzteren Grat!
    „Wir könnten viel voneinander lernen: sowohl die Gesellschaft von den Erkrankten als auch…!“
    Ein weiterer Imput hinzuhören, hinzusehen um Stigmas abzubauen.
    Fazit: Ein lehrreicher Bericht von einer Expertin.

    Viktor

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