„Bis heute halte ich das ‚Müssen‘ nicht gut aus – und das ‚Sport machen müssen‘ noch viel weniger“

Über Leistungssport und Identität

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Lieblingsgetränk: Kaffee mit viel Milch


Gina: Du hast sehr lange Leistungssport betrieben – wie sah dein Leben da aus?

S: Ich bin sehr jung zum Kunstturnen gekommen. Mit etwa 5 Jahren trat ich in einen Verein ein und wurde dann auch recht jung bereits immer wieder vom Leistungscenter angefragt, weil ich gewisse Resultate an den Wettkämpfen brachte. Ich trat schliesslich erst mit 12 ins Leistungscenter ein, was verhältnismässig spät ist.

Von da an trainierte ich im Leistungscenter und besuchte daneben die normale Schule. Es fühlte sich ein bisschen wie ein Doppelleben an. Wenn man meine Freunde oder meine Familie fragt, dann bin ich in dieser Zeit wohl in Erinnerung als die, die häufig nicht dabei sein konnte.

Im Leistungscenter hatte ich anfangs ziemlich Mühe, weil ich vor allem technikmässig durch meinen späten Eintritt vier, fünf Jahre Rückstand hatte. Ich kam mir damals sehr ungenügend vor und es war auch schwierig, in die bestehende Gruppe reinzukommen, weil das ein bisschen wie ein Clan war, da die anderen schon 4 bis 5 Jahre zusammen trainiert hatten. Ich machte dann aber grosse Fortschritte und konnte an die Juniorinnen-EM gehen und das ist bis heute eines meiner Highlights.

Nach einigen Jahren kam dann die Anfrage für das nächsthöhere Leistungscenter. Im Kunstturnen ist man ab 16 bei der Elite. Das ist eigentlich auch die Zeit des körperlichen Peaks. Dabei gleichzeitig einem sich stark verändernden Körper gerecht zu werden, ist wirklich schwierig. Seit ich 14 war, war der Körper eigentlich immer Dauerthema. Ich hörte da das erste Mal, dass ich wegen meines Gewichts schauen muss und das hat mich verfolgt – teilweise bis heute.

Aber wieso muss man denn so dünn sein – ist das wie bei den Marathonläufern, wo jedes zusätzliche Kilo eines mehr ist, das man rumschleppen muss, oder sind es primär ästhetische Gründe?

Es ist eben beides. Einerseits kann man weniger gut springen und sich rumschwingen, wenn man mehr wiegt. Ausserdem sind die Bewegungen im Kunstturnen automatisiert, weshalb man auch darauf angewiesen ist, dass der Körper mehr oder weniger derselbe bleibt. Ansonsten muss man alles ein bisschen umlernen.

Kunstturnen gehört aber auch zu den ästhetischen Sportarten wie Ballett, rhythmische Sportgymnastik oder Eiskunstlaufen. Da spielt das Aussehen eine grosse Rolle. Wenn man im Fernsehen schaut, dann tragen die Sportlerinnen hautenge Tenus, man sieht einfach alles.

Wie ging es dann weiter?

Ich kam mit 15 ins höhere Leistungscenter, musste mich wieder in eine neue Gruppe einfügen. Gleichzeitig wechselte ich auch die Schule und hatte nicht so viel Konstanz in meinem Leben.

Die letzte Zeit vor meinem Rücktritt war fast die spannendste. Am Morgen hatte man jeweils 2 Stunden Training und am Nachmittag nochmals 3, d.h. das machte schon mal 20 Stunden. Am Samstag hatten wir meist nur ein kurzes Training, weil viele, die nicht aus der Region kamen, am Wochenende jeweils heimfahren wollten. Dafür fing es schon um 08:30 Uhr an.

Den Rest der Zeit verbrachte ich in der Schule, mit Pendeln und Lernen. Es gab nicht viel Zeit nebendran für anderes und auch nur 4 Wochen Trainingsferien pro Jahr.

Du hast dann mit 18 aufgehört und bist auch ziemlich in ein Loch gefallen – war der Rücktritt der Grund dafür?

Ich denke, es gab verschiedene Gründe. Einerseits war mein Leben physisch sehr fordernd. Ich hatte immer irgendwo Schmerzen. Aber es war aber auch psychisch fordernd, weil alles sehr restriktiv ist und man mit vielen Anforderungen konfrontiert ist – von sich selbst, aber auch von aussen.

Zuerst war es eine grosse Erleichterung all das nicht mehr zu haben. Aber dieser Käfig war auch alles gewesen, was ich jemals gekannt hatte. Ich musste alles aufgeben und wusste nicht, wie «normal leben» geht. Vor allem das war schwierig: Dieses nicht wissen, was man macht, wenn man nicht so viel trainiert oder so ein enges Programm hat. Auch das Selbstwertgefühl war weg.

Ich hatte sehr stark diese Sportleridentität. Nicht bewusst. Aber man kannte mich als die Sportlerin. Ich war immer die, die turnte und deshalb nie Zeit hatte, aber ich hatte deswegen auch immer etwas zu erzählen. Plötzlich war das einfach weg.

Ich fühle mich deshalb sehr alleine.

Was passierte dann?

Wenn man so ein Leben hat, ist einem immer bewusst, dass es irgendeinmal zu Ende gehen wird. Aber das war irgendwann einmal – wirklich konkret wurde es erst, als es dem Ende zuging. Vorher war es immer völlig logisch, dass ich das so machte. Sobald ich das realisiert hatte, war es fast wie ein Käfig, bei dem das Tor offenstand. Das war der erste Schritt.

Der eigentliche Rücktritt war sehr unwirklich. Denn für alle anderen war das Leben immer noch genau gleich, während meines von heute auf morgen komplett auf den Kopf gestellt wurde. Das fühlte sich sehr unwirklich an.

Die erste Zeit war geprägt von starken Verlustgefühlen. Ich trauerte allem recht stark hinterher und träumte ein, zwei Monate fast jede Nacht noch, dass ich am Turnen sei. Und ich denke, das liegt daran, dass dieser Entscheid so endgültig war. Es gab kein zurück mehr, denn der Körper ist sehr schnell nicht mehr in der Lage, diese Belastungen zu meistern.

Ich wurde oft gefragt: «Was machst du denn jetzt?» und wusste nie, was ich antworten sollte.

So rückblickend war dieses Gefühl von «Jeder weiss doch, wie man lebt» sehr vorherrschend. Irgendwie machte ich dann weiter, aber es ging mir nicht sonderlich gut dabei und je länger, dass ich weitermachte, desto länger dauerte auch das Gefühl.

Etwa 1.5 Jahre später merkte ich, dass es mir wirklich nicht mehr gut ging; ich hatte keine Freude, kam nicht aus dem Bett und kam nach all der Zeit immer noch nicht klar. Das war das erste Mal, dass ich wirklich merkte, dass es nicht mehr geht und das erste Mal, dass ich wirklich darüber sprechen konnte.

Was hast du dann getan?

Ich wandte mich an meine Eltern, meine Mutter vor allem. Mit ihr zusammen organisierte ich, dass ich zu einem Psychiater konnte. Ich ging zwei Mal und dann wieder nicht mehr, weil ich dachte: «Jetzt ist ja alles gelöst».

Ich fing dann an zu studieren und zog aus. Rückblickend war das sicherlich auch einer dieser Versuche, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Es funktionierte mehr schlecht als recht und ein Jahr später wurde es wirklich schlimm. Ich machte damals das zweite Studienjahr, was sehr intensiv und streng war. In der Lernphase merkte ich schon, wie ich ständig mit den Zähnen knirschte und es nicht schaffte, mich zu entspannen. Nach dem zweiten Studienjahr lernte ich dann einen Typen kennen, aber die Umstände waren recht schwierig. Ich denke, all das zusammen brachte das Fass irgendwie zum Überlaufen.

Und danach traten Panikattacken bei dir auf, hast du gesagt?

Genau. Ich merkte den ganzen Sommer zwischen dem zweiten und dritten Jahr über, dass ich nicht mehr richtig mochte und auch auf nichts richtig Lust hatte. Ich hatte so Tage, da hatte ich das Gefühl, ich habe null Energie. Ich mochte mich nicht wirklich bewegen und bekam Schweissausbrüche, wenn ich es schon nur versuchte. Das steigerte sich dann hoch bis ich wieder zu studieren begann. Ich sah dort auch diesen Typen wieder und das stresste mich sehr.

Dann begannen die Panikattacken. Ich weinte sehr oft und das ganze Turnthema war auch wieder viel präsenter. Das war irgendwie etwas, woran ich mich halten konnte, so nach dem Motto: «Ah, das Aufhören, das ist die Ursache meiner Probleme», aber das war es nicht, nicht nur.

Ich redete dann wieder mit meinen Eltern und sagte ihnen, dass ich Hilfe brauchte und seitdem bin ich wieder in Therapie.

In dem Fall hast du aber auch recht verständnisvolle Eltern?

Ja, das habe ich. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, wie gut sie wissen, was bei mir passiert ist und was immer noch passiert.

Bei mir spielt auch die Art, wie ich aufgehört habe, eine Rolle. Ich bin aus eigener Initiative ausgestiegen. Ich habe zudem immer zuhause gewohnt und wusste immer klar, was mein weiterer Weg sein würde. Von den äusseren Umständen her hatte ich also sehr gute Voraussetzungen. Ich denke, sehr viele Menschen haben einfach das gesehen und das Gefühl gehabt, mir gehe es ja gut. Das hat es mir auch sehr schwer gemacht: diese Wahrnehmung von aussen, dass ich es doch gut habe.

Das hat sicher auch Schuldgefühle ausgelöst.

Genau und dieses Gefühl von: «Wieso habe ich Mühe? Andere können es auch, selbst wenn sie es schwieriger haben als ich».

Aber in mir drin war alles weg; mir wurde völlig der Boden unten den Füssen weggerissen. Und das ist so ein Thema, das bei meinen Eltern auch etwas im Vordergrund steht. So dieses: «Du hast es doch gut gehabt im Vergleich zu anderen». Aber darum geht es gar nicht.

Halten sie dir das auch vor oder fühlst du dich vor allem unverstanden?

Ich fühle mich vor allem unverstanden. Und ich weiss auch nicht so recht, wie ich das alles rüberbringen kann. Ich habe immer das Gefühl, ich müsse mich rechtfertigen. Ich wünsche mir natürlich, dass sie das nachvollziehen können, weil sie wichtige Menschen in meinem Leben sind.

Mal angenommen, du hättest den Leistungssport gar nie so lange betrieben, wärst nie ins Leistungscenter gegangen – denkst du, all diese Dinge wären trotzdem einmal ausgebrochen?

Das habe ich mir auch schon überlegt. Ich dachte lange Zeit, es wäre wegen des Sports ausgebrochen. Aber mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Erstens hatte ich rückblickend schon lange Zeit vorher depressive Verstimmungen. Ich denke, der Sport deckelte meine Probleme ein wenig. Und als er einmal weg war, kam alles hervor. Der Sport hat sicher auch viel akzentuiert und gewisse Dinge hervorgebracht, die so vielleicht nicht da gewesen wären. Ein Beispiel wäre das Thema Körperbild und Essverhalten. Aber es ist sicher auch wegen dem ausgebrochen, was ich als Person mitbringe.

Zum Thema Körperbild – spürst du diesen Druck immer noch?

Ich denke, ich bin recht glimpflich weggekommen. Ich hatte sicherlich während meiner Turnphase ein gestörtes Essverhalten, wenn nicht gar eine Essstörung. Wenn man mein Gewicht über die Jahre anschaut, dann hatte ich seit ich 14 war plus minus 2kg immer dasselbe Gewicht gehabt.

Nach dem Rücktritt kompensierte ich mit sehr viel Essen – was ich gerade Lust hatte und wann ich gerade Lust hatte… Sehr viel Süsses, weil das so das war, was ich nie hatte essen dürfen.

Ich war schon vorher nie zufrieden mit meinem Körper gewesen und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich nicht jede Woche 20 Stunden trainieren und dabei normal essen konnte. In dieser Zeit probierte ich auch verschiedene Sportarten aus, weil ich so das Gefühl hatte, ich müsse einfach Sport machen.

Das mit dem Essen war auch 2, 3 Jahre danach noch ein Thema. Ich fühlte mich durcheinander, mein Gewicht ging halt etwas rauf… Aber irgendwann begann sich das Ganze einzupendeln. Ich hatte nicht mehr die ganze Zeit Lust zu essen. Heute denke ich, dass es gut war, dass ich mir erlaubte, mich vollzustopfen und dann irgendwann zu merken, dass der Körper eigentlich weiss, was er will. Heute bin ich, was mein Körper betrifft, eigentlich gut unterwegs.

Was ich übrigens auch sehr faszinierend finde, ist, dass wir über lange Stecken einfach unsere Tage nicht hatten. Ich hatte meine jeweils einmal nach den Ferien, weil sich da mein Körper wieder erholt hatte wahrscheinlich, und dann wieder ein halbes Jahr nicht mehr.

Kam dir das jemals komisch vor oder war das einfach so?

Das war einfach so. Ich habe massiv unter dem gelitten, aber ich hatte nie die Möglichkeit oder Plattform, um darüber zu sprechen. Ich wünschte, ich hätte damals mehr Unterstützung und Begleitung gehabt.

Wie ist dein Verhältnis zum Sport heute?

Mein Verhältnis zum Sport habe ich immer noch nicht ganz geklärt. Das ist für mich im Moment schon noch immer ein wichtiges Thema, besonders durch meine Angststörung und Panikattacken, die ich immer sehr körperlich wahrgenommen habe. Das heisst, ich habe eigentlich nicht wirklich Angst, sondern bekomme immer Hitzewallungen und Kälteschübe, spüre ein Kribbeln, habe keine Energie mehr haben. All das sind Dinge, die man spürt, wenn man sich bewegt. Und ich kann heute wie nicht auseinanderhalten, ob ich diese Dinge wegen meiner Panik spüre oder weil ich mich körperlich anstrenge.

Ganz oft löst auch dieses «Müssen» solche Attacken aus. Das hatte ich ganz lange in meinem Leben. Und ich musste aktiv lernen, dass es auch okay ist, mal etwas nicht zu tun, nicht zu müssen. Bis heute halte ich das «Müssen» nicht gut aus. Und das «Sport machen müssen» noch viel weniger.

Kann es denn auch sein, dass du gar keine Angst verspürst, aber dein Körper einfach reagiert?

Bei mir ist es schon so, dass der Körper quasi vorausgeht und der Kopf dann nachzieht. Ich merke meist, dass ich gewisse körperliche Reaktionen habe und frage mich dann, was los ist und das stresst mich, weil ich es nicht stoppen kann. Man ist dem völlig ausgeliefert und das ist das Schlimme an dieser Angst: Dass man dem Ganzen kein Ende setzen kann.

Man merkt mir von aussen häufig auch nichts an und das macht es wahrscheinlich so schwierig für andere, damit umzugehen.

Findest du das praktisch oder doof?

Eher doof. Ich wirke immer so souverän, obwohl in mir drin einfach irgendwas am Passieren sein kann.

Ich habe es auch ganz lange nicht geschafft, das rauszutragen, zu sagen: «Mir geht es gar nicht gut». Das musste ich lernen. Auch heute gelingt mir das manchmal nicht, aber es geht schon viel besser.

Wenn man dir nichts anmerkt, kann man dir natürlich dann auch nicht gut helfen.

Genau! Psychische Erkrankungen sieht man nicht. Bei vielen jedenfalls nicht.

Man hat immer bestimmte Bilder von psychischen Erkrankungen im Kopf. Und ich passe einfach in keine dieser Boxen. Auch von dem her, wie es sich bei mir präsentiert. Ich habe irgendwie nichts in der Hand und das macht es, denke ich, nochmals schwierig zum Nachvollziehen.

Was würdest du anderen in einer ähnlichen Situation mitgeben?

Ich würde ihnen, glaube ich, sagen, sie sollen nett zu sich selbst sein. Geduld haben. Es muss nicht immer alles sofort gleich funktionieren. Und vor allem reden; darüber reden, was abgeht, auch wenn einem die Worte dafür fehlen.

Ich würde mir wünschen, dass man die Gelegenheit bekommt zu reden; dass irgendwo der Haken ausgeworfen wird und man anbeissen kann. Und dass ich früher darüber geredet hätte.

Was wünscht du dir für deine Zukunft?

Ich bin mittlerweile an einem Ort, wo ich das Gefühl habe, ich bin gut unterwegs, auch trotz meiner Problemem. Ich wünsche mir einfach, dass ich noch etwas besser damit zurechtkomme, besonders, wenn es gerade ein schlechter Tag ist. Und ich wünsche mir auch, dass ich vielleicht etwas bewirken kann; dass andere, die das gleiche erlebt haben, eine Plattform haben, um darüber zu sprechen.

Veröffentlicht von

ginamesserli

philosophy student @ university of Zürich, wannabe vegan, coffee and tea lover and knowbetter, so basically an average philosophy student.

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