„Ich kämpfe darum, dass man nicht davon spricht, dass ein Mensch eine Diagnose ist, sondern eine Diagnose hat – genauso, wie jemand einen Beinbruch hat und nicht ein Beinbruch ist.“

Borderline – ein scheinbar plötzlicher Krankheitsausbruch und der steile Weg zurück ins Leben

Kathia_unbearbeitet

Lieblingsgetränk: Ovo

G: Liebe K, möchtest du dich ganz kurz vorstellen?

K: Ich bin 34 Jahre alt und stolze Dreifach-Tante. Ich habe Sportwissenschaften studiert und anschliessend die Physiotherapie-Schule angefangen. Ganz allgemein nimmt der Sport eine zentrale Rolle in meinem Leben ein; am liebsten bin ich draussen oder in den Bergen.

G: Welche Art von Sport machst du denn?

K: Ich habe sehr lange Kajak auf Wettkampflevel gefahren, aber jetzt ist es vor allem das Bergsteigen. Mir gefallen aber ganz viele verschiedene Sportarten. Beispielsweise habe ich sehr lange Eishockey gespielt, heute sieht man mich oft auf dem Rad, beim Joggen oder manchmal beim Schwimmen. Ich mache fast alles ausser Tanzen… Alles, ausser diejenigen Sportarten, bei denen man elegant sein muss [lacht].

G: Du hast bei einem Projekt mitgemacht, das die Unterschiede aber auch die Gemeinsamkeiten von psychisch Erkrankten und «normalen» Menschen beleuchtet. Der Grund hierfür ist deine Diagnose einer Borderline-Erkrankung. Kannst du vielleicht kurz sagen, worum es sich bei der Krankheit handelt?

K: Borderline ist eine Persönlichkeitserkrankung, die durch emotionale Instabilität gekennzeichnet ist. Wir sind Menschen, die ständig unter Spannung stehen und unsere Emotionen sehr stark wahrnehmen. Wir sind daher immer etwas auf der extremeren Seite vom Erlebten her. Diese Spannung auszuhalten ist hierbei sehr schwierig. Für mich fühlt es sich jeweils so an, als würde ich von einer Walze überrollt.

Grundsätzlich gibt es 9 diagnostische Kriterien, von denen 5 für eine Diagnose erfüllt sein müssen. Diese Kriterien betreffen beispielsweise den Umgang mit den eigenen Emotionen, beinhalten aber auch ein erhöhtes Suchtpotenzial, eine Mühe mit Beziehungen – das ist der Teil, der bei mir zum Glück nicht vorhanden ist –, oftmals auch eine extreme Wut. Dissoziative Zustände können auch Teil der Erkrankung sein. In Abgrenzung zu einer Psychose fühle ich mich aber zwar beispielsweise extrem beobachtet, weiss aber, dass das eigentlich nicht stimmt. Jemand mit einer Psychose hingegen kann diesen Unterschied nicht mehr machen.

«Borderline» ist mittlerweile leider etwas zu einem Modewort verkommen. Manchmal wird das Wort heute von Menschen in Anspruch genommen, die sich vom Mainstream abheben wollen und man hat oft das Gefühl, dass jeder Teenager, der sich selbstverletzt, automatisch Borderline hat. Aber Borderline ist, wie schon gesagt, eine Persönlichkeitserkrankung und deshalb sollte man einen Teenager, der ja noch in der Persönlichkeitsentwicklung steht, nicht allzu voreilig diagnostizieren.

G: Wieso überhaupt «Borderline»?

K: Die Bezeichnung «Borderline» kommt ursprünglich daher, dass man früher nicht gewusst hat, ob es sich bei der Erkrankung um eine Neurose oder eine Psychose handelt, da das Bild des Borderliners Elemente beider Erkrankungen enthält.

G: Wie hat die Krankheit bei dir angefangen?

K: Bei mir hat das Ganze mit dissoziativen Anfällen in der Physioschule angefangen. Ich war dann jeweils plötzlich nicht mehr ansprechbar, bewusstlos, hatte Krampfanfälle, teilweise 2-3 Stunden lang. Man hat natürlich zuerst gedacht, dass das vielleicht epileptische Anfälle wären, hat dann aber schliesslich nach langer Abklärung festgestellt, dass die Anfälle psychisch bedingt sind. Solche Anfälle sind recht typisch für diese Erkrankung, vielleicht einfach nicht gerade in dem Ausmass, in dem ich sie hatte. Aber das Hirn macht dann quasi einen Kurzschluss, einfach, um sich selbst zu schützen.

Ich habe dann auch angefangen, mich zu schneiden in Momenten, in denen ich extrem gestresst war und nicht mehr mit dem Druck umgehen konnte.

G: Was mich Wunder nimmt – wie hat man überhaupt herausgefunden, dass deine Anfälle psychischen Ursprunges sind?

K: Die Diagnose wurde primär nach dem Ausschlusskriterium gestellt. Ein entscheidender Faktor war auch, dass ich mich angefangen habe zu ritzen. Da hat man sich dann schnell auch überlegt, ob die Anfälle nicht psychischen Ursprunges ist.

G: Gab es irgendwie einen bestimmten Punkt, an dem die Krankheit ausgebrochen ist oder hat sich das Ganze eher schleichend entwickelt?

K: Das ist eben das Interessante. Ich bin ans Collège gegangen, habe Wettkampfsport betrieben, ich hatte einen Freund, wir hatten ein Haus… Ich war eigentlich völlig normal und stand mitten im Leben und plötzlich, von 0 auf 100, hat das angefangen. Je länger ich mich dann aber mit der Krankheit auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass sie eigentlich schon lange da war.

Ich denke, bei mir hat besonders die erhöhte Sensibilität und Emotionalität früh angefangen. Ich war auch ein sehr ängstliches Kind. Und schon bald kamen die Identitätsstörungen hinzu: Ich war zum Beispiel als Kind überzeugt, dass ich eigentlich ein Junge bin, und als ich dann akzeptiert hatte, dass ich ein Mädchen bin, wusste ich lange Zeit auch nicht, ob ich eigentlich lieber Frauen oder Männer mag. Je länger, dass ich mich damit auseinandersetze, desto mehr merke ich, dass all das Komische an mir plötzlich einen Namen erhält.

Darüber hinaus wurde ich in der Oberstufe drei Jahre lang recht heftig gemobbt, einfach weil ich anders war. Im Collège kam dann auch noch ein sexueller Missbrauch hinzu. Ich habe dann nach diesem Vorfall 6 Jahre eigentlich ganz normal mein Leben gelebt bis dann diese Krankheit ausgebrochen ist.

G: Weisst du, wieso eine so lange zeitliche Distanz dann zwischen diesen Erlebnissen und dem Ausbruch der Krankheit besteht?

K: Ich glaube einerseits hat das damit zu tun, dass sich die Persönlichkeit in diesem Alter immer noch am entwickeln ist. Andererseits denke ich auch, dass ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht bereit gewesen wäre, das Ganze anzugehen. Ich denke, es war eine Art Eigenschutz.

G: In dem Sinne hast du diese Erfahrungen also einfach verdrängt?

K: Ich glaube «verdrängt» ist das falsche Wort. Sie haben einfach nicht existiert und diese Erfahrungen haben mich irgendwie auch nicht im Alltag beeinflusst. Erst als ich dann in der Physioschule auch mit männlichen Patienten zusammenarbeiten musste, hatte ich plötzlich Flashbacks und da hat sich das dann gezeigt. Ich denke, dass mein Körper einfach irgendwann reagiert hat, weil ich ihm selbst nie das Wort überlassen und mich mit diesen Erfahrungen auseinandergesetzt habe.

G: Steht hinter einer Borderline-Erkrankung immer auch ein traumatisches Erlebnis oder kann die Erkrankung quasi auch spontan ausbrechen?
K:
Genau weiss ich es nicht, aber ungefähr 80% der Erkrankten haben ein traumatisches Erlebnis wie Mobbing oder physischen, sexuellen oder psychischen Missbrauch hinter sich. Ich habe persönlich bisher aber noch keinen Borderliner getroffen, der nicht irgendein traumatisches Erlebnis hinter sich hat.

G: Die Krankheit kann, so sagt man, besonders am stärkeren Ende des Spektrums ja recht invalidisierend sein – inwiefern würdest du dem zustimmen?

K: Ich finde die Krankheit sehr invalidisierend, besonders auch, weil es keine Heilung gibt, sondern man nur lernen kann, mit ihr umzugehen. Ich stehe eigentlich konstant unter Anspannung, erlebe extreme Emotionen und starke Ängste. Das führt auch dazu, dass ich meinen Alltag sehr gut durchplanen muss. Wenn ich beispielsweise am morgen in die Therapie gehe, dann muss ich meinen Nachmittag so planen, dass ich dann nicht noch den öffentlichen Verkehr benutzen oder einkaufen gehen muss, weil ich weiss, dass das dann einfach zu viel wäre. Alltägliche Dinge wie den Briefkasten zu leeren, Telefonate zu erledigen, eben beispielsweise den Bus zu benutzen oder einzukaufen… Das sind Dinge, die für mich viel Stress produzieren und die deshalb auch viel Zeit in Anspruch nehmen.

Was darüber hinaus eben auch recht invalidisierend ist, ist das mittlere Umfeld. Von aussen sieht man mir nichts an, ausser ich laufe gerade im T-Shirt rum und man sieht meine Narben. Man sieht dann nur: «Ah, die Frau ist am Morgen joggen gegangen und am Nachmittag fährt sie mit dem Fahrrad rum». Dabei bin ich am Morgen joggen gegangen, damit ich einkaufen gehen konnte und am Nachmittag bin ich Fahrrad fahren gegangen, um anschliessend in die Therapie gehen zu können. Das Verständnis fehlt einfach nach wie vor und man wird schnell verurteilt für etwas, nur weil man es nicht kennt. Dabei ist es für mich Arbeit, den Alltag bewältigen zu können und Arbeit, überhaupt aus dem Bett zu kommen. Ich stehe denn auch jeden Tag zwischen 5 und 6 Uhr auf und nur weil ich dann nicht mit dem Bus zur Arbeit fahre und den ganzen Tag im Büro sitze, heisst das nicht, dass ich nicht auch arbeite.

Nicht zuletzt kann es auch invalidisierend sein, wenn ich eben im T-Shirt rumlaufe und dann angestarrt werde. Und auch der Fakt, dass ich IV und Ergänzungsleistungen beziehe, ist manchmal schwierig für mich.

G: Du hast erwähnt, dass es besonders auch die Reaktionen und die Behandlung derjenigen Menschen, die dich vielleicht nicht so gut kennen, sind, die schwierig für dich sind. Wie würdest du dir wünschen, dass diese Menschen mit dir umgehen?

K: Ich fände es manchmal gut, wenn die Menschen mehr Fragen stellen würden. Man kann ja durchaus fragen: «Du kannst an drei Tagen joggen gehen, wieso kannst du also nicht auch drei Tage die Woche arbeiten?». Aber dann fände ich es schön, wenn die Personen auch offen wären, mir zuzuhören, wenn ich ihnen erkläre, weshalb das eben nicht geht. Generell fände ich es schön, wenn es mehr Interesse ohne gleichzeitige Verurteilung oder Wertung gäbe. Ich habe einfach im Verlauf der Zeit gemerkt, dass sehr viel Verständnis da ist, sobald ich mich erklären kann. Aber zuerst wird man oft einfach sehr schnell verurteilt.

G: Wie hat dein näheres Umfeld reagiert, insbesondere auch, als die Krankheit frisch ausgebrochen ist?

K: Der Ausbruch war natürlich für alle heftig. Meine Familie und auch mein Ex-Freund haben damals sicherlich extrem gelitten. Das Problem war natürlich auch, dass man am Anfang keine Krankheitseinsicht hat. Ich habe damals gedacht: «Ja, ich kann schon in Therapie, aber ich verstehe nicht ganz, was euer Problem ist…» bis ich dann erst realisiert habe, dass es wirklich nicht mehr geht.

Es war für uns alle auch nicht einfach, mit meinem selbstverletzenden Verhalten umzugehen. Da kam dann jeweils schon sehr viel Kritik und auch viele Vorwürfe. Als dann am Schluss die Diagnose kam, war es sicherlich für jeden von uns eine Erleichterung.

G: Du sagst, du hättest zu Beginn keine Krankheitseinsicht gehabt. Wie kam es dann dazu, dass du gemerkt hast, dass du Hilfe brauchst?

K: Das ist ein Schritt, den niemand beeinflussen kann. Wieso, dass ich es plötzlich geschafft habe, diesen Schritt zu machen, weiss ich nicht genau. In der Schule kam irgendwann der Moment, wo ich diese Realisation hatte, insbesondere, da ich mich vor jeder Prüfung schnitt. Ich glaube, das liegt daran, dass ich irgendwann gemerkt habe, dass ich mich selbst nicht mehr im Griff hatte. Die Anfälle wurden immer häufiger, das selbstverletzende Verhalten immer schlimmer…. Es war wirklich einfach nicht mehr kontrollierbar und diese Erkenntnis, dass man seinen eigenen Körper und seine eigenen Gedanken nicht mehr im Griff hat, macht einem schon sehr grosse Angst.

G: Die Borderline-Störung ist auch mit sehr vielen Vorurteilen behaftet. Beispielsweise hört man oft, dass diese Menschen besonders manipulativ sind. Gibt es Vorurteile, die du vielleicht bestätigen kannst oder aber Vorurteile, die dich besonders stören?

K: Eine Borderline-Erkrankung kann sich auf viele verschiedene Arten zeigen. Ich persönlich habe beispielsweise dieses Manipulative oder auch diese starken Beziehungsprobleme nie gehabt, deshalb weiss ich nicht genau, inwiefern ich Vorurteile bestätigen kann, aber es ist natürlich schon so, dass zum Beispiel viele Therapeuten explizit nicht mit Borderlinern zusammenarbeiten wollen.

Ich möchte einfach nicht, dass man uns alle in denselben Topf schmeisst. Es gibt Borderliner, die haben grosse Probleme mit Spannungszuständen, manche, die haben Probleme damit, Beziehungen einzugehen, aber jeder von uns ist letztlich anders. Manchen sieht man es an, manchen nicht. Manche waren schon in der Psychiatrie, andere noch nie in Behandlung. Ich finde es deshalb viel wichtiger, den Menschen dahinter zu sehen und die Person nicht schon von Anfang an zu verurteilen.

G: Du hast gesagt, dass Borderline sich sehr unterschiedlich präsentieren kann und entsprechend auch nicht immer gleich therapiert wird. Wie hat sich das Ganze bei dir entwickelt?

K: Ich habe in einer Tagesklinik angefangen, ehe ich dann ein Weilchen nur noch stationär in Behandlung war. Ich war dann auch ewig lange in der geschlossenen Psychiatrie, bevor ich einen Platz in einer auf Borderline spezialisierten Klinik bekam. Ganz zum Schluss war ich dann eine Weile in einem Heim und mittlerweile bin ich einfach ambulant in Behandlung, wo ich verschiedene Medikamente bekomme und regelmässig eine kognitive Verhaltenstherapie besuche.

G: Hat es dir auch geholfen, dich mit anderen auszutauschen, die etwas Ähnliches haben?

K: Nein, eigentlich nicht wirklich. Besonders, wenn mir jemand mit Selbstverletzungen begegnet ist, hat mich das jeweils sehr getriggert. Das ist fast ein wenig wie mit Drogen. Wenn man jemanden sieht, der sich gerade selbstverletzt hat, denkt man dann gerne: «Hmm, das täte jetzt schon gut». Ich habe zudem einfach auch gemerkt, dass jeder seine eigenen Baustellen hat und die Baustellen von mir nicht deine sind und deine halt eben auch nicht meine.

G: Eine sehr plakative Frage: Bei Borderline handelt es sich ja um eine Persönlichkeitsstörung – wo fängst also du an und wo hört die Störung auf?

K: Das finde ich eine gute Frage, denn ich kämpfe darum, dass man nicht davon spricht, dass ein Mensch eine Diagnose ist, sondern eine Diagnose hat – genauso, wie jemand einen Beinbruch hat und nicht ein Beinbruch ist. Gleichzeitig rede ich natürlich aber auch immer von mir als «Borderlinerin», weil die Störung mich schon durch den Alltag begleitet. Ich nehme keinen Aufzug, ich habe Mühe einzukaufen und im Zug zu sitzen, stresst mich sehr. Nichtsdestotrotz verstehe ich mich als Person mit einer Erkrankung und nicht als Erkrankung.

Was ich auch gemerkt habe, ist, dass ich in den Bergen meine Diagnose irgendwie zurücklassen kann. Dort eben bin ich einfach ich.

G: Du hast eine sogenannte Peer-Ausbildung gemacht, durch die du anderen Menschen, die unter ähnlichen Erkrankungen leiden, hilfst. Wie ist es dazu gekommen?

K: Ich habe lange irgendwie keine Zukunft haben können und auch keine haben wollen. Aber plötzlich sah ich wieder ein morgen und dann offenbarte sich mir eine riesige Leere. Denn was konnte ich schon noch sein? Sportlehrerin zu sein, ging nicht mehr, die Physioschule zu beenden, stand ebenfalls nicht mehr offen… Ich hatte keine Ahnung mehr, was aus mir werden sollte. Deshalb nahm ich dann eine Auszeit und arbeitete eine Weile auf einer Alp mit Geissen. Kurz bevor ich zur Alp ging, hörte ich dann von dieser Ausbildung. Auf der Alp habe ich mich schliesslich damit befasst und gemerkt, dass mir das durchaus gefallen würde und dass das auch eine Gelegenheit darstellen könnte, aus mir herauszukommen. Ich konnte dann glücklicherweise die Schule machen und vor rund einem Jahr die Prüfung zum Peer ablegen.

Das Schönste an dieser Ausbildung war, dass sie meiner Krankheit irgendwie einen Sinn gab, denn obwohl all diese Erfahrungen sehr schmerzhaft gewesen sind, können sie dennoch wertvoll sein. Sie können vielleicht anderen helfen. Und selbst wenn ich nicht immer sofort helfen kann, kann ich vielleicht doch immerhin indirekt Hoffnung vermitteln. Dazu kann man als Peer auch viel zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen, denn das Thema ist immer noch ein grosses Tabu. Und was ein Tabu ist, darüber redet man nicht und worüber man nicht redet, das führt wieder zu Vorurteilen.

G: Was beinhaltet so eine Peer-Ausbildung und was macht man dann als Peer?

K: Das Ganze ist in verschiedene Module eingeteilt, aber der Kern der Sache ist, zu lernen, wie man die eigenen Erfahrungen nutzen kann, um anderen zu helfen.

Die Arbeit als Peer beinhaltet einerseits die Arbeit mit Patienten, beispielsweise in psychiatrischen Einrichtungen, aber andererseits auch viel Aufklärungsarbeit.

G: Du bietest auch eine Art wandernde Gesprächsgruppe an, wo man nicht zusammen in einen Raum sitzt und redet, sondern stattdessen gemeinsam spazieren geht und da dann ein Gespräch anfängt. Wie hat sich das ergeben?

K: Ich habe einerseits eine starke Angst vor geschlossenen Räumen. Andererseits kann es extrem unangenehm sein, wenn man zusammen in einem Kreis sitzt, man sich in die Augen schauen muss und dann niemand etwas sagt. Für mich persönlich war das immer sehr stressig. Wenn man hingegen nebeneinander läuft und einfach in die gleiche Richtung schaut, dann ist das viel angenehmer und das Gespräch viel offener. Dazu tut es einfach auch gut, sich zu bewegen. In der Psychiatrie hat man so wenig Bewegungsmöglichkeiten. Man kennt ja auch die physiologischen Auswirkungen von Sport im Hirn und ich denke daher, dass sich hier noch sehr viel erreichen liesse.

G: Eine Frage zum Abschluss: Du bist ein Mensch wie jeder anderer, aber irgendwie eben trotzdem anders. Deshalb: Was sind deine Wünsche und Pläne für die Zukunft?

K: Ganz allgemein wünsche ich mir für die Zukunft, dass psychische Erkrankungen gleich angesehen werden wie somatische; dass man gleichbehandelt und auch als mündiger Mensch wahrgenommen wird. In Bezug auf die Psychiatrie wünsche ich mir auch, dass ich in die Entscheidungen miteinbezogen werde, sodass ich diese auch nachvollziehen kann. In der Behandlung somatischer Erkrankungen bekommt man ja auch immer mehrere Optionen vorgestellt – wieso bleibt der Miteinbezug von Patienten bei psychischen Erkrankungen also oftmals einfach auf der Strecke? Ich denke, hier wäre es wichtig, dass man eine Gleichbehandlung schafft. Das gilt beispielsweise auch, wenn man fixiert wird. Ist man auf der Intensivstation, so ist jemand 24h pro Tag dort und überwacht einen. Bin ich hingegen in der Psychiatrie auf einer Liege fixiert, so bin ich einfach komplett alleine. Das ändert sich zum Glück auch langsam und vielleicht darf man irgendwann einmal genau so einfach sagen: «Ich bin depressiv und kann nicht mehr schlafen» wie «ich habe mir das Bein gebrochen».

Für mich persönlich… Ich habe momentan recht starke Schmerzen und da mein Sport mir viel Halt gibt, würde ich mir wünschen, dass ich mich wieder schmerzfrei bewegen kann. Es wäre auch schön, irgendwann einmal aus den Ergänzungsleistungen heraus zu kommen. Am meisten wünsche ich mir aber einen Partner, mit dem ich auch die schönen Momente des Lebens teilen und geniessen kann.

 

Borderline-Persönlichkeitsstörung: Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung handelt es sich, wie der Name schon sagt, um eine Persönlichkeitserkrankung. Betroffene legen häufig ein impulsives, nicht selten auch selbstzerstörerisches, Verhalten an den Tag, zeigen ein instabiles Selbstbild oder auch eine starke emotionale Labilität. Das genaue Krankheitsbild mag variieren.

 

 

«Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt.»

Ein Leben geprägt von psychischen Erkrankungen

cof

Lieblingsgetränk: Vanilleshake

G: Liebe M, herzlichen Dank für dieses Interview. Vielleicht um anzufangen und unser Gespräch etwas abzustecken: Welche Diagnose steht bei Ihnen im Raum?

M: Ich habe mehrere Diagnosen erhalten. Die erste war diejenige einer Zwangsneurose. Später wurde ich mit Depressionen, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie einer bipolaren Störung (manisch-depressiv) diagnostiziert. Zuletzt diagnostizierte man mir eine Schizophrenie.

G: Das ist ja ziemlich viel – hat sich jede dieser Diagnosen letztlich bewahrheitet oder wurden gewisse davon schliesslich revidiert?

M: Doch, doch, es gab dann einige Revisionen.

G: Gibt es eine Diagnose, mit der Sie sich selbst identifizieren können oder von den Sie denken, dass sie passt?

M: Ich denke, die Zwangsstörung und die Schizophrenie sind sicher zutreffend. Ich höre zum Beispiel Stimmen; Stimmen, von denen ich denke, dass sie normal sind – innere Stimmen hat sicherlich ja jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad – und Stimmen, von denen ich denke, dass sie nicht normal sind.

G: Wieso haben Sie sich schliesslich in Behandlung gegeben? Woran haben Sie gemerkt, dass Sie etwas tun sollten?

M: Es fing an, als ich meine Grafikerlehre abbrach. Ich spürte dann, dass ich gewisse Verarbeitungsschwierigkeiten hatte. Es fühlte sich an, als hätte ich zu viel Licht in den Augen und das war auch sehr schmerzhaft. Ich weiss auch noch, dass ich bei meinen Eltern dann schreiend über den Gartenzaun gesprungen bin…

G: Dieser Krankheitsausbruch ist also nun bereits einige Zeit her, stimmt das?

M: Genau, das ist jetzt 37 Jahre her bereits.

G: Wie entwickelte sich das Ganze nach diesem Vorfall?

M: Der Hausarzt sprach dann mit meiner Mutter und meinte, dass ich Erholung nötig hätte, was vielleicht zunächst einmal etwas merkwürdig klingt. Das war dann das erste Mal, dass ich in die Klinik kam.

G: Wie war es dann ihr erster Klinikaufenthalt? Fanden Sie, dass das hilfreich war, oder kamen Sie zurück in den Alltag und alles war eigentlich immer noch gleich?

M: Mein Zustand besserte sich zwar durch den Aufenthalt, aber ich fühlte mich nicht wohl in der Klinik. Die Leute, die Umgebung… Es stimmte einfach nicht für mich.

G: Was passierte, nachdem Sie ihre Grafikerlehre abgebrochen und aus der Klink zurückgekehrt waren?

M: Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber ich übte dann verschiedene Jobs aus. Ich arbeitete beispielsweise in der Spedition oder ging putzen. Das ging jeweils eine gewisse Zeit bis es mich wieder «verputzte» und ich dann schliesslich wieder in die Klinik musste.

G: Es war also letztlich immer ein wenig ein Rein und Raus in und aus der Klinik?

M: Ja, genau.

G: Wie gehen Sie jetzt mit der Sache um? Gibt es Dinge, die Sie über all die Zeit gelernt haben?

M: Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich ziemlich stabil bin. Aber ich muss trotzdem immer aufpassen, was ich mache und wie ich es mache.

G: Was passiert denn in den Momenten, in denen es jeweils plötzlich nicht mehr geht?

M: Ich erlebe jeweils einen ziemlich starken Realitätsverlust. Ich befinde mich dann in meinen eigenen Gedanken, meiner eigenen Welt, sozusagen, die nicht mehr realitätsbezogen ist. Ich verspüre jeweils starke Ängste und diese lösen dann Wahnvorstellungen aus.

G: Werden in diesem Moment auch beispielsweise die Stimmen, von denen Sie gesprochen haben, aggressiver?

M: In der letzten Zeit merke ich vor allem, dass die Zwänge dann schlimmer werden. Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen nehmen dann einen enormen Raum in meinem Leben ein, obwohl die Dinge, auf die sich meine Handlungen beziehen, für andere Menschen überhaupt kein Problem darstellen.

G: Gibt es hierbei ein Muster?

M: Normalerweise besteht eine Angst, dass ich etwas falsch mache. Daraus resultiert üblicherweise eine Angst, dass ich tatsächlich etwas falsch gemacht habe und dass dieses Tun extrem schlimme, gar tödliche Folgen hat. Es ist eigentlich dann eine Angst vor einem gewaltsamen Tod.

G: Und das drückt sich jeweils in bestimmten Zwangshandlungen aus?

M: Ja, genau.

G: Wie gehen Ihre Angehörigen, Ihre Eltern mit der Situation um?

M: Ich finde eigentlich, sie können gut mit der Sache umgehen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass sie das Ganze nicht verstehen, nicht nachvollziehen können. Sie haben da einfach keinen Zugang.

G: Ist dies für Sie persönlich schwierig oder haben Sie gelernt, damit umzugehen?

M: Ich versuche mittlerweile gar nicht mehr, darüber zu reden. Es gibt Situationen, in denen ich etwas sagen muss, weil mich etwas stört, aber eben… Sie sind mittlerweile auch schon über 90 Jahre alt und es ist halt ein wenig, wie es ist.

G: Wie ist es mit anderen Leuten – ist Ihre Krankheit eher etwas, das Sie für sich behalten, oder reden Sie manchmal darüber?

M: Wenn es sehr dringlich wird, wenn ich wirklich geplagt werde davon, dann muss ich fast darüber reden; es wird dann wie ein Drang. Viele Leute reagieren aber eigentlich ziemlich gut. Im Bus beispielsweise erlebte ich wirklich einige gute Situationen. Die Leute versuchen meist mir zuzuhören. Oder einmal sprach ich auch eine Frau auf der Strasse an, in der Nähe, wo ich wohnte, und sie war sehr nett und sagte mir, dass ich gerne auch vorbeikommen könne, wenn es mir schlecht ginge.

Sehr schlimm war für mich aber, als mir an meiner letzten Arbeitsstelle gekündet wurde, weil ich wieder Medikamente nehme. In der Anschauungsweise der Personen meiner ehemaligen Arbeitsstelle sind Medikamente etwas Schlimmes. Man stirbt halt schon besser, wenn man keine nimmt [lacht].

G: Sie werden jetzt bald in eine betreute Wohnung ziehen – was waren Ihre Gründe hierfür?

M: Die Einsamkeit ist mein Grund. Diese Idee kam eigentlich in der Klinik erstmals auf. Eine der Sozialarbeiterinnen kannte die Betreuerin einer dieser Wohnungen und mir gefiel es dann beim Besuch sofort von den Räumen und den Personen her.

G: Was sind die Vorteile eines solchen betreuten Wohnens?

M: Man kann beispielsweise zusammen schauen, was man isst oder wer was wann kocht… Es ist einfach schön, wenn man nicht alles alleine machen muss. Zuhause esse ich oft einfach etwas aus dem Kühlschrank, weil ich keine Lust habe, nur für mich zu kochen.

G: In diesem Zusammenhang: Würden Sie sagen, dass Ängste und Zwänge, wie Sie sie haben, oft auch sozial isolierend sein können und dass Sie sich deshalb vielleicht auch oft alleine fühlen?

M: Ich denke, das ist sicher so, aber es spielen auch andere Faktoren hinein.

G: Nach all dieser Zeit: Gibt es vielleicht so etwas wie ein Fazit – wenn man das so sagen kann – aus all dem, was in Ihren Leben geschehen ist in Bezug auf Ihre psychische Gesundheit?

M: Ich habe das Gefühl, mein Zustand hat sich insgesamt verändert; er ist besser geworden. Die Ausnahme zur Regel bilden jeweils diese Rückfälle, die dann schon sehr schlimm sind. Ich finde aber, dass ich nun eigentlich richtig leben kann. Als ich jünger war, war ich dermassen depressiv, dass das nicht wirklich ging. Ich habe nun mehr Lebensqualität und erlebe auch mehr Sinn. Zeichnen, Malen… Solche Dinge geben mir Sinn und helfen mir auch Gefühle auszudrücken, die ich anders nicht gut ausdrücken kann.

G: Könnten Sie beispielsweise das Zeichnen oder Malen auch anderen als Mittel zum Ausdruck empfehlen?

M: Ich habe in der Klinik Leute sowohl getroffen, die sich mündlich bereits sehr gut ausdrücken können, als auch Menschen, die zeichnerisch und malerisch sehr begabt sind. Von dem her denke ich, dass jeder dasjenige finden muss, das für ihn oder sie hier passt und ihm oder ihr hilft, sich auszudrücken.

G: Was hat Sie denn zum Malen bewegt?

M: Während meiner Grafikerlehre hat mir mein Lehrmeister jeweils einen halben Tag und einen Abend pro Woche für Freikurse zur Verfügung gestellt. Ich nahm damals die Kurse Malen und Aktzeichnen und entdeckte dies so für mich. Ich merkte, dass ich so etwas ausdrücken konnte, das ich sonst jeweils nicht auszudrücken vermochte. In den ganz schlimmen Phasen konnte ich aber teilweise nicht mehr malen, weil es mir sehr schlecht ging. Leider.

G: Was macht man in diesen Momenten, in denen es einem wirklich einfach nur schlecht geht?

M: Nun, man muss es einfach aushalten. Es gibt nichts anderes. Man kann nur aushalten, warten und hoffen, dass es besser wird. Ich denke manchmal dann nicht mehr, dass es mir irgendwann wieder besser gehen wird, aber bisher war das noch immer irgendwann der Fall.

G: Was würden Sie Menschen empfehlen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind?

M: Das kommt schon sehr darauf an, wie schlimm die Krise ist. In meiner Situation gab es wirklich nichts anderes mehr, als in eine Klinik zu gehen, selbst wenn ich diesen Schritt eigentlich lange angezweifelt habe. Ich würde wahrscheinlich einfach zuerst mit jemandem das Gespräch suchen und dann abschätzen versuchen, was man am besten tun sollte. Dann sollte man entscheiden, ob ein Klinikaufenthalt notwendig ist.

Bei mir war es denn auch so, dass ich die Klinik das erste Mal als sehr negativ erlebt habe, jetzt beim letzten Mal aber eigentlich überhaupt nicht mehr. Es hat sich wirklich sehr viel verändert. Das Essen ist viel besser – das macht schon viel aus –, das Personal geht viel mehr auf einen ein, man wird nicht mehr nur isoliert…. Sie haben zwar nach wie vor nicht so viel Zeit, aber der Unterschied ist schon bemerkenswert.

G: Gibt noch etwas, das Sie selbst noch anfügen möchten, etwas, das in unserem Gespräch vielleicht gefehlt hat?

M: Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Vielleicht sieht man es manchmal weniger, aber deshalb verschwindet es ja nicht plötzlich. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt. Dass man solche Dinge oftmals nicht sieht, macht halt manchmal auch das Verständnis schwierig, aber das ist wahrscheinlich einfach so. Man könnte aber viel voneinander lernen: Sowohl die Gesellschaft von den Erkrankten als auch die Erkrankten von der Gesellschaft.

Ich denke, die Psyche ist etwas, das sehr schwierig zum Erfassen ist. Wenn man Probleme mit der eigenen Psyche hat, dann muss man sich stärker mit sich selbst auseinandersetzen. Dadurch lernt man aber auch viele spannende Dinge.

G: Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview.

„Menschen sind keine Joghurts“

Liebe alle,

Für einmal möchte ich euch ein bisschen etwas anderes präsentieren: Nämlich einen Spoken-Word Text von einer Freundin von mir, der auch sehr gut zur Thematik dieses Blogs passt und der letzten Oktober im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kultur sieht Pink“ hier in Solothurn aufgeführt wurde.

Ohne mehr zu verraten: Lest und geniesst!

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Eigentlich wollte ich hier über Ding reden, über die man nicht spricht. Über
Dinge, die man nicht sagt, weil sie jemanden belasten könnten; weil man sich
sonst erklären müsste. Über den Tod, Essstörungen, Depressionen, Sexualleben
und Angst. Über Dinge, die uns alle betreffen. Ganz intime Dinge. Über Gott
und die Welt wollte ich reden, nur ohne Gott, und ohne Welt. Über Dinge, die
gedacht werden müssen, ohne jemandem eine Ideologie in den Kopf zu pflanzen.
Eine Art Brandrede gegen das nicht Ausgesprochene.
Ja, genau darüber wollte ich reden. Aber ich habe Angst. Angst, dass ich meine
Gefühle nicht bremsen kann. Angst, dass es zu intim wird. Angst, dass ihr mir
nicht glaubt und Angst, dass ihr danach hier rausgeht, aus diesem Raum, und
alles verdrängt, was ich hier gesagt habe. Aber reden wir nicht darüber. Denn
wenn wir nicht darüber reden, brauche ich auch keine Angst zu haben. Und dann
geht’s uns allen doch gleich viel besser. Wenn wir nicht darüber reden, dann
geht’s uns gut.
Es geht uns schliesslich immer gut. Jeder Smalltalk fängt an mit den Worten: „Wie
geht’s?“. Anstelle, dass wir sagen würden: „ Nein mir geht’s verdammt noch
mal nicht gut, weil ich seit Monaten zu wenig schlafe und mich finanziell kaum
über Wasser halten kann. Meine Zimmerpflanzen sind alle elend verreckt, weil
ich zu wenig Zeit hatte, sie zu giessen und als ich sie retten wollte, habe ich sie
ersoffen. Meine Ausbildung läuft so gar nicht, meine Zukunft macht mir Angst
und gestern ist mein Hamster gestorben, weil er sich von einer der
Zimmerpflanzen ernährt hatte!“ Nein. Wir antworten lieber auf die Frage, wie es
uns geht mit: „Gut, Danke.“ Und wenn’s uns wirklich nicht gut geht, dann ist das
Höchste der Gefühle, das zugelassen wird, ein: „Ich bin einfach ein bisschen
müde.“ Ein bisschen müde. Das kann jeder nachvollziehen und man läuft nicht
Gefahr, Fragen beantworten zu müssen.
Bitte denkt jetzt von mir nicht, dass ich Smalltalk hasse. Es ist die beste Art mit
jemandem zu reden, mit dem man überhaupt nicht reden will. Aber am liebsten
reden wir darüber, wie es uns nicht geht. Es geht uns nicht schlecht. Wenn wir
an unterernährte Kinder in Afrika denken, geht es uns wirklich nicht schlecht.
Weil denen, ja denen geht’s schliesslich so richtig beschissen. Aber daran
denken wir nur, wenn wir gefragt werden, wies uns geht oder kurz vor
Weihnachten beim Schaulaufen von Spendenorganisationen oder noch bei Oma,
die uns sagt, dass wir unseren Rosenkohl aufessen sollen. „Ein Kind in Afrika
wäre froh, hätte es nur die Hälfte des Rosenkohls den du hier hast. Und jetzt
iss.“ – „Ich wäre auch froh, hätte ich nur die Hälfte des Rosenkohls, und selbst ein
Kind in Afrika kann erkennen, dass Rosenkohl die Machenschaft des Teufels
ist.“ Aber das beiseite. Ein Kind in Afrika als Symbol für unseren übertriebenen
Wohlstand. Ein Symbol dafür, dass es uns hier nicht schlecht gehen darf. Aber
reden wir nicht darüber.
Jemand, der alles hat, kann sich schliesslich nicht beklagen. Essen haben wir
wahrlich genug und ein Dach über dem Kopf und eine Zukunft. JA, genau. Und
die meisten wissen ebenso wenig damit anzufangen. Was tun wir, wenn es uns
aber dennoch schlecht geht, wenn wir es doch gar nicht dürften? Schweigen und
ignorieren. Frei nach dem Motto: Wenn man nicht über Probleme spricht, dann
sind sie auch nicht real. Aber reden wir nicht darüber. Wer würde schon daran
denken, dass jemand in seinem Umfeld an einer Depression leiden könnte? Die
sehen alle immer gut aus und wenn man sie fragt, wie’s ihnen gehe, sagen sie
immer: „Gut, Danke“. Wer sollte da schon darauf kommen, dass jemand an einer
Depression erkrankt ist, wenn die nichts sagen? Haha, ha, ha.
Das Krankheitsbild sieht auch nicht gleich aus, wie bei einem gebrochenen Bein.
Die Genesungszeit dauert auch nicht nur sechs Wochen, wie bei einem
gebrochenen Bein. Und zu erkennen, dass jemand an einer Depression erkrankt
ist, ist auch nicht so einfach wie ein gebrochenes Bein. Kurz: Eine Depression
ist kein gebrochenes Bein. Selbst zu erkennen, dass man an einer Depression
erkrankt ist, ist genauso schwierig, wie darüber zu reden. Ebenso sitzt ein
Depressiver nicht nur zu Hause in seinem Zimmer und heult die ganze Zeit. Es
gibt viele gute Tage dazwischen, wo man das Gefühl hat, man hätte einfach eine
schlechte Phase überwunden. Es gibt ganz viele Erkrankte, die funktionieren.
Die das antworten, was von ihnen erwartet wird. Das machen, was von ihnen
erwartet wird, und zu Hause oder in ihrer Freizeit sind sie einfach. Weder
grossartig glücklich noch grossartig traurig. Aber reden wir nicht darüber.
Reden wir nicht darüber und schweigen wir es tot. Dann muss ich mich und ihr
euch nicht damit beschäftigen. Dann ist das Problem gelöst oder löst sich von
selber. Zumindest ist es dann nicht mehr mein Problem. Wir leben im 21.
Jahrhundert, da muss man nicht mehr darüber reden, welche Sexualität man hat.
Da weiss man das einfach. Da muss man nicht mehr danach suchen und sich in
der Gesellschaft behaupten, denn die Gesellschaft hat das ja vollumfänglich
akzeptiert. Genauso wie das Sterben. Jeder weiss, dass er mal stirbt.
Wissenschaftler können schliesslich ziemlich viele Todesursachen und das
Durchschnittsalter des Sterbens berechnen. Darum brauchen wir nicht darüber
zu reden. Und dennoch kann man bei jedem Durschnitt nicht ein genaues
Ablaufdatum festlegen. Menschen sind keine Joghurts. Und selbst einen Joghurt
kann man nach seinem Verfallsdatum noch essen. Was bei einem Menschen dann
doch eher nicht zutrifft. Aber lassen wir das. Menschen sind keine Joghurts. Der
Mensch kann etwas nicht und das macht ihm Angst, und weil es ihm Angst
macht, ignoriert er es.
Ich habe auch Angst. Nicht vor Spinnen oder anderen kleinen Tierchen. Nein.
Ich habe Angst zu Versagen. Angst nicht zu genügen. Angst alle, die ich liebe, zu
enttäuschen. Angst, dass mich die Menschen, die ich mag, nicht mögen. Angst,
dass ich mein Gefühle jetzt gerade nicht bremsen kann. Angst, dass ich nie
genug stark und nie genug schwach sein werde. Angst, dass ich vielleicht dem
Durchschnitt entsprechen könnte. Angst, dass ihr mir nicht glaubt und Angst,
dass ihr jetzt hier rausgeht, aus diesem Raum, und alles verdrängt was ich hier
gesagt habe. Aber reden wir nicht darüber.

„Ich bin so dankbar, dass ich rechtzeitig den Entschluss fassen konnte, nochmals neu zu beginnen“

Oder: Wie ich die Leere zu füllen lernte

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Lieblingsgetränk: Heisse Schokolade mit Sojamilch

Ich stand vor dem blassen Fenstersims. Um mich herum muss es noch relativ still gewesen sein; womöglich hatte ich wieder einmal eine Prüfung verfrüht abgegeben und war dem stickigen Klassenzimmer als erste entflohen. Entflohen war ich vielem in den letzten Wochen: den drückenden schulischen Verpflichtungen, den besorgten Blicken der Mitschüler, den vielen Fragen meiner Eltern. Was wusste ich denn auf all dieses schon zu antworten?

Mein Notizbuch lag vor mir. Hier, in einem Korridor des Gymnasiums, schrieb ich:[1]

Er sagte nichts.

Aus seinen Augen

Floh das Licht

Man kann behaupten

Seit Beginn war er schon tot.

 

Aus dem Gesicht

Schwand das Vertraute

Es entwich

Der letzte Glaube

An ein Wunder, doch nicht Gott.

Schon als Kind spürte ich immer wieder die Last einer inneren Leere. Alles erschien mir in diesen Momenten sinnlos und langweilig. Dieses Gefühl verstärkte sich im Laufe der Zeit. Auf der Suche nach Identifikation und Aufmerksamkeit gewann ich eine Faszination für die «Emo»-Szene, Punk- und Hardrock-Musik, sodass schwarze Kleidung und Schminke fortan mein Markenzeichen waren. Im Alter von zwölf Jahren ritzte ich mich zum ersten Mal, wahrscheinlich mehr aus Sehnsucht, weil ich das Bedürfnis hatte, dieses Loch in mir zu füllen und «jemand zu sein».

Während der Oberstufenzeit und dem ersten Jahr am Gymnasium tat ich dies zwar nicht mehr, doch ich steigerte mich weiter in düstere Gedanken, fühlte mich einsam, weil meine Altersgenossen mein Grübeln und Hinterfragen nicht nachvollziehen konnten. Es gab kurze Momente, in denen Ängste aufkamen, tiefe Ängste vor dieser Finsternis, die sich auf alles gelegt hatte.

Seit meiner frühen Kindheit glaubte ich an Gott, doch während dieser Zeit hatte ich mich von Ihm entfernt – die Musik und mein Image als «Rebellin» waren mir wichtiger geworden. Dennoch wuchs gerade in diesen Jahren – ich war fünfzehn – das Verlangen, nach Ihm zu suchen. Ich hatte viele Fragen und suchte nach einer Gelegenheit, sie zu stellen. Diese fand ich in einer christlichen Facebookgruppe. Ihre Mitglieder stammten grösstenteils aus Freikirchen in Deutschland oder Österreich. Schon nach kurzer Zeit stellte ich fest: Diese Menschen hatten, wonach ich suchte. Sie hatten einen authentischen Glauben, lebten ihn mit ganzem Herzen. Im Gespräch mit diesen Leuten entschied ich, mich Gott verstärkt zuzuwenden.

Doch die Last der Depression verschwand nicht durch diesen Entschluss. Vielmehr befand ich mich nun im ständigen Kampf. Auf der einen Seite wollte ich neu beginnen und Gott kennenlernen – auf der anderen Seite zogen mich Suizidgedanken weg von ihm. Ich erlebte tiefe Erfüllung beim Bibellesen und fühlte mich in meinem Leid angesprochen, gerade von Texten wie Psalm 55 – auf der anderen Seite war ich süchtig geworden nach dem vorübergehenden Trost einer blutenden Wunde, die ich mir selbst zufügte.

«Ergibst du dich!»,

höhnts immer lauter

es senkte sich

erschöpft das Haupte

und gab sich hin der schweren Not.

 

«Erhöre mich!

Und lass mich laufen

Zieh mit dicht

Zu deinem Hause

– aus dieser Hölle führ mich fort!»

Ich wusste, dass ich dringend weg wollte aus dieser Lage. Überall, wo ich war, begleitete mich der Konflikt: die quälende Leere und meine Verstrickung in sie gegen den Wunsch nach einem Neuanfang.

An einem Nachmittag war ich sehr kurz davor, alles aufzugeben, auch das Leben selbst. Ich bin so dankbar, dass ich jedoch rechtzeitig den Entschluss fassen konnte, nochmals neu zu beginnen. Nach einem langen Gespräch mit meiner damaligen besten Freundin, welche auch Christin war, beschloss ich, dass es nicht mehr so weitergehen konnte.

Doch wie sollte die Zukunft aussehen? Ich stellte mir vor, insgesamt glücklicher zu sein, ausgeglichener. Die Depression würde wohl nie ganz verschwinden – aber ich würde es schaffen, die Momente der Dunkelheit zu überwinden und weiterzugehen.

Es kam jedoch anders.

Und da, ein Licht

Es stürzten Bauten

Die stellten sich

Um den Beraubten

Und frei war er von diesem Ort.

 

«Verzage nicht,

du kannst es glauben

dem, der verspricht

für immer hält der Herr sein Wort!»

Der Beginn war schwierig – wann immer ein Problem auf mich zukam, musste ich das Verlangen nach dem Ritzen zum Schweigen bringen, alle Sehnsucht zu sterben, die dann in mir aufkam, verweigern. Doch die Willenskraft, die ich dabei aufbrachte, überstieg alles, was im Rahmen meiner bisher gekannten Möglichkeiten lag.

Ich empfand tiefe Freude, wenn ich mich an Gott wandte, in der Kirche zu Ihm sang und mit Zeit mit Menschen verbrachte, die den Glauben an Ihn teilten. Immer mehr nahm ich wahr, dass die Leere in mir verschwunden war.

Diese ganze Geschichte liegt nun hinter mir. Die Depression, dieses tiefe Gefühl der Lustlosigkeit, ist nicht mehr zurückgekehrt, auch mit Selbstverletzung oder Suizidgedanken kämpfe ich nun nicht mehr. Stattdessen bin ich voller Zuversicht, auch wenn Schwierigkeiten aufkommen. Ich habe gute Freunde gefunden, mit denen ich das Leben teilen kann. Diejenigen, die mich länger kennen, können bezeugen, wie stark ich mich gewandelt habe. Ich habe eine grundlegende Freude in mir und bin dankbar für das Leben.

 

 

[1] Ich schrieb dieses Gedicht, Leere, im Frühjahr 2013. Im Nachhinein habe ich nur kleine Änderungen vorgenommen.

 

 

 

 

 

Leidest du oder jemand, den du kennst an suizidalen Gedanken oder verletzt du dich oder jemand anderes sich selbst? Dann wende dich an jemanden, dem du vertraust oder kontaktiere beispielsweise die Dargebotene Hand: https://www.143.ch/.
Du bist nicht allein. Du musst dich nicht schämen.
Und es gibt Möglichkeiten, einen Weg aus der Leere und Verzweiflung  zu finden.

 

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 3: Fallbeispiel

Oder: Wie Eintritt, Diagnose und Austritt eines Patienten*/ einer Patientin* aussehen könnten und was V* dazu meint

cof

Lieblingsgetränk: Unterschiedlich; zum Zeitpunkt dieses Gesprächs ein Milchkaffee

Anmerkung: Dieser Bericht resultiert aus verschiedenen Begegnungen mit Betroffenen von psychischen Erkrankungen während einer stationären Behandlung und gibt nicht eine tatsächlich eins zu eins so vorgefallene Gegebenheit wieder.

 

Herr P., 46-jährig, Schreiner von Beruf, begleitet seine Ehefrau, 43-jährig, früher Verkäuferin, zur Aufnahme in die Klinik. Die beiden haben 2 Töchter (22- und 19-jährig) und einen Sohn (15-jährig).

Der Gesichtsausdruck von Frau P. ist ernst, von der Umgebung unberührt, leer, zugleich von einer inneren Anspannung vibrierend. Ihre starren Bewegungen drücken Untätigkeit und eine innere Unruhe aus. Während des langen Aufnahmegesprächs sitzt Frau P. kerzengerade auf der Stuhlkante; sie wirkt in allem gehemmt. Herr P. sitzt entspannt im Sessel; er wirkt kräftig, vital und aufmerksam. Auf Nachfrage weist er eine Überforderung seinerseits zurück; er sei Kummer gewohnt, seine Frau sei krank und sie brauche jetzt eine Behandlung.

Da jede Frage schneller von ihm als von seiner Frau beantwortet wird, empfehlen wir ihm die Angehörigengruppe, auch um mit seiner Frau überhaupt ins Gespräch zu kommen.

Das geht allerdings nur stockend und mühsam:

Frau P. fühle sich wie versteinert, hoffnungslos, könne nicht trauern, nicht das Nötigste im Haushalt tun. Sie grüble oft und ihre Gedanken würden sich im Kreis drehen. Alles erscheine ihr sinnlos, meint sie, sie fühle sich überflüssig und sehe sich als Ballast für die Familie, solle aus dem Leben treten. Die einfühlende Fürsorge mache ihre Schuldgefühle noch schlimmer. Sie habe darüber hinaus ständig Unterleibsschmerzen, keinen Appetit mehr und habe in 5 Wochen rund 7kg abgenommen. Sie könne seit Wochen nicht mehr durchschlafen und sei jeweils am Morgen sehr erschöpft. Zudem lebe sie isoliert zu Hause. Die Ehe sei zwar gut, es gäbe keine Konflikte oder Belastungen. Ihr Ehemann sei aber dominant und bestimme das Geschehen.

In den letzten Tagen habe sich ihre Lage zugespitzt; sie sei überzeugt, nie mehr gesund zu werden und fühle sich vermehrt ängstlich. Sie habe am Abend mehrmals das Haus verlassen und wollte von einer Brücke springen, um diesen Leidensdruck zu beenden.

Dies sei innert fünf Jahren die dritte Depression. Nach rund zehn Wochen stationärer Behandlung sei es ihr jeweils wieder gut gegangen und sie konnte dann ihre Aufgaben wie den Haushalt und die Gartenpflege auch wieder erfüllen. Von ihrer Mutter seien ebenfalls depressive Zustände bekannt.

Diese Schilderung rechtfertigt schliesslich die folgende Diagnose: Schwere Depression ohne psychotisches Erleben sowie mittelgradige Angstzustände.

Aus dem Bericht von Frau P. erfahren wir verschiedene Defizite / Probleme bezüglich den „Aktivitäten des täglichen Lebens“:

  • Schlafstörungen / Erschöpfung
  • Fehlender Appetit / Gewichtsverlust
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schmerzen im Unterleib
  • Verminderter Antrieb
  • Gedankenkreisen
  • Beeinträchtigte Kommunikation
  • Depressive Grundstimmung
  • Suizidgefahr
  • Sozialer Rückzug

 

Zusammen mit Frau P. nehmen wir letztlich drei der Defizite in den Pflegeprozess auf. Dies ist die gängige Praxis, da kaum alle Probleme gleichzeitig angegangen werden können und häufig das Lösen eines Defizits auch eine wesentliche Verbesserung in anderen Bereichen mit sich bringt. Es wird also der folgende Pflegeplan erstellt:

 

Diagnose: Schlafstörung / Erschöpfung

Assessment: Kann lange nicht einschlafen und erwacht mehrmals; ist am Morgen erschöpft

Intervention: Regelmässige Bettzeiten einhalten, Entspannungsbad, eigenes Ritual, Tee, Zimmer  durchlüften

Pflegeziel:: Pflegt geordneten Tag / Nachtrhythmus und ist am Morgen erholt

 

Diagnose: Suizidgefahr

Assessment: Hoffnungslos, sinnlos, interessenlos, geringes Selbstwertgefühl

Intervention: Achtsam am Abend, was ist tagsüber positiv verlaufen. Liste mit Eigenschaften  (mögen /ablehnen), Selbstvertrauen stärken

Pflegeziel: Gestärktes Selbstwertgefühl

 

Diagnose: Beeinträchtigte verbale Kommunikation

Assessment:  Spricht wenig, ohne Mimik und Gestik, monoton, negativ fokussiert

Intervention: Blickkontakt herstellen, Soziale Isolation vermeiden, Zeit lassen, Tägl. Feedback

 

Unterstützt wird die Behandlung durch ein stationsinternes Wochenprogramm mit Aktivitäten wie Spaziergängen, Ausflügen, Kochen, Entspannungsgruppen, Gruppenspielen und -gesprächen sowie Ergo-, Bewegungs-, Mal- und Lichttherapie und einer Depressionsgruppe.

Ihr Arzt führt darüber hinaus regelmässige Standortgespräche durch und prüft die Wirkung der medikamentösen Therapie.

Die Bezugspflege dagegen begleitet und unterstützt, wo nötig, Frau P. und führt regelmässig Pflegeplangespräche durch.

 

Bewusst wird an dieser Stelle nun die Behandlungsdauer von sechs Wochen übersprungen, da diese zu fest ins Detail gehen würde, um sie getreu wiederzugeben. Deshalb schildere ich nun zusammengefasst den Ist-Zustand von Frau P. vor ihrem Austritt:

 

  • Frau P. kann besser ein- und durchschlafen und ist am Morgen erholt; sie hat weniger Gedankenkreisen.
  • Ihr Selbstwertgefühl hat sich gesteigert; Hoffnung ist zurückgekehrt und sie zeigt vermehrt Interesse (beispielweise durch kochen oder vermehrtes sich mitteilen)
  • Sie kommuniziert sicht- und hörbar besser mit Mimik und Gestik und kann den Blickkontakt halten.
  • Suizidgedanken sind weniger häufig vorhanden und sie meldet sich bei Vertrauenspersonen.

 

Nach weiteren zwei Wochen Aufenthalt in der Tagesklinik tritt Frau P. in die alten Verhältnisse zurück.

Über den Austrittsfragebogen erteilt Frau P. dem Behandlungsteam eine sehr gute Note.

 

Was ist geschehen – war es für alle Beteiligten ein Vollerfolg? Ein Standarderfolg? Oder doch gar kein Erfolg?

Wenn ich Frau P.s Behandlung auswerte, kommen in mir Zweifel auf, ob sie nach ihrem Aufenthalt tatsächlich genügend Eigenverantwortung übernehmen kann und kräftig genug ist, IHR Leben zu gestalten und zu geniessen, zumal sie an der Seite eines dominanten Ehemannes lebt; selbst, wenn die Behandlung zunächst gewissermassen erfolgreich gewesen zu sein scheint.

Ich wage zu behaupten, dass das, was geschehen ist, eine Annäherung war – eine «Behandlung von aussen“, also eine Symptomdiagnose mit „Symptombekämpfung“.

Eine solche Diagnose erfasst aber nie die Wirklichkeit eines Menschen mit all seinen Facetten. Sie ist lediglich ein Modell für seine Auffälligkeiten.

Wir wissen deshalb nie genau, was grundlegend zur Genesung geführt hat; ob es die Therapien waren, die Fachgespräche, die Begegnung mit Gleichgestellten, die Alltagsentlastung, ein Klimawechsel, die Gruppenarbeiten oder das Kennenlernen neuer Menschen usw.

Mir fehlte im konkreten Fall von Frau P. die „Annäherung von innen“, die Grundhaltung in der Begegnung.

Diese scheint oft zu fehlen, denn psychisch kranke Menschen neigen oft durch Verunsicherung, Angst, und Schmerz dazu, ihre Lebenskrise abzuwehren statt zu nutzen. Dabei werden sie vom Behandlungsteam noch in den meisten Belangen unterstützt.

Ich behaupte: ein Irrtum! (Auch wenn das sicherlich leichter geschrieben als getan ist).

Die Grundlage für jede Hilfs- und Veränderungsaktion ist es, die Lebenskrise zu verstehen zu lernen und dann Lösungsansätze zu finden. Vorerst muss der/die Betroffene* sein* bzw. ihr* Selbstvertrauen und die Hoffnung wiedergewinnen.

Wie gestalte ich diese Begegnung? Durch Einfühlen in die betroffene Person? Das geht leider nicht, denn ich kann nur erfahren, wie sich Betroffene fühlen, wenn ich mir vorstelle, selbst in demselben Zustand zu sein.

Ein Ansatz, eine solche Begegnung zu gestalten, findet sich in der vor gut 20 Jahren in Amerika von psychisch Betroffenen gegründeten Recovery-Bewegung; einem Modell, in welchem nicht primär die Symptomatik behandelt wird, sondern Selbstbestimmung, Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gefördert werden. Unterstützt wird hierbei das Behandlungsteam von sogenannten «Peers», also Experten* und Expertinnen*, welche selbst Erfahrungen mit psychischen Leiden gemacht haben. Diese sind speziell ausgebildet und können Betroffene* mit Ratschlägen unterstützen und begleiten. Dies erscheint mir sinnvoller.

Was lässt sich also zum Abschluss sagen? Professionelle* wollen meist die Patienten* und Patientinnen* besser verstehen. Dabei sollte unser Ziel doch viel mehr sein, dass der Patient* bzw. die Patientin* sich selbst besser versteht – auf dem Umweg über ein Behandlungsteam. Ich muss also seine Lebenskrise reflektieren, damit meine Haltung zwangsläufig zum Modell für den Patienten* bzw. die Patientin* wird; damit er* oder sie* beginnt, sich zu fragen, was er bei sich ändern muss. Und das geschieht durch eine „Symptombehandlung“ bloss beiläufig; so wohl auch im Fall von Frau P..

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 2: Persönliche Erfahrungen

Zu den Höhen und Tiefen des Pflegealltags und dem Thema „Stigmatisierung“

cof

Lieblingsgetränk: Immer noch Apfelsaft :)

 

G: Wie steht es um die psychische Arbeitsbelastung für Pflegefachpersonen Psychiatrie?

V: Im Allgemeinen ist die Belastung in einer Psychiatrie recht hoch. Beispielweise im Akutbereich, in welchem es Betroffene* mit schweren Psychosen oder in einer akuten Manie gibt oder auch Patient*innen, die sich sehr aggressiv verhalten oder gar suizidgefährdet sind, kann es durchaus vorkommen, dass an einem Tag mehr als eine Behandlung gegen den Willen des Patienten durchgeführt wird.

 

G: Inwiefern führt denn das zu dieser Belastung?

V: Es ist sehr belastend für einen Patienten* oder eine Patientin* gegen den eigenen Willen auf eine geschlossene Station eingeliefert zu werden. Das stelle ich mir zumindest so vor. Jemand hämmert gegen die Türe, es wird herumgeschrien, das Team wartet auf die Polizei – das ist einfach nicht sonderlich angenehm, von aussen mitzuerleben und führt auch zu einer hohen Belastung, besonders für Pflegende mit geringer Erfahrung.

Suizide innerhalb der Klinik sind psychisch sehr belastend. Früher gab es dies in den Kliniken noch häufiger, heute hat dies abgenommen.

 

G: Eine Frage hierzu: Würde man nicht alle Gegenstände, die man potenziell zur Umsetzung suizidaler Absichten benutzen könnte, entfernen, sodass das eigentlich gar nicht vorkommen sollte?

V: Ich denke, früher schickte man psychisch Kranke häufiger und länger in die geschlossene Abteilung. Heute scheint mir die Tendenz eher dahingehend zu sein, kurze Intensivaufenthalte in einem geschlossenen Zimmer durchzuführen. In diesem Zimmer sind dann sämtliche Gegenstände entfernt worden, abgesehen von einer Bodenmatratze und einer Decke sowie einem WC, welches fix montiert ist. Zum Essen erhält der Patient* oder die Patientin* einen Löffel und einen Kartonteller. Bekleidet sind sie mit einem Trainingsanzug. Das ist das Minimum, das abgegeben werden muss. So lässt sich das Risiko natürlich insgesamt schon einmal minimieren.

Ich erlebte Suizidversuche, beispielsweise durch Strangulation oder mit einem Sprung aus dem Fenster. Und diese Ereignisse gehen wirklich „unter die Haut“; nicht zuletzt auch deshalb, weil ich natürlich eine gewisse Verantwortung trage und mir dann jeweils die Frage stelle, ob ich dies hätte verhindern können. Ich selbst musste aber lernen, dass man einen Suizid nie komplett verhindern kann – nirgendwo. Auch wir nicht. Ansonsten müsste eine rund-um-die-Uhr Überwachung mit Sichtkontakt sichergestellt werden. Und das ergibt keinen Sinn.

 

G: Wie geht das Pflegepersonal mit solchen Situationen um?

V: Früher sprach man da nicht wirklich darüber. Ich musste es einfach irgendwie auszuhalten lernen, einen Weg finden, das Ganze für mich selbst zu verarbeiten. Mittlerweile gibt es aber Teams, die nach solch einem Vorfall zusammenkommen, auch mit den Patient*innen auf den Stationen, um darüber zu reden. Diese Gespräche werden hierbei ärztlich begleitet. Da ist es natürlich hilfreich, wenn jemand schon gewisse Erfahrungen im Umgang mit solchen Situationen gemacht hat. Diese Person kann dann den anderen mitteilen, wie es ihr dabei ergangen ist, auch wenn es etwas morbid klingt.

 

G: Gibt es noch andere Quellen von Belastung für das Pflegepersonal?

V: Da gehören sicherlich Personalengpässe dazu: Wenn Personal auf andere Stationen abgezogen wird oder Stellen unbesetzt bleiben, sei es, weil diese vakant sind oder weil die betreffenden Personen beispielsweise in den Ferien oder an einer Weiterbildung sind. Dann nimmt der Zeitdruck zu, ich muss im Verhältnis mehr Verantwortung übernehmen und das führt zu einer grösseren Belastung, besonders auf Stationen, wo die Betreuung intensiv ist. Daraus resultiert auch, dass vermehrt Fehler passieren und unter Umständen sogar eine sogenannte «gefährliche Pflege» die Konsequenz ist: Dass ich nur noch für das Allernötigste sorgen kann, was zu Risiken von Schäden der Betroffenen* führen kann. Ein Beispiel hierfür, das aber sehr selten vorkommt, wäre, wenn jemand an einem Gurtenbett fixiert ist. Das ist schon für sich ein absoluter Ausnahmefall. Auf jeden Fall gehört dort aber eine Sitzwache dazu, die die betroffene Person ständig überwacht und begleitet. Ich habe Situationen erlebt, in denen diese Sitzwache gefehlt hat und jemand einfach jede Viertelstunde einmal vorbeikam, um nach dem bzw. der Betroffenen* zu schauen. Und das ist schlicht falsch. Eine solche Fahrlässigkeit kann sogar rechtlich verfolgt werden.

Je nach Teamzusammensetzung gibt es natürlich auch einfach personelle Konflikte, wenn es Anspannungen im Team gibt. Diese Zeit, die ich da verschwende, sollte eigentlich den Patient*innen zukommen.

Nicht zu unterschätzen sind auch die unregelmässigen Arbeitszeiten. Als Pflegefachmann oder Pflegefachfrau bin ich rund um die Uhr tätig. Dadurch kann der eigene Tag-Nacht-Rhythmus unterbrochen werden, Mahlzeiten verschieben sich und die sozialen Kontakte leiden, weil ich beispielsweise am Morgen frei habe, während Freunde oder Angehörige arbeiten; oder aber ich habe dann am Wochenende Dienst.

Zuletzt kann es auch belastend sein, Patient*innen zu behandeln, bei welchen ein Klinikaufenthalt nur sehr geringe Wirkung zeigt; bei schwer Depressiven, beispielsweise, die eine sehr lange Genesungsphase haben.

 

G: Auf deine letzte Aussage bezugnehmend: Kann das belastend sein, weil diese Personen einfach so lange da sind oder aber, weil man vielleicht das Gefühl hat, etwas falsch zu machen?

V: Es kann belastend sein, wenn sich trotz verschiedenen Therapieversuchen kaum ein sichtbarer Erfolg einstellt.  Dies zerrt an den eigenen Kräften. Vielleicht glaube ich aber auch nur, dass meine Bemühungen keine Wirkung zeigen. Trotzdem gibt es einzelne Patient*innen, die drei, vier oder gar fünf Monate hospitalisiert sind und fast nicht vorankommen. Besonders bei schwer depressiven Patient*innen hatte ich persönlich das Gefühl, dass sich eine Art Vakuum bildet, das dir selbst viel Energie raubt. Es gibt tatsächlich auch Pflegepersonal, das nicht mit depressiven Personen umgehen kann, gerade weil sie dies schlicht nicht ertragen.

 

G: Hast du eine Ahnung, weshalb das so sein könnte?

V: Ich denke, es gibt einfach für jeden eine Klientel, welche dir mehr oder weniger zusagt. Z.B. im Intensivbereich, wo es oft ein steter Betrieb ist, kann es sehr spannend sein, zu arbeiten. Wenn ich aber oft „den Motor anwerfen“ muss, kann dies auf die Dauer kräfteraubend sein.

 

G: Wie stehst du zum Thema Stigmatisierung von psychisch Kranken?

V: Vorurteile gegenüber psychisch Kranken erschweren die Behandlung massiv. Sie sind gehemmter Hilfe zu suchen und zu sagen: «Ich habe ein psychisches Problem». Es erschwert auch die Akzeptanz einer Diagnose und die Mitarbeit in der Behandlung.

 

G: Wieso denn genau? Weil sich betroffene Personen gar nicht erst melden, weil sie Vorbehalte haben oder wegen etwas anderem?

Prinzipiell wehren sich Betroffene nicht gegen eine Behandlung. Vorurteile lasten aber wie eine zweite Krankheit auf der betroffenen Person. Es ist aber auch möglich, dass sie aus Scham erst spät oder gar keine Hilfe akzeptieren.

Natürlich können solche Vorurteile auch im Freundeskreis oder bei der Arbeit belastend wirken. Viele wissen nicht, wie sie mit solchen Betroffenen* umgehen sollen und die betroffene Person selbst fühlt sich dann nicht verstanden. Andererseits ist es nicht einfach, damit umzugehen, dies dürfen man nicht vergessen.

Nicht zuletzt können so bei Betroffenen suizidale Tendenzen verstärkt werden, gerade wegen der oben genannten Gründe.

 

G: Gibt es bestimmte Vorurteile gegenüber psychisch Kranken oder einer psychiatrischen Klinik, die du selbst als widerlegt siehst?

V: Ein Vorurteil, das ich überhaupt nicht bestätigt gesehen habe, ist, dass psychisch Kranke sehr häufig Gewalt- oder Sexualstraftäter sind. Das wird in den Medien häufig in denselben Topf geworfen und das stimmt mich persönlich sehr traurig.

 

G: Ich denke, man hat halt auch unter den psychisch Kranken einfach das ganze Menschenspektrum. Klar kann es da auch Straftäter darunter haben, aber nicht jede*r psychisch Kranke*r ist auch ein*e Straftäter*in.

V: Das ist sicherlich so. Studien zeigen, dass innerhalb einer Klinik nicht prozentual mehr Straftäter*innen gibt oder mehr Gewalt stattfindet als ausserhalb einer Klinik.

Auch die Aussagen, dass psychisch Kranke Simulant*innen oder Schmarotzer*innen seien oder dass Betroffene* nur eine IV-Rente erreichen wollen, sind einfach nur verletzend.

 

G: Hat man dann auch noch eine IV-Rente ist man ja gleich doppelt stigmatisiert.

V: Genau.

Ein weiteres Vorurteil, dem ich häufig begegnet bin, ist, dass psychisch Kranke im Gesundheitswesen hohe Kosten verursachen. Nun, im Gesundheitswesen ist nichts mehr günstig. In einer Klinik gibt es dazu auch nicht solch teure Untersuchungen wie in einem allgemeinen Spital. Klar, die Personalkosten sind hoch, jedoch im Vergleich nicht höher als in einem allgemeinen Spital. Die Kosten medikamentöser Behandlungen sind nicht ausgenommen und sind im allgemeinen Rahmen.

Bei diesem Thema bleibend: Ein weiteres Stigma ist, dass Betroffene* mit Medikamenten nur ruhiggestellt würden. Ja, sie werden auch ruhiggestellt, aber dafür muss auch ein entsprechendes Ziel und Problem vorhanden sein, um grossen Leidensdruck zu lindern. Stell dir vor, jemand hat starke Verfolgungsängste: Es macht durchaus Sinn, in dem Moment ein Medikament so zu dosieren, dass die betroffene Person zumindest für eine Weile entspannt ist. Dass aber einfach alle «runtergespritzt» werden, stimmt schlicht nicht.

Hierzu passt auch die Aussage: «Psychopharmaka machen abhängig». Das stimmt nicht, denn Psychopharmaka sind nicht wie Beruhigungs- oder Schmerzmittel, die abhängig machen.

Zuletzt noch: Etwas, das auch so gut wie gar nicht mehr vorkommt, sind Elektrobehandlungen. Ich begleitete diese einst vor 30 Jahren, heute aber werden entsprechende Krankheiten medikamentös therapiert. Trotzdem hält sich dieses Bild weiterhin hartnäckig in den Köpfen der Bevölkerung.

 

G: Nun die Gegenfrage: Gibt es Vorurteile, die du bestätigt gesehen hast?

V: Beispielsweise die Aussage, dass Betroffene* gegen ihren Willen behandelt werden. Dies ist die letzte Massnahme, die ein Behandlungsteam ergreift, aber sie wird ab und an ergriffen. Bis es so weit kommt, versucht das Behandlungsteam allerdings die Mitarbeit des Patienten* oder der Patientin* zu gewinnen. Schliesslich müssen für eine Behandlung gegen den Willen des/ der Betroffenen* triftige Gründe vorliegen und die Behandlung muss auch rechtlich abgesichert sein. Die Gesetzgebung wurde in den letzten Jahren wirklich zu Gunsten des Klienten*/ der Klientin* verschärft. Heutzutage muss ein Arzt eine fürsorgliche Unterbringung beantragen und das Familiengericht muss dann eine Entscheidung treffen. Ohne diese kann jemand auf ärztlichen Entscheid hin lediglich 72 Stunden gegen seinen Willen in einer Klinik zurückgehalten werden. Anschliessend muss die betroffene Person ansonsten entlassen werden.

Was auch stimmt, ist, dass es überfordertes und ungeeignetes Personal innerhalb der Klinik gibt. In meiner Laufbahn habe ich mit Personen zusammengearbeitet, die besser nicht dort gearbeitet hätten, weil ihnen das Gespür für psychisch kranke Menschen fehlte. Das Machtgefälle kann auch  immer ein Problem sein. Es gab Angestellte*, die überfordert waren und ihre Macht ausnutzten, die auch physisch beispielsweise in einem Zimmer von oben auf den Patienten* oder die Patientin* hinabschauten. Für mich war es immer wichtig, mit dem Patienten* oder der Patientin* auf gleicher Ebene zu reden; mich auch physisch hinzuknien, wenn es sein musste, oder auf den Boden zu setzen, damit ich nicht auf sie hinabschaute.

Es gäbe sicherlich auch noch andere bestätigte Vorurteile, aber das sind die, die mir selbst eingefallen sind.

 

G: Was rätst du jemandem, der sich überlegt, in eine Klinik zu gehen?

V: Betroffene* sollten sich zuerst fragen, was sie verlieren können, wenn sie in eine Institution eintreten. Persönlich denke ich, dass man nichts verlieren, sondern nur eine Erfahrung gewinnen kann. Dazu ist eine vorzeitige Abklärung sicherlich vorteilhaft; das bedingt auch nicht, dass man sich gleich stationär einweisen lassen muss.

Es ist sicher schwer für den Betroffenen* bzw. die Betroffene*, wenn er* oder sie* selbst entscheiden muss, ob er* oder sie* sich einweisen lassen möchte. Da stehen einem viele Vorurteile gegenüber und das macht eine Entscheidung schwierig. Es gibt Betroffene*, die deshalb lange unbehandelt bleiben und das wirkt sich ungünstig auf die Genesung aus. Deshalb: Betroffene* sollten sich, wenn möglich, nicht von Vorurteilen in ihrer Entscheidung beeinträchtigen lassen, denn eine frühzeitige Abklärung und Behandlung erhöht die Heilungschancen wesentlich.

Deshalb sollten betroffene Personen sich zuerst in ihrem Umfeld umsehen: Gibt es vielleicht gute Freund*innen, Vertrauenspersonen, einen Hausarzt* oder Hausärztin*, an die man sich wenden könnte und was würden sie mir empfehlen? Hier ist es natürlich wichtig, dass die betroffene Person ihre Probleme offen und genau ansprechen kann. Man kann beispielsweise mit dem Hausarzt* oder der Hausärztin* darüber beraten, ob vielleicht eine ambulante Behandlung eine Option ist. Auch ist es möglich, die Klinik vorab zu besichtigen. Dies kann ich eigentlich jedem nur empfehlen. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass die meisten Menschen freiwillig in eine Klinik eintreten und bei einem solchen kann man jederzeit wieder austreten.

Eine fürsorgerische Unterbringung wird dagegen wirklich nur in Ausnahmefällen beantragt; z.B., wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt.

 

G: Gab es in deiner Pflegelaufbahn besonders schöne Momente?

V: Es gab vor allem lustige Momente. Einmal kam ich beispielsweise in ein Zimmer rein und eine Patientin war gerade dabei, ihrer Kollegin Lockenwickler in die Haare zu drehen. Ich fragte dann: «Und wann komme ich dran?». Das war schon recht lustig.

Auf der Geriatrie passierte einmal etwas Ähnliches. Nur leider hat die betreffende Person dort die Lockenwickler verkehrt eingewickelt und ihre Kollegin sah dann etwa aus wie ein Pudel.

Humor gehört dazu. Manchmal ist es zwar vielleicht ein etwas tragischer. Eines Morgens warf beispielsweise ein älterer Patient Brotstücke gegen das Bettgitter eines Mitpatienten. Als ich ihn daraufhin fragte, was er da tue, meinte er: «Ja, aber der Löwe braucht doch etwas zu essen». Er meinte wohl, er sei im Zoo.

Ein weiteres, dieses Mal aber schönes Erlebnis: Einmal war auf unserer Station eine Patientin in eine Krise geraten und weinte. Während des Gesprächs, das ich mit ihr führte, suchte sie Taschentücher und konnte keine finden. Ich schenkte ihr mein Taschentuch (Natürlich sauber und frisch gebügelt).

Einige Jahre später kam sie wieder für eine Behandlung in die Klinik. Leider erkannte ich sie nicht gleich, aber sie erzählte mir dann diese Geschichte und dass sie mein Taschentuch aufgehoben habe.

Eine weitere Patientin strickte einen Pullover, aber es fehlte ihr dafür eine spezielle Stricknadel. Ich durchkämmte mehrere Stationen und wurde so schliesslich fündig. Sie freute sich sehr und bei ihrem Austritt schenkte sie mir himmelblaue Bettsocken, welche sie noch gestrickt hatte (Ich habe sie allerdings nie getragen!).

 

G: Was kann gegen die vorherrschende Stigmatisierung psychisch Kranker vorgenommen werden?

V: Das ist natürlich nicht ganz einfach. Wichtig ist sicherlich, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren – Informationen über den heutigen Aufenthalt in einer Klinik und allgemeine Behandlungsmöglichkeiten zu verbreiten. Tage der offenen Tür oder die Aktionstage psychische Gesundheit, Bazare oder Märkte sind sicherlich auch eine gute Möglichkeit, die wir unterstützen müssen. Eine Idee wäre es auch, negative Schlagzeilen in einer Zeitung mit einem Leserbrief zu beantworten. Oder im Bus [beispielsweise auf den BSU-Linien in und um Solothurn] gibt es ja auch diese kleinen Bildschirme, auf denen Werbung gezeigt wird – wieso nicht dort einmal Infos zu psychischen Krankheiten aufschalten?

Grundsätzlich finde ich, dass wir die Arbeitsgeber*innen, Vorgesetze* usw. mehr für das Thema sensibilisieren müssen; dass wir auch in den Schulen ein Modul oder etwas in der Art anbieten sollten, um so schon früh ein Bewusstsein für die Thematik und ein gutes Versorgungssystem zu schaffen.

Etwas, das ich auch sehr gut finde, sind Selbsthilfegruppen für Betroffene* wie für Angehörige*. Das kann für beide Seiten ein Gewinn sein.

 

G: Was für eine Tendenz siehst du in Bezug auf psychische Krankheiten, die Stigmatisierung, Behandlungen etc.?

V: Ich persönlich denke, dass die Anzahl der Klinikaufenthalte insgesamt steigen, die Dauer des Aufenthalts aber sinken wird.

Die ambulante Versorgung wird sicherlich auch deutlich zunehmen. Das, finde ich, ist eine gute Zwischenlösung, da Betroffene so mehr Verantwortung übernehmen müssen. Psychiatrische Stationen werden in allgemeine Spitäler integriert; viele Betroffene fühlen sich hier befreiter als an einen Ort, der explizit mit «Psychiatrie» angeschrieben ist.

Ich persönlich denke auch, dass es zwar einen harzigen Abbau der Stigmatisierung geben wird – aber dass es ihn dennoch geben wird. Meine Begründung hierfür ist vielleicht etwas merkwürdig: Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck wird zunehmen. Das wird mehr und mehr Menschen überfordern und psychische Krankheiten werden deshalb immer mehr Menschen betreffen. Gerade weil diese Krankheiten also verbreiteter sein werden, werden sie wahrscheinlich auch eher akzeptiert werden. Entsprechend werden Betroffene* sich viel häufiger finden.

 

Bald gibt es den dritten und letzten Beitrag in dieser dreiteiligen Mini-Serie: „Alltag und Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – ein ehemaliger Pfleger erzählt“. V* wird im letzten Beitrag beispielhaft die Betreuung eines Falls schildern, wie dieser in seiner Karriere hätte vorgekommen sein. 

„Warum werde ich schief angesehen, wenn ich genauso offen über eine Panikattacke oder meine Therapie spreche wie über eine Erkältung?“

Über die Angst, als „verrückt“ zu gelten und die Bemühung, dem Stigma entgegenzuwirken

Tatjana

Lieblingsgetränk: Rooibostee

Vor anderthalb Jahren ist meine Angsterkrankung aufgetaucht, hat mich bewusstlos geschlagen und sich meines Lebens bemächtigt. Den Großteil jeden Tages verbrachte ich auf dem Sofa und weinte in meine Popcornschüssel. Alles schien vorbei zu sein – meine beruflichen Ziele; meine Reisewünsche, meine Träume und Ideen – alle nicht mehr umsetzbar. Wie denn auch, wenn ich mich nicht mehr aus dem Haus wagte, nicht mehr arbeiten, nicht mehr hoffen konnte?

Jeder neue Tag brachte eine weitere Panikattacke, oder doch zumindest Angstzustände und dieses übermächtige Gefühl, den Verstand zu verlieren – wenn die Angsterkrankung aus dem Nichts über mich hereinbrechen konnte, was konnte mir noch zustoßen? Mein Hirn trieb das Gedankenkarussell immer weiter munter an.

Die Symptome während der Panikattacken waren kaum auszuhalten – einem oder einer Betroffenen muss ich das wohl nicht erklären. An alle, die das Glück haben, noch nie eine Panikattacke durchgemacht zu haben: Nichts ist übertrieben oder gespielt, wenn euch ein Betroffener oder eine Betroffene sagt, er oder sie hätte das Gefühl, zu sterben.

Nebst diesen Symptomen musste ich mit einer weiteren Hürde fertig werden: dem „So-tun-als-ob“.

In den ersten Wochen meiner Erkrankung wusste bloß mein Freund, was mit mir los war. Für alle anderen da draußen trug ich die heile Maske: für Familie, Freund, Bekannte, Vorgesetzte, Fremde.

Die Wahrheit zugeben? Das klang für mich zu sehr nach Eigentor.

Bis dahin war ich ein fester Baustein in der allgemeinen Auffassung, dass Menschen, deren Psyche Sprünge und Risse hatte, nicht „normal“ waren. Das waren die Irren, die Ausgestoßenen. Die „sind doch verrückt“, die haben „nicht mehr alle Tassen im Schrank“, „eine Schraube locker“. Wir kennen so viele Redewendungen, mit denen wir einen psychisch erkrankten Menschen beschreiben, aber wir kennen so wenig Fakten über die Krankheiten und die Erkrankten.

Ich hatte Angst.

Ich hatte Angst vor dem „jetzt stell‘ dich doch nicht so an, was willst du denn? Dir geht’s doch gut!“

Ich hatte Angst vor peinlich berührten Blicken, sobald das Wort „Therapie“ fallen würde.

Ich hatte Angst davor, Freundschaften zu verlieren und von Kollegen und Kolleginnen nicht mehr für belastbar gehalten zu werden.

Ich hatte Angst vor Vorurteilen, die ich bis dahin selbst hatte.

„Und was dann?“, fragt mich meine Therapeutin häufig, wenn ich mich in negativen Gedankenschleifen verirre. Wenn ich ehrlich von meiner Erkrankung erzählte – würden mich die anderen für verrückt halten? „Und dann?“ Dann würden sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. „Und dann?“ Dann wäre ich allein. Aber: „Wollen Sie lieber die Gesellschaft von Menschen, für die Sie sich verstellen müssen? Menschen, die Sie eigentlich nicht akzeptieren würden?“

 

Meine Familie reagierte entspannt auf meine Schilderungen – warum sollte sie auch nicht? Was hatte ich bloß erwartet? Meine Chefin hatte Verständnis. Niemand lachte mich aus, oder zeigte mit dem Finger auf mich. Das war gut. Ich hatte das Gefühl, mit jedem Mal, wenn ich ehrlich über meinen Zustand gesprochen hatte, freier atmen zu können.

Das Risiko für Panikattacken nimmt bei mir proportional zu dem Druck zu, den ich verspüre. Die Ironie ist, dass ich selten durch äußere Einflüsse unter immensen Druck gerate. Ich bin ein sehr entspannter Mensch. Der Druck, der mir zu schaffen macht, entspringt meinem eigenen Kopf. Ich dachte, ich müsste meinen Gesundheitszustand verschweigen. Müsste schauspielern und dürfte auf keinen Fall auf mich aufmerksam machen. Dabei saß mir stets diese unglaubliche Angst im Nacken, ich könnte mich verraten. Sie schwoll in meiner Brust zu einem riesigen Ballon, der mir das Atmen schwermachte und mein Herz rasen ließ.

Das fühlte sich so überwältigend an. Und falsch. Richtig falsch, mächtig unfair. Da hatte ich nun diese Erkrankung, mit der ich zurechtkommen sollte. Und als Bonus gab es noch die Befürchtung, als Verrückte abgestempelt zu werden. Es ist schwer, aus diesem Gedankenkreis herauszubrechen. Doch irgendwann wollte ich einfach nicht mehr nur das Opfer sein. Im Umgang mit und am Verständnis von psychischen Erkrankungen muss sich so viel ändern. Diese ganzen Vorurteile und Berührungsängste – wie viel unnötigen Schmerz, Druck, wie viele Sorgen und schlaflose Grübelnächte sie verursachen. Warum werde ich schief angesehen, wenn ich genauso offen über eine Panikattacke oder meine Therapie spreche wie über eine Erkältung? Warum muss man sich rechtfertigen, wenn die Psyche eine Krankschreibung erfordert?

Das passte für mich nicht zusammen und daher habe ich beschlossen, in kleinen Schritten mit der Wahrheit rauszurücken. Ich weihte Freunde und Freundinnen ein, wenn das Thema aufkam. Kollegen und Kolleginnen. In Bewerbungsgesprächen erklärte ich meine letzte Kündigung nicht mit Ausreden, sondern eben damit, dass ich krank war. Dass meine Angsterkrankung mich dazu gezwungen hatte, mich selbst in den Vordergrund zu stellen und eine Auszeit zu nehmen.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Meist scheint mein Gegenüber erschrocken, verlegen, es folgt ein kurzer Blick zu Boden, dann Themenwechsel. Gelegentlich höre ich ein überraschtes „Aber du bist doch immer so fröhlich!“. Ein Vorgesetzter hat mich lachend gefragt, ob ich denn etwa Angst vor meinem alten Arbeitgeber gehabt hätte – vermutlich lustig gemeint, aber ein Gefühl sagt mir, dass er über einen Rheumapatienten keine Scherze gemacht hätte.

Wenn mein Gesprächspartner oder meine Gesprächspartnerin mehr über die Erkrankung wissen will, dann erzähle ich gern. Aufzwingen will ich mich niemandem, aber bei ehrlichem Interesse will ich dabei helfen, vielleicht ein Vorurteil mehr aus der Welt zu schaffen.

 

Heute fühle ich mich freier. Ich erinnere mich so oft es geht daran, dass ich meine Erkrankung nicht verheimlichen muss. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund und dem Ballon in meinem Inneren ist die Luft beinahe ausgegangen.

Es ist jedes Mal eine Überwindung, ehrlich zu sein und ich schaffe es noch längst nicht immer, die Ausflüchte zu vermeiden. Vermutlich werde ich jedes Mal noch knallrot im Gesicht. Ich muss mich dazu überwinden, meinem Gesprächspartner oder meiner Gesprächspartnerin in die Augen zu sehen, anstatt mit meinem Blick in Richtung Boden abzudriften – als würde ich gerade etwas gestehen, dessen ich mich schämen müsste. Die Vorurteile, mit denen ich aufgewachsen bin und gegen die ich heute kämpfe, sind noch immer tief in meinen Zellen begraben. So einfach lassen sie sich nicht herauswaschen – leider. Hätte ich sie nicht im Hinterkopf, wäre der offene Umgang mit meiner Erkrankung viel einfacher.  Aber mir wird übel, wenn ich an alle Tabus denke, die Menschen mit psychischen Erkrankungen das Leben noch weiter erschweren. Was soll die Stigmatisierung? Sind wir nicht längst darüber hinausgewachsen?

Je öfter ich mich im Alltag dazu überwinde, desto leichter fällt es mir. Und letzten Endes ist es wie mit dem Umgang mit der Angst – je öfter ich mich traue, desto kleiner erscheint die Bedrohung.

 

Gastbeitrag der Verfasserin des Blogs „TROTZDEM ICH“.
Besucht doch mal ihre Webseite, auf welcher sie über ihre Angsterkrankung spricht – und so versucht, das Schweigen und Stigma, welches psychischen Krankheiten nach wie vor anhaftet, zu brechen: https://trotzdemich.wordpress.com