Na, hallo und danke fürs Reinschauen!

Willkommen!

Liebe Leser_innen

Zuerst einmal: Hallo und merci, dass ihr euch auf diesen Blog verirrt habt. Vielleicht war’s Zufall, vielleicht habe ich euch selbst hierhin gelotst – ich freue mich auf jeden Fall, euch begrüssen zu dürfen!

Mein Name ist Gina und ich betreibe diesen kleinen Blog. Im normalen Leben bin ich Philosophiestudentin und HR-Praktikantin. Daily Cup of Madness ist ein kleines Projekt von mir, das ich im Sommer 2017 gestartet habe; eine Idee, die aus zahlreichen Begegnungen an der Uni entstanden ist. Ziel ist es, einen Einblick in die Vielfalt und Verbreitung verschiedenster psychischer Leiden zu geben, von denen wir zwar mittlerweile alle irgendwie wissen, dass sie ziemlich häufig vorkommen, die aber immer noch verhältnismässig wenig Aufmerksamkeit erfahren – und denen deshalb nach wie vor viele falsche Informationen und ein grosses Stigma anhaften.

Das Ziel ist es nicht, den Schweregrad und die damit eingehende Behinderung mancher psychischer Krankheiten zu verneinen, sondern aufzuzeigen, dass viele Betroffene nicht nur nach wie vor normale Menschen sind, sondern dass es Wege geben kann, mit einer solchen Krankheit umzugehen; dass die meisten nicht komplett und für immer verrückt sind, sondern man sie nach wie vor als das behandeln kann, was sie sind – Menschen. Hierzu bitte ich Personen, die ihre Erfahrungen mit psychischen Leiden gemacht haben – sei es als selbst davon Betroffene, als Angehörige einer solchen Person oder auf Grund des gewählten Berufs – ihre Erfahrungen mit mir zu teilen. Diese gebe ich dann hier ungeschönigt und ungekürzt wieder. Die betroffenen Personen entscheiden hierbei selbst, in welcher Form sie dies tun möchten: So kann man sowohl mich persönlich treffen und mich anschliessend einen Beitrag darüber verfassen lassen als auch selbst einen Beitrag schreiben (Natürlich kann man auch etwas schreiben und mich treffen!). Die einzigen Bedingungen für das Verfassen eines eigenen Beitrags sind eine gewisse Länge bzw. Kürze (max. 4 A4 Seiten; bei Ausnahmefällen und Interviews auch längere Beiträge möglich) und ein gepflegter Umgangston (Keine ehrverletzenden Beiträge etc.). Ich redigiere selbst geschriebene Beiträge lediglich hinsichtlich Grammatik und Leserlichkeit, belasse sie aber ansonsten so, wie sie geschrieben wurden.

Grundsätzlich sind alle Beiträge anonym gestaltet, auch wenn die Möglichkeit besteht, „sein Gesicht zu zeigen“ (wortwörtlich), wenn das jemand möchte. Das macht’s für alle Beteiligten leichter, ihre Geschichten zu teilen und nimmt allfällige Ängste und Vorbehalte. Um trotzdem ein kleines bisschen von der Neugierde zu befriedigen, die manch einer vielleicht beim Lesen verspürt, gibt’s jeweils – in Anlehnung an den Titel dieses Blogs – ein Foto der Hände der betreffenden Person mit ihrem Lieblingsgetränk.

Das wäre dann mal für’s Erste das Wichtigste. Stay tuned und viel Spass beim Lesen!

 

Alles Liebe

Gina

 

*Bitte mitschicken, falls ein selbst geschriebener Beitrag eingeschickt wird und man mich nicht persönlich treffen möchte.

Philosophische Gedanken zu Zwangsstörungen und Psychotherapie: Teil I

Rationalität

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Lieblingsgetränk: Ice Tee

Ein intrusiver Gedanke wird normalerweise charakterisiert als ein ungewollter Gedanke, ein mentales Bild oder ein Kommentar, der als verstörend, angstauslösend oder auf irgendeine andere Weise als unangenehm erfahren wird. Obwohl fast alle Menschen von Zeit zu Zeit solche intrusiven Gedanken erleben, verwandeln sie sich bei den meisten nicht in Zwangsgedanken. Wenn das passiert, beginnt die Person, die die intrusiven Gedanken hat, sich zu einem pathologischen Grad auf den Inhalt derselben zu konzentrieren. Man betrachte zum Beispiel eine Mutter mit einem neugeborenen Kind, die den ungewollten Gedanken hat, dass sie ihr Kind töten könnte. Dieser Gedanke verstört sie so sehr, dass sie zwanghaft beginnt darüber nachzudenken, ob sie es wirklich in sich haben könnte, so etwas zu tun. Sie wird unzählige Male zu diesem Gedanken zurückkehren und «Ausschau halten» für irgendein Anzeichen von Aggression, das diesen Gedanken begleiten könnte, was sie als Zeichen dafür deuten würde, dass sie es sehr wohl in sich haben könnte, so eine abscheuliche Tat zu begehen. Während sie sich damit beschäftigt, wird sie sogar noch mehr intrusive Gedanken der ersten Art erleben, vielleicht sogar in erhöhter Frequenz, mit noch detaillierterem oder brutalerem Inhalt. Sie wird dann in einen Teufelskreis geraten, in dem sie zwanghaft über ihre intrusiven Gedanken nachdenkt, was wiederum mehr intrusive Gedanken hervorruft, was dann wieder zu mehr zwanghaftem Nachdenken über diese Gedanken führt. In einem solchen Fall sind die intrusiven Gedanken dann zu Zwangsgedanken geworden.

Die grundsätzliche Komponente jeder Zwangsstörung sind solche Zwangsgedanken. Unabhängig von der Kultur, dem sozialen Status, dem Geschlecht oder der geschichtlichen Epoche der betroffenen Menschen drehen sie sich normalerweise um die Themen Sexualität, Gewalt, Religion, Symmetrie, Sauberkeit und solche Dinge. Die Angst, die Menschen mit Zwangsgedanken erleben, resultiert in Zwangshandlungen: Ritualisierte Verhaltensmuster, die dazu benutzt werden, die Angst, zu der Zwangsgedanken führen, zu mildern. Die Mutter in dem Beispiel weiter oben könnte beispielsweise anfangen, Messer vor sich selbst zu verstecken (wenn wir annehmen, dass ihre Zwangsgedanken sich darum drehen, ihr Kind mit einem Messer zu töten). Sie könnte so viel Angst bekommen vor der Möglichkeit, ihr Kind zu töten, dass sie Erleichterung erfährt, indem sie potenzielle Mordwaffen versteckt oder verstaut. Es ist wichtig hier zu erwähnen, dass Personen, die unter Zwangsstörungen leiden, nicht den Bezug zur Realität verloren haben: Die Mutter wird sich sehr wohl bewusst sein, dass keine reale Chance besteht, dass sie jemals ihr Kind töten würde und dass ihr Verhalten «irrational» ist, aber der wiederkehrende Gedanke, dass sie es tun könnte, stürzt sie in einen nie-endenden Teufelskreis aus zwanghaftem Nachdenken, Ausführen von Zwangshandlungen und Erleben von Zwangsgedanken, und die Angst und Zweifel, die dies bringt, werden in so einer disruptiven und behindernden Angst resultieren, dass das Aufrechterhalten dieser Gewissheit zu einer anstrengenden Herausforderung wird. Das ist ein anderes klassisches Symptom: Sie wird ihr Bestes dafür tun, subjektive, d.h. (grob gesagt) emotionale, Sicherheit zu finden, dass sie so etwas niemals tun würde, obwohl objektiv gesehen nur wenig Grund dafür besteht, so etwas jemals zu fürchten. Es besteht eine gute Chance, dass ihr das nicht lest, um über die Definition von Zwangsstörungen zu hören, aber ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir alle auf dem gleichen Stand sind, bevor wir fortfahren.

Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich meinen ersten Zwangsgedanken als ich 6 Jahre alt war. Damals hatte ich als Resultat dessen, dass ich dem, was ich mir wünschte oder dachte, nicht wirklich Aufmerksamkeit schenkte, Angst, dass ich möglicherweise von einem Dämon besessen sein könnte. Das verkehrte sich dann schnell in einen Zwangsgedanken und sich wiederholende, intrusive Gedanken darüber, besessen zu sein oder zu werden sowie das mentale Überprüfen darauf, ob ich möglicherweise blasphemische Gedanken haben könnte oder nicht. Ich hatte mehrere solche Episoden in meiner Kindheit, die normalerweise höchstens ein paar Wochen andauerten, aber erst mit 16 wurde aus solch einer Episode eine volle Zwangsstörung. Zuerst drehte sie sich um das Thema Gewalt, dann um das Thema Sexualität. Ich kämpfte schliesslich immer gegen irgendeine Art von Zwangsgedanken an bis ich 18 Jahre alt war. Dann, als ich für drei Monate hospitalisiert worden war und eine Mischung aus kognitiver Verhaltenstherapie und Medikamenten erhalten hatte, verbesserte sich meine Situation rapide. Ich war weitestgehend frei von Zwangsgedanken. Der einzige Nachteil an der Sache war, dass ich unter starken Nebenwirkungen meiner Medikamente litt: Erektile Dysfunktion, starke Schläfrigkeit und Gewichtszunahme. Trotzdem verbesserte sich meine Lebensqualität stark, nachdem ich meine Matura mit Topnoten – trotz allem – bestanden und mein Studium begonnen hatte. Und das ging alles abgesehen von einem kurzen Rückfall mit 21 weiter, bis es mir schliesslich gelang, meine SSRI im Sommer vor einem Jahr komplett abzusetzen.

Bis zu jenem Sommer war ich eine Art Textbuch-Beispiel dafür gewesen, was man manchmal als «pure O» oder als Zwangsstörung mit Zwangsgedanken aber ohne Zwangshandlungen nennt. Ich stimme mit Experten darüber ein, dass der Ausdruck irreführend ist. Denn schliesslich führe auch ich wie alle anderen Menschen mit Zwangsstörungen Zwangshandlungen aus, die aber einfach nicht direkt beobachtbar sind. Aber ich möchte nicht länger darüber reden, wie meine Krankheit genau gelabelled wird, wie sie überhaupt das erste Mal aufgetreten ist oder wie mein Leben genau war, als ich von Zwangsgedanken über Sexualität und Gewalt heimgesucht wurde. Stattdessen möchte ich über zwei Probleme sprechen, die sich in meinem letzten Lebensjahr im Zusammenhang mit meiner Krankheit, deren Behandlung, und, breit gesagt, Rationalität als solches, ergeben haben. Das erste Problem ist, dass ich, weil ich Philosophie und Mathematik studiert habe, sehr breit darin geschult bin, Glaubenssysteme – und das beinhaltet auch diejenigen der modernen Verhaltenstherapie – zu analysieren, auseinanderzunehmen und zu kritisieren. Als Resultat dessen stehe ich gewissen Aspekten meiner Gesprächstherapie sehr skeptisch gegenüber und das möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen.

Man nehme die folgende Aussage: «Du verdienst es, glücklich zu sein». Während es zwar schön sein mag, das zu hören, hat mich daran schon immer etwas gestört. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass es eine ziemlich sinnlose Aussage ist- Denn was meinen wir für gewöhnlich, wenn wir sagen: «Person x verdient y»?. Normalerweise, würde ich sagen, meinen wir etwas in der Art wie: «x hat eine Handlung H ausgeführt und auf Grund dessen, dass sie H ausgeführt hat und H moralisch gut/schlecht/ etc. ist, verdient x y, wobei y eine adäquate Belohnung/ Bestrafung/ etc. für x ist». Man betrachte auch dieses Beispiel: Nathan hat ein ertrinkendes Kind nicht gerettet, obwohl die Gezeiten für ihn als Erwachsenen überhaupt kein Problem gewesen wären. Der Grund für Nathans Zurückhaltung war, dass er einen neuen Anzug trug, den er nicht dreckig machen wollte. Würden wir jetzt sagen, dass Nathan eine Art adäquate Bestrafung für seine Tat verdient? Ich denke, die meisten, inkl. mir selbst, würden das sagen. Wir könnten also sagen: Nathan verdient es angesichts dessen, dass er ein ertrinkendes Kind nicht gerettet hat, obwohl er dies unter nur wenigen signifikanten Kosten für sich selbst hätte tun können, adäquat bestraft zu werden. Lasst uns nun, um die Terminologie zu klären, jemanden, der etwas verdient, den «Verdienstträger» nennen, das, was er oder sie verdient, den «Verdienst» und die Gründe, weshalb der Verdienstträgen den Verdienst verdient «Verdienstgründe».

Es gibt aber noch einen anderen Teil dieser Aussage, den wir klären müssen, bevor ich mit meinem eigentlichen Argument fortfahren kann. Nehmen wir an, ich verdiene es, glücklich zu sein. Aber wie sollte ich «glücklich» in diesem Kontext verstehen? Hier ist eine mögliche Antwort: Kontinuierliche Momente der Freude. Aber hier gibt es ein Problem, weil Menschen in diesem Sinne von «glücklich» – meistens zumindest – über oder wegen etwas glücklich sind. Wegen was verdiene ich es also, glücklich zu sein? Bitte behaltet diese Frage im Kopf, da ich später zu ihr zurückkehren werden. Aber zuerst jetzt ein zweiter Sinn, in dem man «glücklich» verstehen kann: ein gutes Leben. In diesem Fall würde ich es verdienen, ein gutes Leben zu haben. Aber ist das plausibel? Schliesslich scheint es von Anfang an klar zu sein, dass ich etwas ziemlich Bewundernswertes getan haben muss, um ein gutes Leben zu verdienen.

Hier gelangen wir zu meinem Hauptargument. Wie ich weiter oben als Resultat konzeptueller Analyse festgestellt habe, benötigt jegliche Rede von «Verdienst» Verdienstgründe. Was aber, frage ich, sind die Verdienstgründe in meinem Fall? Ich kann mir einfach keine solchen Gründe für keine der beiden Deutungsweisen von «glücklich» vorstellen. Wenn wir die erste Deutungsweise zugrunde legen, bedeutet «glücklich» das übliche «Erfahren von Freude» und hat ein Objekt oder eine Ursache. Hier, würde ich sagen, ist es zumindest etwas ungrammatikalisch von «Verdienst» zu sprechen. Wir können vielleicht etwas sagen wie: «Du verdienst es, glücklich zu sein über deine gute Note, du hast so hart für sie gearbeitet!». Aber ich frage mich, ob wir nicht eher etwas meinen wie: «Es ist adäquat, glücklich zu sein über deine Note, weil du so hart für sie gearbeitet hast!» oder «Du darfst glücklich sein über deine Note, angesichts dessen, dass du so hart für sie gearbeitet hast!». So etwas wie Freude zu verdienen, scheint höchst merkwürdig für mich zu sein, weil wir über eine emotionale Antwort auf etwas oder vielleicht auch nur einen emotionalen Zustand sprechen, und der kann, wenn überhaupt, immer nur adäquat sein. Verdienst hingegen beinhaltet etwas aktiveres und beabsichtigte Massnahmen. Emotionale Antworten oder Zustände qualifizieren sich nicht als solche. Viel wichtiger noch wird im Kontext der therapeutischen Aussage kein Objekt bereitgestellt, über das man glücklich sein könnte! Damit können wir diese Leseweise gerade so gut vergessen angesichts dessen, dass diese Aussage von Anfang an nicht so gemeint sein kann. Betrachten wir die zweite Leseweise von «glücklich», wird es erneut problematisch, von Verdienst zu sprechen. Wenn ich es wirklich verdiene, in diesem Sinn glücklich zu sein, muss ich dafür gearbeitet haben, d.h. ich muss irgendwelche Verdienstgründe haben. Aber ein insgesamt gutes Leben kann kaum die Belohnung für eine einzelne Handlung sein, weil ein insgesamt gutes Leben, wenn man darüber nachdenkt, aus vielen verschiedenen Dingen besteht, was aber auch gute Handlungen beinhaltet. Also scheint es wahrscheinlicher zu sein, dass ein insgesamt gutes Leben etwas ist, was jemand Schritt für Schritt dadurch erreicht, dass er oder sie eine Reihe an verschiedenen Handlungen ausführt, zugegebenermassen solche, die einen moralisch positiven Status besitzen. Die einzige Art von Verdienst, für den ich hier Raum machen könnte, ist eine Art triviale, retrospektive «Du hast hart für x gearbeitet und es bekommen und als solches verdienst du x auch» Form von Verdienst. Aber dieser Verdienst ist retrospektiv und nicht prospektiv, wie die Aussage der Therapeuten zu implizieren scheint.

Fassen wir also zusammen: Die Aussage, mit der wir gestartet haben, stellte sich als sinnlos heraus, weil die Verwendung von «verdienen» entweder explizit oder implizit gewisse Verdienstgründe voraussetzt. Nun ist es allerdings so, dass es für die Dinge, die man angeblich verdient – in diesem Fall glücklich zu sein – keine Verdienstgründe geben kann. Das habe ich zumindest zu plausibilisieren versucht. Als solches macht die Rede von Verdienst im Kontext des Glücklichseins, egal, wie man’s dreht, keinen Sinn.

Ich möchte an dieser Stelle noch einige Kommentare anbringen, bevor ich zum zweiten Teil meines Essays übergehe. Erstens sage ich nicht, dass die Menschen allgemein es nicht verdienen, glücklich zu sein, zumal diese Redeweise genauso sinnlos wäre. Zweitens bin ich mir völlig darüber im Klaren, dass ein Therapeut vielleicht nicht versucht, gewisse moralische Wahrheiten herüberzubringen, wenn er oder sie so spricht. Vielmehr hat der Patient wahrscheinlich gewisse Selbstwertprobleme und die Tendenz, zu harsch mit sich selbst zu sein. Entsprechend ist die Aussage eher wie eine Umarmung oder ein Vorschlag, dass es zulässig ist, ab und an weniger harsch mit sich zu sein. Aber es gibt viele Probleme mit dieser Art von Rechtfertigung. Wenn es wirklich darum geht, eine Umarmung zu geben oder ermutigende Worte auszusprechen, wieso macht man dann nicht das? Wieso muss man dafür Worte benutzen, die eine etablierte und auch wichtige Verwendungsweise haben, wenn dafür kein Grund besteht? Natürlich hat die Verwendung von moralischem Vokabular eine grosse suggestive Kraft, aber dann würde ich behaupten, dass es selbst wiederum zweifelhaft ist, ob es zulässig ist, solches Vokabular nur wegen seiner motivationalen Kraft zu verwenden, vor allem, wenn derselbe Effekt mit adäquaterem Vokabular erzielt werden könnte. Es geht hier aber nicht nur um die falsche Verwendung von Sprache: Wenn eine Aussage als Antwort auf ähnliche Aussagen des Patienten gemacht wird, wie beispielsweise die Aussage «Ich verdiene es nicht, glücklich zu sein, weil ich eine schreckliche Person bin», nimmt der Therapeut an einem Diskurs teil, der von Anfang an verwirrt sein könnte, weil, um es hier nochmals zu erwähnen, von Anfang an überhaupt nicht klar ist, wie Verdienst im Zusammenhang mit der Rede vom Glücklichsein – egal, auf welche Art und Weise man das interpretiert – genau funktionieren soll. Zu guter Letzt: Weil es sich eben doch um eine moralische Aussage handelt, kann sie sehr wohl wortwörtlich genommen werden und wenn der Patient zu der Überzeugung gelangt, die in dieser Aussage vorhanden ist, könnte er oder sie beispielsweise eine problematische Anspruchshaltung entwickeln. So könnte er oder sie denken, er oder sie verdiene es, glücklich zu sein, und somit beginnen, übermässig egoistische Handlungen, die Menschen um ihn oder sie herum schaden, auszuführen.

Drittens, nehmen wir zu Zwecken des Arguments an, dass es eine nicht-verwirrte, komplett bedeutungsvolle Art gibt, die therapeutische Aussage auszubuchstabieren. Beachtet hier allerdings, dass die Aussage eine tiefverankerte moralische Natur hat, da Behauptungen im Zusammenhang mit Verdienst paradigmatisch moralische Behauptungen darstellen. Was ist also das Problem? Ich zumindest kann nicht sehen, wie eine Ausbildung als Therapeut einem ein tiefgründiges und nuanciertes Verständnis von Verdienst geben könnte oder wie Forschung im Bereich der Psychotherapie zu der Entdeckung von Wahrheiten darüber führen könnte, welche Person was verdient. Vor allem das letztere Unterfangen hält sich selbst hohen Standards wissenschaftlicher Rigorosität verpflichtet und Forschungsprogramme in Ethik überlappen sich mit solchen in den (Natur-)Wissenschaften ungefähr so stark wie Bergsteigen und Netflix & Chill. Als solches kann man nicht auf der einen Seite behaupten, Teil eines wissenschaftlichen Unterfangens zu sein und dann auf der anderen Seite moralische Behauptungen zu machen. Genau das scheint zu sein, was hier passiert. Viertens haftet all dem eine gewisse Ironie an. Die kognitive Verhaltenstherapie ist nämlich, zumindest in Teilen, aus Becks kognitiver Therapie entstanden, welche gesunde Gedanken, zumindest zu einem sehr hohen Grad, mit rationalen Gedanken identifiziert, und behauptet hat, dass Kognition Emotionen verursachen würden. Als solches war die Idee, Menschen mit beispielsweise Depressionen zu behandeln, indem man ihre Gedankenmuster von pessimistischen zu optimistischen änderte. Das wird getan, indem man negative Hypothesen über sich selbst mit empirischen und logischen Mitteln testet. Wie sich jetzt aber herausstellt, führt das rationale Nachdenken über gewisse Aussagen, die durch den kognitiven Teil der kognitiven Verhaltenstherapie getätigt werden, selbst zu einer Verwerfung der genannten Lehren. Als solches scheint die Therapie zu dem Grad, zu dem Becks Ideen immer noch in der kognitiven Verhaltenstherapie vorkommen, teilweise selbstverdauend zu sein.

Die obige Kritik betrifft viele Aussagen, die von professionellen Therapeuten oder Ärzten im Bereich der mentalen Gesundheit gemacht werden, zumal viele Aussagen eine inhärent moralische Natur haben oder soziale Empfehlungen enthalten. Das ist an und für sich keine schlechte Sache, zumal Therapeuten, die tagtäglich mit Leiden konfrontiert werden, ein ungemeines Wissen darüber haben, was Menschen motiviert und betroffen macht. Aber solche Aussagen zu treffen ist trotzdem nicht kompatibel mit einem komplett wissenschaftlichen Unterfangen und kann auch nicht durch Forschung in diesem Bereich gerechtfertigt werden.

Damit befinden wir uns am Ende des ersten Teiles. Alle Therapeuten, die ich bisher gehabt habe, stehen bei mir in hoher Achtung, sowohl in Bezug auf ihre Persönlichkeiten als auch auf ihre intellektuellen Fähigkeiten. Als solches ist meine Kritik weiter oben auch nicht gegen eine spezifische Person, die Therapien ausführt, gerichtet, sondern vielmehr gegen die Art und Weise, wie Therapie gelehrt wird, und die Forschung im Allgemeinen. Denn sicherlich ist nichts falsch daran, nur das Beste für seine Patienten zu wollen, aber vielleicht gibt es eine Art an das heranzugehen, die weniger begrifflich verwirrt ist. Da ich der Wahrheit und Klarheit suchende Philosoph bin, der ich eben bin, stellen diese Dinge für mich am Ende des Tages nach wie vor ein Problem dar.

 

Zwangsstörung: Bei einer Zwangserkrankung treten sogenannte Zwangsgedanken und Zwangshandlungen auf. Zwangsgedanken äussern sich in zwanghaft immer wieder auftretenden Gedanken und Impulsen wie Zweifel, Befürchtungen, Grübel- oder Wiederholungszwänge (bestimmte Sätze oder Wörter müssen auf eine bestimmte Art und Weise oder eine bestimmte Anzahl von Malen wiederholt werden), deren Inhalt als unsinnig erkannt, gegen die aber nichts unternommen werden kann. Zwangshandlungen dagegen bezeichnen zwanghaft ausgeführte Handlungen wie beispielsweise der Zwang bestimmte Dinge immer wieder zu berühren oder zu zählen, deren Unterlassen zu starken Ängsten und Anspannung führt. Es treten nicht in jedem Fall beide Symptome auf1
Quellen:

1 „Zwangsstörung“. Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsst%C3%B6rung [Letzter Aufruf: 10.12.2019]

«Man versucht einfach das Mögliche zu tun: Viel zu den Erkrankungen zu lesen, selbst Hilfe zu suchen und die Problematik zu besprechen.»

Wie es ist, wenn die eigenen Kinder mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben

Mam2

Lieblingsgetränk: Cola Zero

Du hast zwei Kinder mit psychischen Erkrankungen. Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

B*: Was mir bei beiden Kindern früh auffiel, war, dass sie einen grossen Gerechtigkeitssinn hatten und feinfühlig waren. Die Tochter war wissensdurstig, saugte jede Information auf und verarbeitete diese bereits mit 5/6 Jahren in Geschichten, die sie schrieb. Ich fand, dass die Tochter einfach mehr „Antennen“ hatte im Vergleich zu anderen Kindern und sie auch die Menschen sehr gut einschätzen konnte. Sie hatte aber immer auch eine Fantasie fürs „Dunkle“ und wurde öfters von Alpträumen in der Nacht geplagt, in denen sie verfolgt wurde. Da dachte ich Uff, hoffentlich macht sie sich nicht allzu viel Sorgen über dies und jenes.

Mit etwa 10 Jahren bekam die Tochter starke Angstzustände, wollte uns immer in der Nähe haben, was überhaupt nicht ihrer Art entsprach, denn sie war nie ein ängstliches Kind gewesen. Man denkt dann natürlich zuerst an die Hormone oder Vorpubertät. In dieser Zeit fragte ich auch bei einer Psychiaterin um Rat. Diese meinte, dass dies eine Phase sei und vergehen werde. Nach meinem Empfinden dauerten diese sichtlichen Angstzustände aber sicher fast zwei Jahre an. Die Ängste kamen und gingen, dazu gesellten sich depressive Verstimmungen, die mehrere Jahre mal ausgeprägter, mal weniger ausgeprägt da waren.

Bei meinem Sohn merkte ich ebenfalls, dass er sensibler in der Wahrnehmung ist als andere Leute und sich mehr überlegte als der ‘grosse Haufen’. Was mich an ihm beeindruckte, war, dass er schon sehr früh eine ausserordentliche Feinmotorik zeigte und beispielsweise mehrere Stunden an einem Roboteraufbau verweilen konnte. Beim Sohn stellte ich aber im Gegensatz zur Tochter bereits mit etwa 3 Jahren seine Ängstlichkeit fest. Er erwachte sehr oft in der Nacht und hatte komische «Krampfanfälle» und Weinattacken. Aussenstehende Leute konnten ihn stark verunsichern und einschüchtern. Mit etwa 8 Jahren wurde er immer stiller und «kapselte» sich ab. In dieser Zeit begann sein Händewaschen, welches immer schlimmer wurde, dazu gesellten sich starke Gedanken- und Sprechzwänge. Auch hier konsultierte ich die Psychiaterin und auch hier war ihr Motto: Durchhalten, es wird dann schon besser.

Wie geht es den Kindern heute?

B*: Ich finde, dass die Tochter für ihr Alter sehr „geerdet“ ist und mit ihren Handicaps gut umgehen kann. Sie redet offen darüber und holt sich bei Bedarf nach wie vor Hilfe. Beim Sohn haben sich die Zwänge verbessert. Er ist offener und gesprächiger geworden. Das tägliche Chaos, die Kauferei und sich fürs nötige Schulische aufzuraffen, sind nach wie vor Knackpunkte.

Ist es schwierig, als Mutter oder als Familie den Zugang zu einem Kind mit einer psychischen Erkrankung zu finden? Wie würdest du sagen, geht man im Falle einer Erkrankung am besten vor?

B*: Also schwierig ist es sicher nicht, wenn die Kinder einem am Herzen liegen. Man versucht einfach das Mögliche zu tun: Viel zu den Erkrankungen zu lesen, selbst Hilfe beim Psychiater zu suchen und die Problematik mit dem Partner und den allerbesten Freund*innen zu besprechen. Dazu ist es wichtig, dass man als Ehepaar zusammenhält und am gleichen Strick zieht, auch wenn es einem vielleicht nicht immer gelingt.

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass man über einiges einfach hinwegsehen muss. Manchmal ist es besser, nachzugeben und locker zu lassen. Wenn möglich, sollte man auch keinen Druck auf die Kinder ausüben, sondern als Eltern immer Hilfestellungen anbieten, sei es fürs Lernen, fürs Aufräumen, für irgendwelche Notfallübungen wegen zeitlicher Knappheit oder anderem und Ruhezeiten einplanen und Strukturen vorleben. Man muss also flexibel bleiben. Darüber hinaus lernen die Kinder häufig auch selbst, wie sie mit ihrer Erkrankung umgehen können, sie entwickeln «Coping Strategien». Bei den Erkrankungen unserer Kinder im Spezifischen fand ich auch die richtige Medikation äusserst wichtig.

War die Akzeptanz, dass die eigenen Kinder psychische Erkrankungen haben, auch mit einer Art Trauerprozess verbunden – Trauer darüber, dass die eigenen Kinder nicht gesund sind? Oder mit Schuldgefühlen?

B*: Trauergefühle hat man schon. Es ist aber eher eine Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit. Schuldgefühle plagen mich nach wie vor enorm. «Was habe ich alles falsch gemacht», frage ich mich oft. Man verfällt dann in einen «Gedankenstrudel».

Ich war bestimmt in vielem inkonsequent, würde aber meine Kinder trotzdem wieder genau gleich erziehen. Was heisst aber schon erziehen. Ich erachte die Vorbildfunktion als Eltern wichtiger.

Wie verliert man sich in solchen Zeiten nicht selbst? Wie wichtig ist es, eine gewisse emotionale Distanz zu waren?

B*: In schwierigen und harten Zeiten, die es vor allem mit unserem Sohn gab, ist es wichtig, etwas zu tun, was einem Freude bereitet, sei es regelmässiger Sport oder der Beruf.

Ich war die letzten Jahre daheim als Hausfrau und verrichtete meine Arbeit immer sehr gerne. Ich konnte meine  kreativen Seiten ausleben und dadurch Entspannung gewinnen. Man muss sich bewusst aufraffen, voraus schauen und versuchen, positiv zu denken.

Eine emotionale Distanz konnte ich aber kaum schaffen und ich bemerkte irgendwann, dass die ganzen Herausforderungen mich an den Rand der Verzweiflung brachten. In solchen Momenten sind sofortige Gespräche, SMS oder Whatsapp mit dem Partner oder Psychiater Gold wert.

Ganz ehrlich: Können solche Erkrankungen manchmal nicht auch einfach nerven? Was machst du in solchen Situationen?

B*: Solche Erkrankungen strapazieren die Nerven enorm. Das dauernde Händewaschen, das tägliche Chaos, die Notwendigkeit, immer an alles denken müssen zu müssen – all das ist auf die Dauer äusserst anstrengend und kann zu Depressionen führen. Flexibilität ist – um es nochmals zu betonen – in jeder Hinsicht stark gefragt.

In solchen Situationen fällt halt dann auch das eine oder andere forsche, gehässige oder unangebrachte Wort und man ist wütend. Im Nachhinein hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, dass ich so reagiert hatte. Später entspannte ich mich jeweils in einem Bad und da flossen dann halt die Tränen.

Was würdest du anderen in einer ähnlichen Situation raten?

B*: Die Ruhe bewahren, einen zuverlässigen, erfahrenen, spezialisierten und kompetenten Psychiater zu Rate ziehen. Unser Psychiater unterstützt uns seit Jahren. Sich übers Internet Informationen und Ratschläge einholen. Und nicht zuletzt: Mit dem Partner Ferien und Auszeiten zum Entspannen nehmen.

Schlusswort

Ich bin in jedem Fall stolz auf unsere Kinder. Sie sind eine Bereicherung fürs Leben und werden ihren Weg trotz allem gut meistern. Beide sind körperlich gesund, liebenswürdig, angepasst, haben einen sehr guten Charakter, sind intelligent und sind immer für Neues zu begeistern – und das ist sehr viel wert.

«Ich erlebe zwei- bis dreimal in der Woche einen Schub»

Jung und schizophren – wie fühlt sich das an?

Renato

Lieblingsgetränk: Stange Bier

Wann und wie ist deine Krankheit ausgebrochen?

R*: Die ersten Anzeigen zeigten sich, als ich eine Weiterbildung absolvierte. Während dieser Zeit konsumierte ich eine grosse Menge Cannabis, da ich dachte, das helfe mir, meine kognitiven Fähigkeiten zu erweitern, und so länger und besser zu lernen. Das erwies sich allerdings als grosser Irrtum.

Der Anfang meiner Erkrankung war so, dass mein Vorgesetzter mich nach der Hochzeitsfeier eines Arbeitskollegen ins Büro zitierte und mir nahelegte, mich in Behandlung zu begeben. Wahrscheinlich hatte ich während der Hochzeit aufgrund akustischer Halluzinationen mit mir selbst gesprochen. Genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Mein erster stationärer Aufenthalt dauerte dann drei Wochen. Zu dieser Zeit war die Rede von einem Burnout. Danach ging ich aber bereits wieder 100% arbeiten.

Die erste richtige Psychose hatte ich dann nach dem Besuch meines Vaters in Brasilien. Ich wusste, dass sein Gesundheitszustand sehr schlecht war und wollte quasi noch Abschied nehmen. Auch nach Brasilien konnte ich den Cannabiskonsum nicht einschränken und klappte dann plötzlich in einem Rauschzustand zusammen. Es fühlte sich an, als würde mein ganzer Körper brennen. Ich hatte starkes Gedankenlautwerden – man kann es auch als „Stimmenhören“ bezeichnen – sowie Beobachtung- und Verfolgungswahn. Und ich verspürte diverse andere Nebeneffekte wie Beeinträchtigungswahn, Depersonalisierung, Angst, Ich-Störungen und Affektverflachung. Ich behaupte, dass dies eine drogeninduzierte Psychose war. Seither habe ich eine gewisse Restsymptomatik und erlebe 2-3 Mal in der Woche einen Schub.

Wie sieht so ein Schub aus und wie fühlt er sich an?

R*: Ich habe dann beispielsweise Halluzinationen und starke Ängste; ein innerliches Gefühl der Bedrohung, die man sich in einem Hirngespinst zusammenreimt. Der Stresspegel ist immer sehr hoch. Ich habe dann auch, was man «Gedankenlautwerden» nennt, das heisst Gedanken, die sich autonom katastrophisieren. In einem Schub bin ich immer auch recht suizidal und muss stark Alternativgedanken entwickeln. Es plagt einem wirklich. Und die Erwartungsangst vor dem nächsten Schub ist natürlich auch immer da. Aber es ist sehr schwierig zu umschreiben.

Besteht die Möglichkeit, dass diese Schübe mal nachlassen oder ein anderes Muster annehmen? Oder ist das eher dem Zufall überlassen?

R*: Es ist schon eher dem Zufall überlassen. Mein Psychiater sagt mir, ich müsse mich mit diesen Schüben anfreunden, sie annehmen und mit ihnen umzugehen lernen. Mittlerweile gelingt mir das auch bis zu einem gewissen Grad, weil sie ja nicht anhaltend sind – sie gehen wieder vorbei. Und das gibt mir eine gewisse Zuversicht, das Ganze vorbeiziehen zu lassen. Trotzdem muss ich dann in diesem Fall meistens zu einem Beruhigungsmittel greifen.

Bei einer Schizophrenie denkt man oftmals nur an die sogenannten Positivsymptome, also beispielsweise Halluzinationen und Psychosen. Aber eine Schizophrenie umfasst auch Negativsymptome. Hast du auch solche Symptome und wie sehen diese bei dir aus?

R*: Ich habe recht viele solcher Negativsymptome und zwar sowohl krankheits- als auch medikamentenbedingt: Antriebslosigkeit, Interessen- und Begeisterungsunfähigkeit…

Ich weiss nicht genau, wie es ohne die Medikamente wäre, aber ich habe schon das Gefühl, dass sie mich dämpfen. Andererseits bin ich mir zu 90% sicher, dass ich, wenn ich sie absetzen würde, wieder in eine längere Psychose rutschen würde. Und das will ich nie mehr erleben.

Welcher Teil beeinträchtigt dein Leben mehr – die Positiv- oder die Negativsymptome?

R*: Die Hauptbeeinträchtigung kommt schon von den Positivsymptomen, also den Schüben, und der damit verbundenen Erwartungsangst. Das ist das Drama. Mit der Negativsymptomatik komme ich einigermassen klar. Wenn ich z.B. zuhause den Haushalt machen muss, denke ich schon jeweils: «Darauf habe ich jetzt keinen Bock», aber das geht wohl etwa jedem gleich.

Wenn man unter einer Affektabflachung leidet, könnte man ja auch – etwas plakativ gesprochen – sagen, dass das einem grundsätzlich egal sein kann, weil man eben affektverflacht ist.

R*: Man könnte schon sagen, dass man durch diese Affektverflachung etwas kalt wird. Man kann Emotionen nicht mehr so einfach aufrufen.

Früher war ich ein sehr emotionaler Mensch. Und das merke ich schon, dass das jetzt anders ist. Euphorie ist zum Beispiel gar kein Thema mehr bei mir.

Vermisst du das manchmal?

R*: Ja, definitiv.

Wie ist das für dein Umfeld?

R*: Für meinen Bruder hat es sehr lange gedauert zu akzeptieren, dass ich krank bin. Ich war immer der grosse Bruder, das Vorbild, wenn man so will. Ich schaute immer zu ihm. Mittlerweile kann er es akzeptieren, weil er sich sehr mit der Psychoanalytik beschäftigt. Aber meine Krankheit wird eben immer auch mit ihm assoziiert. Man fragt immer: «Ah, wie geht es deinem Bruder?» und solche Dinge. Und das ist für ihn nicht immer ganz einfach.

Meine Schwester macht das relativ gut mit mir. Sie hört mir zu, wenn ich anrufe, und ist von dem her immer da für mich. Meine Mutter war eben auch schon stark schizophren, hörte Stimmen, die sie fertig machten. Von dem her kennen wir alle das eigentlich recht gut. Aber deshalb ist es nicht einfach.

Was sind für dich die grössten Hürden im Alltag mit deiner Erkrankung?

R*: Auf Platz Nummer 1 wären sicher die alltäglichen Dinge zu meistern, wie beispielsweise den Briefkasten zu leeren. Davor habe ich oftmals Angst. Oder auch einkaufen zu gehen. Es ist auch schwierig, sich nicht so einnehmen zu lassen; dass man den Stimmen beispielsweise nicht zu viel Aufmerksamkeit widmet, dass man sich auf den Moment konzentriert und sich gute Gedanken zuspricht.

Wie kann man dich am ehesten unterstützen?

R*: Zuhören ist das, was mir am meisten hilft. Ansonsten kann man eigentlich nicht viel tun. Das liegt bei mir. Ich muss mit meiner Krankheit umgehen.

Was wünschtest du, hättest du zu Beginn deiner Krankheit gewusst, das du jetzt weisst, damals aber nicht?

R*: Ich hätte die Finger von Cannabis gelassen. Und ich hätte vielleicht nicht so wie ein Tier gearbeitet, sondern wäre alles eher ruhiger angegangen.

Kannst du denn momentan arbeiten?

R*: Es ist schwierig. Rein kognitiv wäre alles vorhanden. Aber die Stabilität ist ein Problem.

Ich würde gerne arbeiten. Auch für die Selbstbestätigung. Es ist nicht so, dass ich mir sage: «Ich bin jetzt IV-Rentner, ich geniesse es jetzt». Aber ich weiss nicht, wie die Schübe das zulassen.

Hast du irgendeinen Ratschlag für Menschen in einer ähnlichen Situation parat?

R*: Ich würde vulnerablen Personen raten, sich möglichst wenig Stress auszusetzen – ob beruflich oder privat. Lasst die Hände weg von Drogen. Haltet eure sozialen Kontakte aufrecht und isoliert euch nicht. Bewegt euch genügend. Versucht nicht zu viel zu grübeln. Und: Lebt jetzt, lebt im Moment.

 

 

 

 

Schizophrenie: Eine psychische Krankheit, welche nicht, wie häufig fälschlicherweise angenommen, zu einer "gespaltenen" Persönlichkeit führt, sondern sich in sogenannten Positivsymptomen (Denkstörungen, Sinnestäuschungen, Wahn), Negativsymptomen (Affektabflachung, Apathie, motorische Defizite) und einer Reihe kognitiver Symptome (Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen) äussert. Die Krankheit umfasst verschiedene Unterformen und individuelle Störungsbilder1.

 

 

Quellen:

1„Schizophrenie“. Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Schizophrenie [Letzter Aufruf: 05.08.2019].

«Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr anders, als mich vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit zu übergeben»

Bulimie und ich – aus dem Leben einer 14-jährigen

Joelle

Lieblingsgetränk: Grüntee

Es war Spätsommer. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten einem freundlich entgegen und das Eis tropfte vom Stiel. Genau wie dieses Bild sollte doch das Leben einer normalen 14-jährigen aussehen: Fröhlich und einfach. Doch gibt es nicht auch das andere Leben – das, welches totgeschwiegen wird und von welchem man nicht spricht? Das Leben, das nicht fröhlich und einfach ist?

Aus einem solchen Leben möchte ich erzählen.

Meine Kindheit war schwer, sehr schwer. Und nun stand ich da. Jung und alleine, so dachte ich.  Alleine in einer vier-köpfigen Familie, in welcher der Tag von Alkohol geprägt war und in welcher ich funktionieren musste wie eine Erwachsene. Die letzten acht Jahre waren nicht spurlos an mir vorbeigegangen: Ich war erschöpft, wütend, verzweifelt und vor allem komplett überfordert mit der familiären Situation und mit mir selbst. Selbstzweifel kamen auf: War ich an allem schuld? War ich nicht gut genug? Was hatte ich falsch gemacht? Wieso ich?

Ich musste den Stress irgendwie loswerden. Anfangs verletzte ich mich selbst. Dies bekam ich aber sehr schnell selbst in den Griff, da ich merkte, dass es der falsche Weg war. Aber dann brauchte ich eine neue Strategie. Und die fand ich: Mich wortwörtlich auszukotzen. Anfangs war es vielleicht einmal alle drei Tage, danach wurde es zur Gewohnheit. Doch tat ich das aus Angst, zu dick zu sein? Tat ich das, um der Gesellschaft zu gefallen, weil mir die Zahl auf der Waage zu hoch war?  Anfangs vielleicht, aber mir wurde schnell bewusst, dass dies nicht der einzige Grund war. Den wollte ich jedoch lange Zeit nicht wahrhaben. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich schwach und psychisch und emotional völlig überfordert war. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, doch gibt es dafür jemals einen richtigen Zeitpunkt?  Es passte einfach nicht, nicht damals. Ich musste doch irgendwie meine Familie retten, irgendwie alle auf dem gleichen Boot behalten; stark sein, wie ich schon mein Leben lang hatte stark sein müssen.

Ich fühlte mich teils innerlich so leer, konnte keine Gefühle zulassen und wusste nicht, wie mit meiner Verzweiflung umzugehen. Meist funktionierte ich nur noch irgendwie, denn irgendwie musste ich ja alles zusammenhalten. Und meist hatte ich nur wenig Zeit, um über all den Scheiss nachzudenken. Doch wenn ich Zeit hatte, wurde mir schon beim Gedanken daran übel. Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr anders, als mich vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit zu übergeben. Es fühlte sich so befreiend an, so als würde mir etwas von meiner Last abgenommen werden. Ich fühlte mich danach jeweils für einen kurzen Moment befreit von all dem Stress, von all der Verantwortung. Und ja, mir war bewusst, dass mein Umfeld dachte, ich sei an Bulimie erkrankt. Und nein ich bin nicht stolz darauf.

Lange, vielleicht auch viel zu lange, konnte ich der ganzen Welt vorspielen, in was für einer heilen Familie ich lebte. Doch irgendwann machte ich mit meinem doch sehr speziellen Essverhalten einige Leute auf mich aufmerksam. Es war eine ganz tolle Lehrperson, die schliesslich bemerkte, dass bei mir irgendetwas nicht stimmen konnte. Nach langer langer Zeit und viel Feingefühl ihrerseits, vertraute ich mich ihr an. Wir sprachen viel und oft über meine Probleme, bis ich mich irgendwann dazu durchringen konnte, einen Termin bei unserer Schulsozialarbeiterin auszumachen. Diese versuchte, mir bei meinen familiären Problemen zu helfen, unterstützte mich, soweit ich es zuliess. Denn Vertrauen aufzubauen fiel mir damals sehr schwer. Aufgrund meiner Essstörung und meiner psychischen Abgeschlagenheit verwies sie mich weiter an eine Psychiaterin. Zu dieser konnte ich für meine Verhältnisse schnell eine Vertrauensbasis aufbauen. Sie zeigte mir auf, welche Probleme ich hatte und wie wir diese gemeinsam in Angriff nehmen konnten. Ich fand Methoden und Wege, welche für mich stimmig waren, um aus dem Teufelskreis der Bulimie herauszukommen. Jedoch dauerte es seine Zeit, bis ich wieder in ein normales Essverhalten kam.

Auch heute, fast sieben Jahre später, denke ich gerade in Situationen, in denen ich psychisch überfordert bin und an meine Grenzen komme, darüber nach, es wieder zu tun. Allerdings kenne ich heute Methoden und Wege, mich nicht wieder zu übergeben. Ich weiss heute auch, dass sich zu übergeben keine Lösung ist; dass ich stark bin und dass, wenn ich es einmal nicht bin, das auch in Ordnung ist.

Ich kann nach all den Jahren nur mit zwei Personen darüber sprechen und selbst dies ist für mich eine grosse Herausforderung.  Die Bulimie ist ein Teil meines Lebens, den ich gerne streichen würde – und doch weiss, dass er mich stärker gemacht hat.

 

Bulimie: Eine Essstörung, die üblicherweise durch Essattacken gekennzeichnet ist, in denen der oder die Betroffene eine grosse Menge an Nahrung in kurzer Zeit zu sich nimmt und diese dann beispielsweise über Erbrechen oder Abführmittel wieder loszuwerden versucht1.

 

Quelle:

1 „Bulimie“. Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Bulimie#Definitionen [Letzter Aufruf: 29.06.2019]

Du bist anstrengend, aber ich mag dich

Über ADS und Beziehungen

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Lieblingsgetränk: Traubensaft

Anmerkung: Die hier vorkommenden Namen wurden geändert.

ADS wurde bei mir erst im Jugendalter diagnostiziert. Inzwischen weiss ich etwa die Hälfte meiner Lebenszeit, was mit mir eigentlich nicht stimmt. Doch weiss ich das wirklich? Habe ich diese Krankheit wirklich verstanden? Auf einer abstrakten Ebene, denke ich, ist dies sehr wohl der Fall, doch erlebe ich immer wieder noch die Frustration, welche sie mit sich bringt. Warum fallen mir gewisse Dinge so schwer, welche anderen so leicht fallen?

Meine Wahrnehmung der Welt ist entschieden anders. Reize zu diskriminieren, fällt mir unglaublich schwer. Fehler in der Grammatik und Rechtschreibung eines Textes zu sehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. In einem Gespräch verliere ich den Faden. Den Fokus auf eine einzige Arbeit zu legen, ist nur möglich mit einer Vielzahl von Strategien.

Ständig verliere ich Dinge und jede Zugfahrt ist mit der Angst verbunden, erneut dem Fundbüro eine Anfrage schicken zu müssen.

Damit ich meinen Alltag bewältigen kann, folge ich sturen Abläufen. Meine Arbeitszeit ist klar eingeteilt und abgestimmt auf den Zyklus des Ritalin. Auch nach über Jahren der konstanten Einnahme dieses Medikamentes spüre ich dessen Nebenwirkungen. Ich mag nichts essen und phasenweise erhöht es mein Aggressionspotential während der Wirkungszeit. Ritalin senkt auch mein Empathiegefühl. Doch es hilft mir eben auch, Reize zu diskriminieren, die andere Menschen ausblenden können; es hilft mir, meine Gedanken auf 2,3,4 Themen zu fokussieren und nicht auf 5,6,7,8,9 oder 10. Ich kann meine Arbeit denn nur gut erfüllen, wenn ich das Medikament nehme.

Früher empfand ich die Schwächen, die ich durch die ADS habe, als demütigend und bin nicht offen mit meiner Erkrankung umgegangen. Heute informiere ich meine Arbeitskolleg*innen und auch Freunde darüber. Sie sollen nicht denken, dass meine Nachlässigkeit etwas mit Desinteresse zu tun hat, sondern wissen, dass ich manchmal einfach nicht anders kann. Aber was geschieht mit jenen, welche mir besonders nahe sind? Was geschieht mit denen, welche all das fast täglich mit mir durchmachen, welche mein Chaos ebenso verstehen müssen wie die sturen Abläufe? Abläufe, die oftmals so stur sind, dass man sie eher bei jemanden mit Asperger vermuten würde, als bei jemandem mit ADS?

AD(H)S: Eine Aufmerksamkeits(-Hyperaktivitäts-)Störung, kurz AD(H)S, zeichnet sich durch Probleme in der Regulation von Aufmerksamkeit und Impulskontrolle aus. Betroffene haben Mühe, sich zu konzentrieren oder ihre Konzentration angemessen zu lenken, sind häufig desorganisiert und zeigen weitere Symptome wie emotionale Labilität oder impulsives Verhalten. Manche Betroffenen erleben zudem eine beständige, übermässige körperliche Unruhe (Hyperaktivität). Eine AD(H)S kann sich auf vielfältige Art und Weise äussern und führt nicht in jedem Fall zu behandlungsbedürftigen Beeinträchtigungen1.

In meinen Leben führte ich bis jetzt drei romantische Beziehungen. Die erste dauerte etwa zehn Jahre, die zweite ein halbes und die jüngste hat gerade erst begonnen.

Robin war immer sehr bemüht, meine Krankheit zu verstehen, doch vieles gelingt Robin bis heute nicht. Robin hat die Krankheit eher toleriert als wirklich verstanden. Doch das klingt jetzt härter als es gemeint ist. Die Beziehung begann bevor ich wirklich therapeutische Hilfe in Anspruch genommen habe und ich hatte viele meiner heutigen Strategien noch nicht zur Verfügung; Strategien, die ich zum Teil auch erst mit der Hilfe von Robin entwickeln konnte.

Robin hat hunderte von Stunden damit verbracht, meine Fehler zu kompensieren. Hat unzählige Mails und fast jede meiner akademischen Arbeiten korrigiert. Hat immer wieder die Dinge an den richtigen Platz geräumt und auf meinen Essrhythmus Rücksicht genommen. Für viele Dinge bin ich Robin sehr dankbar und doch kann ich heute den Ärger manchmal nicht zurückhalten. Zu oft fühlte ich, wie sehr diese Dinge für Robin eine Last waren, wenn wieder einmal wiederholt wurde, dass eine Rechtschreibregel doch schon so oft erklärt worden war oder Robin wütend nach einer Haarbürste fragte, welche ich irgendwo hingelegt hatte. Es entwickelte sich daraus mehr als nur ein Streit und es dürfte wohl einer der Gründe sein, dass wir uns nach 10 Jahren schliesslich trennten.

Ich konnte Robin meine Krankheit nie wirklich verständlich machen und das war frustrierend. Doch zeigt die Geschichte auch, welche Anforderungen ADS an die Angehörigen stellt. Wie frustrierend muss es sein, immer wieder das Gleiche tun zu müssen und dies dann auch noch bei einer Krankheit, die nicht offensichtlich ist. Wenn es darum gegangen wäre, dass Robin mir täglich geholfen hätte, eine Treppe zu überwinden, weil ich ein Rollstuhlgänger gewesen wäre – ich glaube, dies hätte unsere Beziehung viel weniger belastet. Es wäre dann klar gewesen, warum ich jedes mal Hilfe gebraucht hätte. Doch die ADS ist auf den ersten Blick unsichtbar.

Die Schwächen der ADS lassen sich kompensieren, doch sie gehen nicht weg. Eine ADS zu haben oder mit einem Menschen zusammen zu sein, welcher eine ADS hat, bedeutet genau das zu akzeptieren. Es bedeutet sehr oft, dass eine 80% Lösung das beste ist, was erreicht werden kann, und dass die Angehörigen manchmal die übrigen 20% beisteuern müssen. Es bedeutet aber auch für uns Betroffene, dass wir uns darüber klar werden müssen, wann wir diese 20% wirklich brauchen; dass wir vielleicht einfach damit leben müssen, dass Dinge manchmal nicht perfekt sind und andere diesen Mangel an Perfektion bemerken; dass wir unsere Angehörige davor schützen, die Dinge immer für uns beenden zu müssen.

Die Beziehung mit Robin ist aber nicht an all dem zerbrochen. Wir merkten irgendwann einfach, dass sich unsere Wege auseinander entwickelt hatten. Unsere Zielen waren nicht mehr dieselben und eine gemeinsame Zukunft ergab eines Tages keinen Sinn mehr. In dieser Trennungsphase, welche wohl über drei Jahre dauerte, merkte ich auch, dass ich für Menschen anders empfand als dies der Norm entsprach. Ich fühle das, was man als “Polyamorie” bezeichnet. So beschreiben sich Menschen, welche tiefe romantische Emotionen für mehrere Menschen zugleich empfinden. Es ist aber auch ein Begriff, welcher bestimmte moralische Vorstellungen beschreibt wie Beziehungen sein sollten, nämlich frei von Besitzansprüchen.

Polyamorie: Polyamorie bezeichnet ein nicht-monogames Beziehungskonzept, bei welchem eine Person mehrere romantische Beziehungen zum gleichen Zeitpunkt eingehen kann. Alle beteiligten Personen sind sich hierbei über einander im Klaren. In Abgrenzung hierzu steht das Konzept der offenen Beziehung, bei der zwei Partner mehrere sexuelle Beziehungen eingehen mögen, die Liebesbeziehung an sich allerdings monoamor bleibt2.

Im Verlauf der Trennung von Robin lernte ich Dominique kennen. In dieser kurzen aber intensiven Beziehung zeigte sich ein weiteres Problem. Ich brauche, Strukturen um zu funktionieren. Ich muss wissen, wann ich was zu tun habe und wann welcher Mensch welche Erwartungen an mich stellt. Ohne diese Strukturen kann ich meinen Alltag nicht bewältigen und eine Partnerschaft muss sich diesen Strukturen anpassen können. Dominique hatte selber Probleme. Eine Folge dieser Probleme war, dass es Dominique nicht möglich war, mir die Verbindlichkeit zu geben, die ich brauchte. Anders als bei Robin bin ich mir sicher, dass hier die ADS ein wirklich entscheidender Faktor für die Trennung war. Meine sturen Abläufe waren nicht kompatibel mit den Bedürfnissen von Dominique. Doch es zeigte sich auch etwas, das mir gut tat. Dominique konnte Dinge auch einfach mal sein lassen. Das kleine Chaos, dass ich verursachte, störte hier nicht und ich merkte, wie viel Konfliktpotential dadurch verschwand.

Irgendwann kam Sascha. Sascha wusste von Anfang an, was meine Eigenheiten waren. Ich hatte gelernt, wie eine ADS zu Problemen in meinen Beziehungen führte, und kannte auch all die anderen Koffern, die ich mit mir trug, recht gut. Bei unserem ersten Date erzählte ich daher Sascha, dass mein Abschweifen nichts mit Desinteresse zu tun hätte; dass ich mich manchmal in Gedanken verlieren würde und sehr impulsiv das Thema wechseln konnte, nur um dann sogleich wieder zum ursprünglichen Thema zurückzukehren. Was passierte, war, dass ich auf einmal nicht mehr Scham empfand zuzugeben, dass ich etwas verpasst hatte. Ich bat Sascha einfach darum, es zu wiederholen. Denn Sascha reagierte darauf, ohne dass ich eine Verärgerung spürte. Sascha wiederholte sich einfach. Die Themenwechsel waren für Sascha ebenfalls kein Problem, vielmehr machte Sascha einfach mit und sprang mit mir hin und her.

Ich fühlte mich zum ersten mal wirklich verstanden. Es dauerte aber lange, bis wir ein Paar waren. Ich hatte meine beiden vorherigen Beziehungen noch nicht verarbeitet und auch der Gedanke einer Polybeziehung war für Sascha etwas Neues, das zuerst einmal verdaut werden musste. Wir wurden deshalb Freunde, bevor wir ein Paar wurden und all die Gespräche, welche notwendig waren, um die Polyelemente zu erklären, führten zu einer Gesprächskultur, die ich vorher so nicht gekannt hatte; einem Verständnis des anderen, wann 80% einfach mal genügen mussten und wann ich darauf angewiesen war, dass Sascha die übrigen 20% übernahm.

Inzwischen lebe ich de facto mit Sascha zusammen und wir werden bald in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Habe ich Angst davor, dann dieselben Konflikte zu erleben wie mit Robin und Dominique? Nein, denn Sascha ist es gelungen, diese Dinge zu verstehen, und mir ist es gelungen, sie Sascha zu erklären. Wenn ich noch am arbeiten bin, dann lässt mich Sascha in Ruhe. Denn Sacha weiss, dass jeder weitere Reiz nur dazu führt, dass ich mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren kann. Wenn ich die Haarbürste an den falschen Ort lege, dann fragt Sascha danach ohne einen Vorwurf in der Stimme. Ein Chaos darf auch mal ein Chaos sein und wird notfalls gemeinsam aufgeräumt oder eben einfach als das akzeptiert, was es ist: Nämlich eine andere Art, Dinge zu ordnen.

Sascha musste lernen, sich auch mal durchzusetzen und meinen Fokus zu erzwingen. Es ist nicht immer möglich, dutzende Dinge zugleich zu besprechen und selber merke ich es oftmals nicht, dass ich genau das gerade tue. Sascha versucht dann, einen klaren Fokus herzustellen, bei dem Sascha selbst nicht untergeht. Ich glaube am schwierigsten ist es für Sascha aber zu verstehen, wann man sich in emotionaler Hinsicht nicht auf mich verlassen kann. An den Tagen, an denen ich Ritalin nehme, fühle ich die Bedürfnisse von Sascha nur schwach. Ich merke nicht, wann Sascha in den Arm genommen werden will. Sascha muss Nähe und Verständnis dann explizit einfordern und für mich ist etwas, das ich in dem Moment nur abstrakt begreife. Wir werden sehen, wohin das alles führt.  

Ich habe in den vergangen Jahren letztlich gemerkt, dass Poly-Beziehungen sich auch gerade wegen meiner ADS positiv auf mein Wohlbefinden auswirken. Sie erlauben einen klaren und intensiven Fokus auf eine einzelne Person. Grenzen werden dabei ausgehandelt und explizit gemacht. Unausgesprochenes wird ausgesprochen und Emotionen können sich auch impulsiv entfalten ohne, dass sie vom Gegenüber als Bedrohung wahrgenommen werden. Poly heisst für mich auch, sehr stark im Moment mit einem einzelnen Menschen zu sein, und auch das hilft mir, meinen Fokus zu halten. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen Polyamorie und ADS? Sind Menschen, die polyamore fühlen, nicht einfach grundsätzlich unfähig sich auf einen einzelnen Menschen einzulassen? Nur soviel soll gesagt sein: Dies ist genauso unangemessen wie zu behaupten, dass Homosexualtität nur eine Phase sei oder ein bisexueller Mensch sich einfach nicht entscheiden könne.

Hast du Fragen zum Thema ADS und (Poly)-Beziehungen? Dann kann Gina gerne den Kontakt zwischen uns herstellen.

 

 

Quellen:

„Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung“. Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivit%C3%A4tsst%C3%B6rung#Nach_ICD-10 [Letzter Aufruf: 23.03.2019]

2 „Polyamorie“.Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Polyamorie [Letzer Aufruf: 23.03.2019].

„Ich kämpfe darum, dass man nicht davon spricht, dass ein Mensch eine Diagnose ist, sondern eine Diagnose hat – genauso, wie jemand einen Beinbruch hat und nicht ein Beinbruch ist.“

Borderline – ein scheinbar plötzlicher Krankheitsausbruch und der steile Weg zurück ins Leben

Kathia_unbearbeitet

Lieblingsgetränk: Ovo

G: Liebe K, möchtest du dich ganz kurz vorstellen?

K: Ich bin 34 Jahre alt und stolze Dreifach-Tante. Ich habe Sportwissenschaften studiert und anschliessend die Physiotherapie-Schule angefangen. Ganz allgemein nimmt der Sport eine zentrale Rolle in meinem Leben ein; am liebsten bin ich draussen oder in den Bergen.

G: Welche Art von Sport machst du denn?

K: Ich habe sehr lange Kajak auf Wettkampflevel gefahren, aber jetzt ist es vor allem das Bergsteigen. Mir gefallen aber ganz viele verschiedene Sportarten. Beispielsweise habe ich sehr lange Eishockey gespielt, heute sieht man mich oft auf dem Rad, beim Joggen oder manchmal beim Schwimmen. Ich mache fast alles ausser Tanzen… Alles, ausser diejenigen Sportarten, bei denen man elegant sein muss [lacht].

G: Du hast bei einem Projekt mitgemacht, das die Unterschiede aber auch die Gemeinsamkeiten von psychisch Erkrankten und «normalen» Menschen beleuchtet. Der Grund hierfür ist deine Diagnose einer Borderline-Erkrankung. Kannst du vielleicht kurz sagen, worum es sich bei der Krankheit handelt?

K: Borderline ist eine Persönlichkeitserkrankung, die durch emotionale Instabilität gekennzeichnet ist. Wir sind Menschen, die ständig unter Spannung stehen und unsere Emotionen sehr stark wahrnehmen. Wir sind daher immer etwas auf der extremeren Seite vom Erlebten her. Diese Spannung auszuhalten ist hierbei sehr schwierig. Für mich fühlt es sich jeweils so an, als würde ich von einer Walze überrollt.

Grundsätzlich gibt es 9 diagnostische Kriterien, von denen 5 für eine Diagnose erfüllt sein müssen. Diese Kriterien betreffen beispielsweise den Umgang mit den eigenen Emotionen, beinhalten aber auch ein erhöhtes Suchtpotenzial, eine Mühe mit Beziehungen – das ist der Teil, der bei mir zum Glück nicht vorhanden ist –, oftmals auch eine extreme Wut. Dissoziative Zustände können auch Teil der Erkrankung sein. In Abgrenzung zu einer Psychose fühle ich mich aber zwar beispielsweise extrem beobachtet, weiss aber, dass das eigentlich nicht stimmt. Jemand mit einer Psychose hingegen kann diesen Unterschied nicht mehr machen.

«Borderline» ist mittlerweile leider etwas zu einem Modewort verkommen. Manchmal wird das Wort heute von Menschen in Anspruch genommen, die sich vom Mainstream abheben wollen und man hat oft das Gefühl, dass jeder Teenager, der sich selbstverletzt, automatisch Borderline hat. Aber Borderline ist, wie schon gesagt, eine Persönlichkeitserkrankung und deshalb sollte man einen Teenager, der ja noch in der Persönlichkeitsentwicklung steht, nicht allzu voreilig diagnostizieren.

G: Wieso überhaupt «Borderline»?

K: Die Bezeichnung «Borderline» kommt ursprünglich daher, dass man früher nicht gewusst hat, ob es sich bei der Erkrankung um eine Neurose oder eine Psychose handelt, da das Bild des Borderliners Elemente beider Erkrankungen enthält.

G: Wie hat die Krankheit bei dir angefangen?

K: Bei mir hat das Ganze mit dissoziativen Anfällen in der Physioschule angefangen. Ich war dann jeweils plötzlich nicht mehr ansprechbar, bewusstlos, hatte Krampfanfälle, teilweise 2-3 Stunden lang. Man hat natürlich zuerst gedacht, dass das vielleicht epileptische Anfälle wären, hat dann aber schliesslich nach langer Abklärung festgestellt, dass die Anfälle psychisch bedingt sind. Solche Anfälle sind recht typisch für diese Erkrankung, vielleicht einfach nicht gerade in dem Ausmass, in dem ich sie hatte. Aber das Hirn macht dann quasi einen Kurzschluss, einfach, um sich selbst zu schützen.

Ich habe dann auch angefangen, mich zu schneiden in Momenten, in denen ich extrem gestresst war und nicht mehr mit dem Druck umgehen konnte.

G: Was mich Wunder nimmt – wie hat man überhaupt herausgefunden, dass deine Anfälle psychischen Ursprunges sind?

K: Die Diagnose wurde primär nach dem Ausschlusskriterium gestellt. Ein entscheidender Faktor war auch, dass ich mich angefangen habe zu ritzen. Da hat man sich dann schnell auch überlegt, ob die Anfälle nicht psychischen Ursprunges ist.

G: Gab es irgendwie einen bestimmten Punkt, an dem die Krankheit ausgebrochen ist oder hat sich das Ganze eher schleichend entwickelt?

K: Das ist eben das Interessante. Ich bin ans Collège gegangen, habe Wettkampfsport betrieben, ich hatte einen Freund, wir hatten ein Haus… Ich war eigentlich völlig normal und stand mitten im Leben und plötzlich, von 0 auf 100, hat das angefangen. Je länger ich mich dann aber mit der Krankheit auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass sie eigentlich schon lange da war.

Ich denke, bei mir hat besonders die erhöhte Sensibilität und Emotionalität früh angefangen. Ich war auch ein sehr ängstliches Kind. Und schon bald kamen die Identitätsstörungen hinzu: Ich war zum Beispiel als Kind überzeugt, dass ich eigentlich ein Junge bin, und als ich dann akzeptiert hatte, dass ich ein Mädchen bin, wusste ich lange Zeit auch nicht, ob ich eigentlich lieber Frauen oder Männer mag. Je länger, dass ich mich damit auseinandersetze, desto mehr merke ich, dass all das Komische an mir plötzlich einen Namen erhält.

Darüber hinaus wurde ich in der Oberstufe drei Jahre lang recht heftig gemobbt, einfach weil ich anders war. Im Collège kam dann auch noch ein sexueller Missbrauch hinzu. Ich habe dann nach diesem Vorfall 6 Jahre eigentlich ganz normal mein Leben gelebt bis dann diese Krankheit ausgebrochen ist.

G: Weisst du, wieso eine so lange zeitliche Distanz dann zwischen diesen Erlebnissen und dem Ausbruch der Krankheit besteht?

K: Ich glaube einerseits hat das damit zu tun, dass sich die Persönlichkeit in diesem Alter immer noch am entwickeln ist. Andererseits denke ich auch, dass ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht bereit gewesen wäre, das Ganze anzugehen. Ich denke, es war eine Art Eigenschutz.

G: In dem Sinne hast du diese Erfahrungen also einfach verdrängt?

K: Ich glaube «verdrängt» ist das falsche Wort. Sie haben einfach nicht existiert und diese Erfahrungen haben mich irgendwie auch nicht im Alltag beeinflusst. Erst als ich dann in der Physioschule auch mit männlichen Patienten zusammenarbeiten musste, hatte ich plötzlich Flashbacks und da hat sich das dann gezeigt. Ich denke, dass mein Körper einfach irgendwann reagiert hat, weil ich ihm selbst nie das Wort überlassen und mich mit diesen Erfahrungen auseinandergesetzt habe.

G: Steht hinter einer Borderline-Erkrankung immer auch ein traumatisches Erlebnis oder kann die Erkrankung quasi auch spontan ausbrechen?
K:
Genau weiss ich es nicht, aber ungefähr 80% der Erkrankten haben ein traumatisches Erlebnis wie Mobbing oder physischen, sexuellen oder psychischen Missbrauch hinter sich. Ich habe persönlich bisher aber noch keinen Borderliner getroffen, der nicht irgendein traumatisches Erlebnis hinter sich hat.

G: Die Krankheit kann, so sagt man, besonders am stärkeren Ende des Spektrums ja recht invalidisierend sein – inwiefern würdest du dem zustimmen?

K: Ich finde die Krankheit sehr invalidisierend, besonders auch, weil es keine Heilung gibt, sondern man nur lernen kann, mit ihr umzugehen. Ich stehe eigentlich konstant unter Anspannung, erlebe extreme Emotionen und starke Ängste. Das führt auch dazu, dass ich meinen Alltag sehr gut durchplanen muss. Wenn ich beispielsweise am morgen in die Therapie gehe, dann muss ich meinen Nachmittag so planen, dass ich dann nicht noch den öffentlichen Verkehr benutzen oder einkaufen gehen muss, weil ich weiss, dass das dann einfach zu viel wäre. Alltägliche Dinge wie den Briefkasten zu leeren, Telefonate zu erledigen, eben beispielsweise den Bus zu benutzen oder einzukaufen… Das sind Dinge, die für mich viel Stress produzieren und die deshalb auch viel Zeit in Anspruch nehmen.

Was darüber hinaus eben auch recht invalidisierend ist, ist das mittlere Umfeld. Von aussen sieht man mir nichts an, ausser ich laufe gerade im T-Shirt rum und man sieht meine Narben. Man sieht dann nur: «Ah, die Frau ist am Morgen joggen gegangen und am Nachmittag fährt sie mit dem Fahrrad rum». Dabei bin ich am Morgen joggen gegangen, damit ich einkaufen gehen konnte und am Nachmittag bin ich Fahrrad fahren gegangen, um anschliessend in die Therapie gehen zu können. Das Verständnis fehlt einfach nach wie vor und man wird schnell verurteilt für etwas, nur weil man es nicht kennt. Dabei ist es für mich Arbeit, den Alltag bewältigen zu können und Arbeit, überhaupt aus dem Bett zu kommen. Ich stehe denn auch jeden Tag zwischen 5 und 6 Uhr auf und nur weil ich dann nicht mit dem Bus zur Arbeit fahre und den ganzen Tag im Büro sitze, heisst das nicht, dass ich nicht auch arbeite.

Nicht zuletzt kann es auch invalidisierend sein, wenn ich eben im T-Shirt rumlaufe und dann angestarrt werde. Und auch der Fakt, dass ich IV und Ergänzungsleistungen beziehe, ist manchmal schwierig für mich.

G: Du hast erwähnt, dass es besonders auch die Reaktionen und die Behandlung derjenigen Menschen, die dich vielleicht nicht so gut kennen, sind, die schwierig für dich sind. Wie würdest du dir wünschen, dass diese Menschen mit dir umgehen?

K: Ich fände es manchmal gut, wenn die Menschen mehr Fragen stellen würden. Man kann ja durchaus fragen: «Du kannst an drei Tagen joggen gehen, wieso kannst du also nicht auch drei Tage die Woche arbeiten?». Aber dann fände ich es schön, wenn die Personen auch offen wären, mir zuzuhören, wenn ich ihnen erkläre, weshalb das eben nicht geht. Generell fände ich es schön, wenn es mehr Interesse ohne gleichzeitige Verurteilung oder Wertung gäbe. Ich habe einfach im Verlauf der Zeit gemerkt, dass sehr viel Verständnis da ist, sobald ich mich erklären kann. Aber zuerst wird man oft einfach sehr schnell verurteilt.

G: Wie hat dein näheres Umfeld reagiert, insbesondere auch, als die Krankheit frisch ausgebrochen ist?

K: Der Ausbruch war natürlich für alle heftig. Meine Familie und auch mein Ex-Freund haben damals sicherlich extrem gelitten. Das Problem war natürlich auch, dass man am Anfang keine Krankheitseinsicht hat. Ich habe damals gedacht: «Ja, ich kann schon in Therapie, aber ich verstehe nicht ganz, was euer Problem ist…» bis ich dann erst realisiert habe, dass es wirklich nicht mehr geht.

Es war für uns alle auch nicht einfach, mit meinem selbstverletzenden Verhalten umzugehen. Da kam dann jeweils schon sehr viel Kritik und auch viele Vorwürfe. Als dann am Schluss die Diagnose kam, war es sicherlich für jeden von uns eine Erleichterung.

G: Du sagst, du hättest zu Beginn keine Krankheitseinsicht gehabt. Wie kam es dann dazu, dass du gemerkt hast, dass du Hilfe brauchst?

K: Das ist ein Schritt, den niemand beeinflussen kann. Wieso, dass ich es plötzlich geschafft habe, diesen Schritt zu machen, weiss ich nicht genau. In der Schule kam irgendwann der Moment, wo ich diese Realisation hatte, insbesondere, da ich mich vor jeder Prüfung schnitt. Ich glaube, das liegt daran, dass ich irgendwann gemerkt habe, dass ich mich selbst nicht mehr im Griff hatte. Die Anfälle wurden immer häufiger, das selbstverletzende Verhalten immer schlimmer…. Es war wirklich einfach nicht mehr kontrollierbar und diese Erkenntnis, dass man seinen eigenen Körper und seine eigenen Gedanken nicht mehr im Griff hat, macht einem schon sehr grosse Angst.

G: Die Borderline-Störung ist auch mit sehr vielen Vorurteilen behaftet. Beispielsweise hört man oft, dass diese Menschen besonders manipulativ sind. Gibt es Vorurteile, die du vielleicht bestätigen kannst oder aber Vorurteile, die dich besonders stören?

K: Eine Borderline-Erkrankung kann sich auf viele verschiedene Arten zeigen. Ich persönlich habe beispielsweise dieses Manipulative oder auch diese starken Beziehungsprobleme nie gehabt, deshalb weiss ich nicht genau, inwiefern ich Vorurteile bestätigen kann, aber es ist natürlich schon so, dass zum Beispiel viele Therapeuten explizit nicht mit Borderlinern zusammenarbeiten wollen.

Ich möchte einfach nicht, dass man uns alle in denselben Topf schmeisst. Es gibt Borderliner, die haben grosse Probleme mit Spannungszuständen, manche, die haben Probleme damit, Beziehungen einzugehen, aber jeder von uns ist letztlich anders. Manchen sieht man es an, manchen nicht. Manche waren schon in der Psychiatrie, andere noch nie in Behandlung. Ich finde es deshalb viel wichtiger, den Menschen dahinter zu sehen und die Person nicht schon von Anfang an zu verurteilen.

G: Du hast gesagt, dass Borderline sich sehr unterschiedlich präsentieren kann und entsprechend auch nicht immer gleich therapiert wird. Wie hat sich das Ganze bei dir entwickelt?

K: Ich habe in einer Tagesklinik angefangen, ehe ich dann ein Weilchen nur noch stationär in Behandlung war. Ich war dann auch ewig lange in der geschlossenen Psychiatrie, bevor ich einen Platz in einer auf Borderline spezialisierten Klinik bekam. Ganz zum Schluss war ich dann eine Weile in einem Heim und mittlerweile bin ich einfach ambulant in Behandlung, wo ich verschiedene Medikamente bekomme und regelmässig eine kognitive Verhaltenstherapie besuche.

G: Hat es dir auch geholfen, dich mit anderen auszutauschen, die etwas Ähnliches haben?

K: Nein, eigentlich nicht wirklich. Besonders, wenn mir jemand mit Selbstverletzungen begegnet ist, hat mich das jeweils sehr getriggert. Das ist fast ein wenig wie mit Drogen. Wenn man jemanden sieht, der sich gerade selbstverletzt hat, denkt man dann gerne: «Hmm, das täte jetzt schon gut». Ich habe zudem einfach auch gemerkt, dass jeder seine eigenen Baustellen hat und die Baustellen von mir nicht deine sind und deine halt eben auch nicht meine.

G: Eine sehr plakative Frage: Bei Borderline handelt es sich ja um eine Persönlichkeitsstörung – wo fängst also du an und wo hört die Störung auf?

K: Das finde ich eine gute Frage, denn ich kämpfe darum, dass man nicht davon spricht, dass ein Mensch eine Diagnose ist, sondern eine Diagnose hat – genauso, wie jemand einen Beinbruch hat und nicht ein Beinbruch ist. Gleichzeitig rede ich natürlich aber auch immer von mir als «Borderlinerin», weil die Störung mich schon durch den Alltag begleitet. Ich nehme keinen Aufzug, ich habe Mühe einzukaufen und im Zug zu sitzen, stresst mich sehr. Nichtsdestotrotz verstehe ich mich als Person mit einer Erkrankung und nicht als Erkrankung.

Was ich auch gemerkt habe, ist, dass ich in den Bergen meine Diagnose irgendwie zurücklassen kann. Dort eben bin ich einfach ich.

G: Du hast eine sogenannte Peer-Ausbildung gemacht, durch die du anderen Menschen, die unter ähnlichen Erkrankungen leiden, hilfst. Wie ist es dazu gekommen?

K: Ich habe lange irgendwie keine Zukunft haben können und auch keine haben wollen. Aber plötzlich sah ich wieder ein morgen und dann offenbarte sich mir eine riesige Leere. Denn was konnte ich schon noch sein? Sportlehrerin zu sein, ging nicht mehr, die Physioschule zu beenden, stand ebenfalls nicht mehr offen… Ich hatte keine Ahnung mehr, was aus mir werden sollte. Deshalb nahm ich dann eine Auszeit und arbeitete eine Weile auf einer Alp mit Geissen. Kurz bevor ich zur Alp ging, hörte ich dann von dieser Ausbildung. Auf der Alp habe ich mich schliesslich damit befasst und gemerkt, dass mir das durchaus gefallen würde und dass das auch eine Gelegenheit darstellen könnte, aus mir herauszukommen. Ich konnte dann glücklicherweise die Schule machen und vor rund einem Jahr die Prüfung zum Peer ablegen.

Das Schönste an dieser Ausbildung war, dass sie meiner Krankheit irgendwie einen Sinn gab, denn obwohl all diese Erfahrungen sehr schmerzhaft gewesen sind, können sie dennoch wertvoll sein. Sie können vielleicht anderen helfen. Und selbst wenn ich nicht immer sofort helfen kann, kann ich vielleicht doch immerhin indirekt Hoffnung vermitteln. Dazu kann man als Peer auch viel zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen, denn das Thema ist immer noch ein grosses Tabu. Und was ein Tabu ist, darüber redet man nicht und worüber man nicht redet, das führt wieder zu Vorurteilen.

G: Was beinhaltet so eine Peer-Ausbildung und was macht man dann als Peer?

K: Das Ganze ist in verschiedene Module eingeteilt, aber der Kern der Sache ist, zu lernen, wie man die eigenen Erfahrungen nutzen kann, um anderen zu helfen.

Die Arbeit als Peer beinhaltet einerseits die Arbeit mit Patienten, beispielsweise in psychiatrischen Einrichtungen, aber andererseits auch viel Aufklärungsarbeit.

G: Du bietest auch eine Art wandernde Gesprächsgruppe an, wo man nicht zusammen in einen Raum sitzt und redet, sondern stattdessen gemeinsam spazieren geht und da dann ein Gespräch anfängt. Wie hat sich das ergeben?

K: Ich habe einerseits eine starke Angst vor geschlossenen Räumen. Andererseits kann es extrem unangenehm sein, wenn man zusammen in einem Kreis sitzt, man sich in die Augen schauen muss und dann niemand etwas sagt. Für mich persönlich war das immer sehr stressig. Wenn man hingegen nebeneinander läuft und einfach in die gleiche Richtung schaut, dann ist das viel angenehmer und das Gespräch viel offener. Dazu tut es einfach auch gut, sich zu bewegen. In der Psychiatrie hat man so wenig Bewegungsmöglichkeiten. Man kennt ja auch die physiologischen Auswirkungen von Sport im Hirn und ich denke daher, dass sich hier noch sehr viel erreichen liesse.

G: Eine Frage zum Abschluss: Du bist ein Mensch wie jeder anderer, aber irgendwie eben trotzdem anders. Deshalb: Was sind deine Wünsche und Pläne für die Zukunft?

K: Ganz allgemein wünsche ich mir für die Zukunft, dass psychische Erkrankungen gleich angesehen werden wie somatische; dass man gleichbehandelt und auch als mündiger Mensch wahrgenommen wird. In Bezug auf die Psychiatrie wünsche ich mir auch, dass ich in die Entscheidungen miteinbezogen werde, sodass ich diese auch nachvollziehen kann. In der Behandlung somatischer Erkrankungen bekommt man ja auch immer mehrere Optionen vorgestellt – wieso bleibt der Miteinbezug von Patienten bei psychischen Erkrankungen also oftmals einfach auf der Strecke? Ich denke, hier wäre es wichtig, dass man eine Gleichbehandlung schafft. Das gilt beispielsweise auch, wenn man fixiert wird. Ist man auf der Intensivstation, so ist jemand 24h pro Tag dort und überwacht einen. Bin ich hingegen in der Psychiatrie auf einer Liege fixiert, so bin ich einfach komplett alleine. Das ändert sich zum Glück auch langsam und vielleicht darf man irgendwann einmal genau so einfach sagen: «Ich bin depressiv und kann nicht mehr schlafen» wie «ich habe mir das Bein gebrochen».

Für mich persönlich… Ich habe momentan recht starke Schmerzen und da mein Sport mir viel Halt gibt, würde ich mir wünschen, dass ich mich wieder schmerzfrei bewegen kann. Es wäre auch schön, irgendwann einmal aus den Ergänzungsleistungen heraus zu kommen. Am meisten wünsche ich mir aber einen Partner, mit dem ich auch die schönen Momente des Lebens teilen und geniessen kann.

 

Borderline-Persönlichkeitsstörung: Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung handelt es sich, wie der Name schon sagt, um eine Persönlichkeitserkrankung. Betroffene legen häufig ein impulsives, nicht selten auch selbstzerstörerisches, Verhalten an den Tag, zeigen ein instabiles Selbstbild oder auch eine starke emotionale Labilität. Das genaue Krankheitsbild mag variieren.

 

 

«Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt.»

Ein Leben geprägt von psychischen Erkrankungen

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Lieblingsgetränk: Vanilleshake

G: Liebe M, herzlichen Dank für dieses Interview. Vielleicht um anzufangen und unser Gespräch etwas abzustecken: Welche Diagnose steht bei Ihnen im Raum?

M: Ich habe mehrere Diagnosen erhalten. Die erste war diejenige einer Zwangsneurose. Später wurde ich mit Depressionen, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie einer bipolaren Störung (manisch-depressiv) diagnostiziert. Zuletzt diagnostizierte man mir eine Schizophrenie.

G: Das ist ja ziemlich viel – hat sich jede dieser Diagnosen letztlich bewahrheitet oder wurden gewisse davon schliesslich revidiert?

M: Doch, doch, es gab dann einige Revisionen.

G: Gibt es eine Diagnose, mit der Sie sich selbst identifizieren können oder von den Sie denken, dass sie passt?

M: Ich denke, die Zwangsstörung und die Schizophrenie sind sicher zutreffend. Ich höre zum Beispiel Stimmen; Stimmen, von denen ich denke, dass sie normal sind – innere Stimmen hat sicherlich ja jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad – und Stimmen, von denen ich denke, dass sie nicht normal sind.

G: Wieso haben Sie sich schliesslich in Behandlung gegeben? Woran haben Sie gemerkt, dass Sie etwas tun sollten?

M: Es fing an, als ich meine Grafikerlehre abbrach. Ich spürte dann, dass ich gewisse Verarbeitungsschwierigkeiten hatte. Es fühlte sich an, als hätte ich zu viel Licht in den Augen und das war auch sehr schmerzhaft. Ich weiss auch noch, dass ich bei meinen Eltern dann schreiend über den Gartenzaun gesprungen bin…

G: Dieser Krankheitsausbruch ist also nun bereits einige Zeit her, stimmt das?

M: Genau, das ist jetzt 37 Jahre her bereits.

G: Wie entwickelte sich das Ganze nach diesem Vorfall?

M: Der Hausarzt sprach dann mit meiner Mutter und meinte, dass ich Erholung nötig hätte, was vielleicht zunächst einmal etwas merkwürdig klingt. Das war dann das erste Mal, dass ich in die Klinik kam.

G: Wie war es dann ihr erster Klinikaufenthalt? Fanden Sie, dass das hilfreich war, oder kamen Sie zurück in den Alltag und alles war eigentlich immer noch gleich?

M: Mein Zustand besserte sich zwar durch den Aufenthalt, aber ich fühlte mich nicht wohl in der Klinik. Die Leute, die Umgebung… Es stimmte einfach nicht für mich.

G: Was passierte, nachdem Sie ihre Grafikerlehre abgebrochen und aus der Klink zurückgekehrt waren?

M: Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber ich übte dann verschiedene Jobs aus. Ich arbeitete beispielsweise in der Spedition oder ging putzen. Das ging jeweils eine gewisse Zeit bis es mich wieder «verputzte» und ich dann schliesslich wieder in die Klinik musste.

G: Es war also letztlich immer ein wenig ein Rein und Raus in und aus der Klinik?

M: Ja, genau.

G: Wie gehen Sie jetzt mit der Sache um? Gibt es Dinge, die Sie über all die Zeit gelernt haben?

M: Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich ziemlich stabil bin. Aber ich muss trotzdem immer aufpassen, was ich mache und wie ich es mache.

G: Was passiert denn in den Momenten, in denen es jeweils plötzlich nicht mehr geht?

M: Ich erlebe jeweils einen ziemlich starken Realitätsverlust. Ich befinde mich dann in meinen eigenen Gedanken, meiner eigenen Welt, sozusagen, die nicht mehr realitätsbezogen ist. Ich verspüre jeweils starke Ängste und diese lösen dann Wahnvorstellungen aus.

G: Werden in diesem Moment auch beispielsweise die Stimmen, von denen Sie gesprochen haben, aggressiver?

M: In der letzten Zeit merke ich vor allem, dass die Zwänge dann schlimmer werden. Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen nehmen dann einen enormen Raum in meinem Leben ein, obwohl die Dinge, auf die sich meine Handlungen beziehen, für andere Menschen überhaupt kein Problem darstellen.

G: Gibt es hierbei ein Muster?

M: Normalerweise besteht eine Angst, dass ich etwas falsch mache. Daraus resultiert üblicherweise eine Angst, dass ich tatsächlich etwas falsch gemacht habe und dass dieses Tun extrem schlimme, gar tödliche Folgen hat. Es ist eigentlich dann eine Angst vor einem gewaltsamen Tod.

G: Und das drückt sich jeweils in bestimmten Zwangshandlungen aus?

M: Ja, genau.

G: Wie gehen Ihre Angehörigen, Ihre Eltern mit der Situation um?

M: Ich finde eigentlich, sie können gut mit der Sache umgehen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass sie das Ganze nicht verstehen, nicht nachvollziehen können. Sie haben da einfach keinen Zugang.

G: Ist dies für Sie persönlich schwierig oder haben Sie gelernt, damit umzugehen?

M: Ich versuche mittlerweile gar nicht mehr, darüber zu reden. Es gibt Situationen, in denen ich etwas sagen muss, weil mich etwas stört, aber eben… Sie sind mittlerweile auch schon über 90 Jahre alt und es ist halt ein wenig, wie es ist.

G: Wie ist es mit anderen Leuten – ist Ihre Krankheit eher etwas, das Sie für sich behalten, oder reden Sie manchmal darüber?

M: Wenn es sehr dringlich wird, wenn ich wirklich geplagt werde davon, dann muss ich fast darüber reden; es wird dann wie ein Drang. Viele Leute reagieren aber eigentlich ziemlich gut. Im Bus beispielsweise erlebte ich wirklich einige gute Situationen. Die Leute versuchen meist mir zuzuhören. Oder einmal sprach ich auch eine Frau auf der Strasse an, in der Nähe, wo ich wohnte, und sie war sehr nett und sagte mir, dass ich gerne auch vorbeikommen könne, wenn es mir schlecht ginge.

Sehr schlimm war für mich aber, als mir an meiner letzten Arbeitsstelle gekündet wurde, weil ich wieder Medikamente nehme. In der Anschauungsweise der Personen meiner ehemaligen Arbeitsstelle sind Medikamente etwas Schlimmes. Man stirbt halt schon besser, wenn man keine nimmt [lacht].

G: Sie werden jetzt bald in eine betreute Wohnung ziehen – was waren Ihre Gründe hierfür?

M: Die Einsamkeit ist mein Grund. Diese Idee kam eigentlich in der Klinik erstmals auf. Eine der Sozialarbeiterinnen kannte die Betreuerin einer dieser Wohnungen und mir gefiel es dann beim Besuch sofort von den Räumen und den Personen her.

G: Was sind die Vorteile eines solchen betreuten Wohnens?

M: Man kann beispielsweise zusammen schauen, was man isst oder wer was wann kocht… Es ist einfach schön, wenn man nicht alles alleine machen muss. Zuhause esse ich oft einfach etwas aus dem Kühlschrank, weil ich keine Lust habe, nur für mich zu kochen.

G: In diesem Zusammenhang: Würden Sie sagen, dass Ängste und Zwänge, wie Sie sie haben, oft auch sozial isolierend sein können und dass Sie sich deshalb vielleicht auch oft alleine fühlen?

M: Ich denke, das ist sicher so, aber es spielen auch andere Faktoren hinein.

G: Nach all dieser Zeit: Gibt es vielleicht so etwas wie ein Fazit – wenn man das so sagen kann – aus all dem, was in Ihren Leben geschehen ist in Bezug auf Ihre psychische Gesundheit?

M: Ich habe das Gefühl, mein Zustand hat sich insgesamt verändert; er ist besser geworden. Die Ausnahme zur Regel bilden jeweils diese Rückfälle, die dann schon sehr schlimm sind. Ich finde aber, dass ich nun eigentlich richtig leben kann. Als ich jünger war, war ich dermassen depressiv, dass das nicht wirklich ging. Ich habe nun mehr Lebensqualität und erlebe auch mehr Sinn. Zeichnen, Malen… Solche Dinge geben mir Sinn und helfen mir auch Gefühle auszudrücken, die ich anders nicht gut ausdrücken kann.

G: Könnten Sie beispielsweise das Zeichnen oder Malen auch anderen als Mittel zum Ausdruck empfehlen?

M: Ich habe in der Klinik Leute sowohl getroffen, die sich mündlich bereits sehr gut ausdrücken können, als auch Menschen, die zeichnerisch und malerisch sehr begabt sind. Von dem her denke ich, dass jeder dasjenige finden muss, das für ihn oder sie hier passt und ihm oder ihr hilft, sich auszudrücken.

G: Was hat Sie denn zum Malen bewegt?

M: Während meiner Grafikerlehre hat mir mein Lehrmeister jeweils einen halben Tag und einen Abend pro Woche für Freikurse zur Verfügung gestellt. Ich nahm damals die Kurse Malen und Aktzeichnen und entdeckte dies so für mich. Ich merkte, dass ich so etwas ausdrücken konnte, das ich sonst jeweils nicht auszudrücken vermochte. In den ganz schlimmen Phasen konnte ich aber teilweise nicht mehr malen, weil es mir sehr schlecht ging. Leider.

G: Was macht man in diesen Momenten, in denen es einem wirklich einfach nur schlecht geht?

M: Nun, man muss es einfach aushalten. Es gibt nichts anderes. Man kann nur aushalten, warten und hoffen, dass es besser wird. Ich denke manchmal dann nicht mehr, dass es mir irgendwann wieder besser gehen wird, aber bisher war das noch immer irgendwann der Fall.

G: Was würden Sie Menschen empfehlen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind?

M: Das kommt schon sehr darauf an, wie schlimm die Krise ist. In meiner Situation gab es wirklich nichts anderes mehr, als in eine Klinik zu gehen, selbst wenn ich diesen Schritt eigentlich lange angezweifelt habe. Ich würde wahrscheinlich einfach zuerst mit jemandem das Gespräch suchen und dann abschätzen versuchen, was man am besten tun sollte. Dann sollte man entscheiden, ob ein Klinikaufenthalt notwendig ist.

Bei mir war es denn auch so, dass ich die Klinik das erste Mal als sehr negativ erlebt habe, jetzt beim letzten Mal aber eigentlich überhaupt nicht mehr. Es hat sich wirklich sehr viel verändert. Das Essen ist viel besser – das macht schon viel aus –, das Personal geht viel mehr auf einen ein, man wird nicht mehr nur isoliert…. Sie haben zwar nach wie vor nicht so viel Zeit, aber der Unterschied ist schon bemerkenswert.

G: Gibt noch etwas, das Sie selbst noch anfügen möchten, etwas, das in unserem Gespräch vielleicht gefehlt hat?

M: Ich denke, jeder Mensch hat irgendetwas. Vielleicht sieht man es manchmal weniger, aber deshalb verschwindet es ja nicht plötzlich. Ich denke deshalb, dass man eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt ist, wie man vielleicht zunächst denkt. Dass man solche Dinge oftmals nicht sieht, macht halt manchmal auch das Verständnis schwierig, aber das ist wahrscheinlich einfach so. Man könnte aber viel voneinander lernen: Sowohl die Gesellschaft von den Erkrankten als auch die Erkrankten von der Gesellschaft.

Ich denke, die Psyche ist etwas, das sehr schwierig zum Erfassen ist. Wenn man Probleme mit der eigenen Psyche hat, dann muss man sich stärker mit sich selbst auseinandersetzen. Dadurch lernt man aber auch viele spannende Dinge.

G: Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview.