Na, hallo und danke fürs Reinschauen!

Willkommen!

Liebe Leser_innen

Zuerst einmal: Hallo und merci, dass ihr euch auf diesen Blog verirrt habt. Vielleicht war’s Zufall, vielleicht habe ich euch selbst hierhin gelotst – ich freue mich auf jeden Fall, euch begrüssen zu dürfen!

Mein Name ist Gina und ich betreibe diesen kleinen Blog. Im normalen Leben bin ich Philosophiestudentin an der Uni Zürich und Servicedüse. Daily Cup of Madness ist ein kleines Projekt von mir, das ich im Sommer 2017 gestartet habe; eine Idee, die aus zahlreichen Begegnungen an der Uni entstanden ist. Ziel ist es, einen Einblick in die Vielfalt und Verbreitung verschiedenster psychischer Leiden zu geben, von denen wir zwar mittlerweile alle irgendwie wissen, dass sie ziemlich häufig vorkommen, die aber immer noch verhältnismässig wenig Aufmerksamkeit erfahren – und denen deshalb nach wie vor viele falsche Informationen und ein grosses Stigma anhaften. Das Ziel ist es nicht, den Schweregrad und die damit eingehende Behinderung mancher psychischer Krankheiten zu verneinen, sondern aufzuzeigen, dass viele Betroffene nach wie vor normale Menschen sind und dass es Wege geben kann, mit einer solchen Krankheit umzugehen; dass die meisten nicht komplett und für immer verrückt sind, sondern man sie nach wie vor als das behandeln kann, was sie sind – Menschen. Hierzu bitte ich Personen, die ihre Erfahrungen mit psychischen Leiden gemacht haben – sei es als selbst davon Betroffene, als Angehörige einer solchen Person oder auf Grund des gewählten Berufs – ihre Erfahrungen mit mir zu teilen, welche ich hier wiedergebe. Die betroffenen Personen entscheiden hierbei selbst, in welcher Form sie dies tun möchten: So kann man sowohl mich persönlich treffen und mich anschliessend einen Beitrag darüber verfassen lassen als auch selbst einen Beitrag schreiben (Natürlich kann man auch etwas schreiben und mich treffen!). Die einzigen Bedingungen für das Verfassen eines eigenen Beitrags sind eine gewisse Länge bzw. Kürze (max. 4 A4 Seiten; bei Ausnahmefällen und Interviews auch längere Beiträge möglich) und ein gepflegter Umgangston (Keine ehrverletzenden Beiträge etc.). Ich redigiere selbst geschriebene Beiträge lediglich und stelle sie dann auf diese Seite.

Grundsätzlich sind alle Beiträge anonym gestaltet, auch wenn die Möglichkeit besteht, „sein Gesicht zu zeigen“ (wortwörtlich), wenn das jemand möchte. Das macht’s für alle Beteiligten leichter, ihre Geschichten zu teilen und nimmt allfällige Ängste und Vorbehalte. Um trotzdem ein kleines bisschen von der Neugierde zu befriedigen, die manch einer vielleicht beim Lesen verspürt, gibt’s jeweils – in Anlehnung an den Titel dieses Blogs – ein Foto der Hände der betreffenden Person mit ihrem Lieblingsgetränk sowie die konkrete Info, was dieses Lieblingsgetränk* denn nun wirklich ist. Mag vielleicht ein bisschen komisch wirken, aber das bin ich ja auch!

Das wäre dann mal für’s Erste das Wichtigste. Stay tuned und viel Spass beim Lesen!

 

Alles Liebe

Gina

 

*Bitte mitschicken, falls ein selbst geschriebener Beitrag eingeschickt wird und man mich nicht persönlich treffen möchte.

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 2: Persönliche Erfahrungen

Zu den Höhen und Tiefen des Pflegealltags und dem Thema „Stigmatisierung“

cof

Lieblingsgetränk: Immer noch Apfelsaft :)

 

G: Wie steht es um die psychische Arbeitsbelastung für Pflegefachpersonen Psychiatrie?

V: Im Allgemeinen ist die Belastung in einer Psychiatrie recht hoch. Beispielweise im Akutbereich, in welchem es Betroffene* mit schweren Psychosen oder in einer akuten Manie gibt oder auch Patient*innen, die sich sehr aggressiv verhalten oder gar suizidgefährdet sind, kann es durchaus vorkommen, dass an einem Tag mehr als eine Behandlung gegen den Willen des Patienten durchgeführt wird.

 

G: Inwiefern führt denn das zu dieser Belastung?

V: Es ist sehr belastend für einen Patienten* oder eine Patientin* gegen den eigenen Willen auf eine geschlossene Station eingeliefert zu werden. Das stelle ich mir zumindest so vor. Jemand hämmert gegen die Türe, es wird herumgeschrien, das Team wartet auf die Polizei – das ist einfach nicht sonderlich angenehm, von aussen mitzuerleben und führt auch zu einer hohen Belastung, besonders für Pflegende mit geringer Erfahrung.

Suizide innerhalb der Klinik sind psychisch sehr belastend. Früher gab es dies in den Kliniken noch häufiger, heute hat dies abgenommen.

 

G: Eine Frage hierzu: Würde man nicht alle Gegenstände, die man potenziell zur Umsetzung suizidaler Absichten benutzen könnte, entfernen, sodass das eigentlich gar nicht vorkommen sollte?

V: Ich denke, früher schickte man psychisch Kranke häufiger und länger in die geschlossene Abteilung. Heute scheint mir die Tendenz eher dahingehend zu sein, kurze Intensivaufenthalte in einem geschlossenen Zimmer durchzuführen. In diesem Zimmer sind dann sämtliche Gegenstände entfernt worden, abgesehen von einer Bodenmatratze und einer Decke sowie einem WC, welches fix montiert ist. Zum Essen erhält der Patient* oder die Patientin* einen Löffel und einen Kartonteller. Bekleidet sind sie mit einem Trainingsanzug. Das ist das Minimum, das abgegeben werden muss. So lässt sich das Risiko natürlich insgesamt schon einmal minimieren.

Ich erlebte Suizidversuche, beispielsweise durch Strangulation oder mit einem Sprung aus dem Fenster. Und diese Ereignisse gehen wirklich „unter die Haut“; nicht zuletzt auch deshalb, weil ich natürlich eine gewisse Verantwortung trage und mir dann jeweils die Frage stelle, ob ich dies hätte verhindern können. Ich selbst musste aber lernen, dass man einen Suizid nie komplett verhindern kann – nirgendwo. Auch wir nicht. Ansonsten müsste eine rund-um-die-Uhr Überwachung mit Sichtkontakt sichergestellt werden. Und das ergibt keinen Sinn.

 

G: Wie geht das Pflegepersonal mit solchen Situationen um?

V: Früher sprach man da nicht wirklich darüber. Ich musste es einfach irgendwie auszuhalten lernen, einen Weg finden, das Ganze für mich selbst zu verarbeiten. Mittlerweile gibt es aber Teams, die nach solch einem Vorfall zusammenkommen, auch mit den Patient*innen auf den Stationen, um darüber zu reden. Diese Gespräche werden hierbei ärztlich begleitet. Da ist es natürlich hilfreich, wenn jemand schon gewisse Erfahrungen im Umgang mit solchen Situationen gemacht hat. Diese Person kann dann den anderen mitteilen, wie es ihr dabei ergangen ist, auch wenn es etwas morbid klingt.

 

G: Gibt es noch andere Quellen von Belastung für das Pflegepersonal?

V: Da gehören sicherlich Personalengpässe dazu: Wenn Personal auf andere Stationen abgezogen wird oder Stellen unbesetzt bleiben, sei es, weil diese vakant sind oder weil die betreffenden Personen beispielsweise in den Ferien oder an einer Weiterbildung sind. Dann nimmt der Zeitdruck zu, ich muss im Verhältnis mehr Verantwortung übernehmen und das führt zu einer grösseren Belastung, besonders auf Stationen, wo die Betreuung intensiv ist. Daraus resultiert auch, dass vermehrt Fehler passieren und unter Umständen sogar eine sogenannte «gefährliche Pflege» die Konsequenz ist: Dass ich nur noch für das Allernötigste sorgen kann, was zu Risiken von Schäden der Betroffenen* führen kann. Ein Beispiel hierfür, das aber sehr selten vorkommt, wäre, wenn jemand an einem Gurtenbett fixiert ist. Das ist schon für sich ein absoluter Ausnahmefall. Auf jeden Fall gehört dort aber eine Sitzwache dazu, die die betroffene Person ständig überwacht und begleitet. Ich habe Situationen erlebt, in denen diese Sitzwache gefehlt hat und jemand einfach jede Viertelstunde einmal vorbeikam, um nach dem bzw. der Betroffenen* zu schauen. Und das ist schlicht falsch. Eine solche Fahrlässigkeit kann sogar rechtlich verfolgt werden.

Je nach Teamzusammensetzung gibt es natürlich auch einfach personelle Konflikte, wenn es Anspannungen im Team gibt. Diese Zeit, die ich da verschwende, sollte eigentlich den Patient*innen zukommen.

Nicht zu unterschätzen sind auch die unregelmässigen Arbeitszeiten. Als Pflegefachmann oder Pflegefachfrau bin ich rund um die Uhr tätig. Dadurch kann der eigene Tag-Nacht-Rhythmus unterbrochen werden, Mahlzeiten verschieben sich und die sozialen Kontakte leiden, weil ich beispielsweise am Morgen frei habe, während Freunde oder Angehörige arbeiten; oder aber ich habe dann am Wochenende Dienst.

Zuletzt kann es auch belastend sein, Patient*innen zu behandeln, bei welchen ein Klinikaufenthalt nur sehr geringe Wirkung zeigt; bei schwer Depressiven, beispielsweise, die eine sehr lange Genesungsphase haben.

 

G: Auf deine letzte Aussage bezugnehmend: Kann das belastend sein, weil diese Personen einfach so lange da sind oder aber, weil man vielleicht das Gefühl hat, etwas falsch zu machen?

V: Es kann belastend sein, wenn sich trotz verschiedenen Therapieversuchen kaum ein sichtbarer Erfolg einstellt.  Dies zerrt an den eigenen Kräften. Vielleicht glaube ich aber auch nur, dass meine Bemühungen keine Wirkung zeigen. Trotzdem gibt es einzelne Patient*innen, die drei, vier oder gar fünf Monate hospitalisiert sind und fast nicht vorankommen. Besonders bei schwer depressiven Patient*innen hatte ich persönlich das Gefühl, dass sich eine Art Vakuum bildet, das dir selbst viel Energie raubt. Es gibt tatsächlich auch Pflegepersonal, das nicht mit depressiven Personen umgehen kann, gerade weil sie dies schlicht nicht ertragen.

 

G: Hast du eine Ahnung, weshalb das so sein könnte?

V: Ich denke, es gibt einfach für jeden eine Klientel, welche dir mehr oder weniger zusagt. Z.B. im Intensivbereich, wo es oft ein steter Betrieb ist, kann es sehr spannend sein, zu arbeiten. Wenn ich aber oft „den Motor anwerfen“ muss, kann dies auf die Dauer kräfteraubend sein.

 

G: Wie stehst du zum Thema Stigmatisierung von psychisch Kranken?

V: Vorurteile gegenüber psychisch Kranken erschweren die Behandlung massiv. Sie sind gehemmter Hilfe zu suchen und zu sagen: «Ich habe ein psychisches Problem». Es erschwert auch die Akzeptanz einer Diagnose und die Mitarbeit in der Behandlung.

 

G: Wieso denn genau? Weil sich betroffene Personen gar nicht erst melden, weil sie Vorbehalte haben oder wegen etwas anderem?

Prinzipiell wehren sich Betroffene nicht gegen eine Behandlung. Vorurteile lasten aber wie eine zweite Krankheit auf der betroffenen Person. Es ist aber auch möglich, dass sie aus Scham erst spät oder gar keine Hilfe akzeptieren.

Natürlich können solche Vorurteile auch im Freundeskreis oder bei der Arbeit belastend wirken. Viele wissen nicht, wie sie mit solchen Betroffenen* umgehen sollen und die betroffene Person selbst fühlt sich dann nicht verstanden. Andererseits ist es nicht einfach, damit umzugehen, dies dürfen man nicht vergessen.

Nicht zuletzt können so bei Betroffenen suizidale Tendenzen verstärkt werden, gerade wegen der oben genannten Gründe.

 

G: Gibt es bestimmte Vorurteile gegenüber psychisch Kranken oder einer psychiatrischen Klinik, die du selbst als widerlegt siehst?

V: Ein Vorurteil, das ich überhaupt nicht bestätigt gesehen habe, ist, dass psychisch Kranke sehr häufig Gewalt- oder Sexualstraftäter sind. Das wird in den Medien häufig in denselben Topf geworfen und das stimmt mich persönlich sehr traurig.

 

G: Ich denke, man hat halt auch unter den psychisch Kranken einfach das ganze Menschenspektrum. Klar kann es da auch Straftäter darunter haben, aber nicht jede*r psychisch Kranke*r ist auch ein*e Straftäter*in.

V: Das ist sicherlich so. Studien zeigen, dass innerhalb einer Klinik nicht prozentual mehr Straftäter*innen gibt oder mehr Gewalt stattfindet als ausserhalb einer Klinik.

Auch die Aussagen, dass psychisch Kranke Simulant*innen oder Schmarotzer*innen seien oder dass Betroffene* nur eine IV-Rente erreichen wollen, sind einfach nur verletzend.

 

G: Hat man dann auch noch eine IV-Rente ist man ja gleich doppelt stigmatisiert.

V: Genau.

Ein weiteres Vorurteil, dem ich häufig begegnet bin, ist, dass psychisch Kranke im Gesundheitswesen hohe Kosten verursachen. Nun, im Gesundheitswesen ist nichts mehr günstig. In einer Klinik gibt es dazu auch nicht solch teure Untersuchungen wie in einem allgemeinen Spital. Klar, die Personalkosten sind hoch, jedoch im Vergleich nicht höher als in einem allgemeinen Spital. Die Kosten medikamentöser Behandlungen sind nicht ausgenommen und sind im allgemeinen Rahmen.

Bei diesem Thema bleibend: Ein weiteres Stigma ist, dass Betroffene* mit Medikamenten nur ruhiggestellt würden. Ja, sie werden auch ruhiggestellt, aber dafür muss auch ein entsprechendes Ziel und Problem vorhanden sein, um grossen Leidensdruck zu lindern. Stell dir vor, jemand hat starke Verfolgungsängste: Es macht durchaus Sinn, in dem Moment ein Medikament so zu dosieren, dass die betroffene Person zumindest für eine Weile entspannt ist. Dass aber einfach alle «runtergespritzt» werden, stimmt schlicht nicht.

Hierzu passt auch die Aussage: «Psychopharmaka machen abhängig». Das stimmt nicht, denn Psychopharmaka sind nicht wie Beruhigungs- oder Schmerzmittel, die abhängig machen.

Zuletzt noch: Etwas, das auch so gut wie gar nicht mehr vorkommt, sind Elektrobehandlungen. Ich begleitete diese einst vor 30 Jahren, heute aber werden entsprechende Krankheiten medikamentös therapiert. Trotzdem hält sich dieses Bild weiterhin hartnäckig in den Köpfen der Bevölkerung.

 

G: Nun die Gegenfrage: Gibt es Vorurteile, die du bestätigt gesehen hast?

V: Beispielsweise die Aussage, dass Betroffene* gegen ihren Willen behandelt werden. Dies ist die letzte Massnahme, die ein Behandlungsteam ergreift, aber sie wird ab und an ergriffen. Bis es so weit kommt, versucht das Behandlungsteam allerdings die Mitarbeit des Patienten* oder der Patientin* zu gewinnen. Schliesslich müssen für eine Behandlung gegen den Willen des/ der Betroffenen* triftige Gründe vorliegen und die Behandlung muss auch rechtlich abgesichert sein. Die Gesetzgebung wurde in den letzten Jahren wirklich zu Gunsten des Klienten*/ der Klientin* verschärft. Heutzutage muss ein Arzt eine fürsorgliche Unterbringung beantragen und das Familiengericht muss dann eine Entscheidung treffen. Ohne diese kann jemand auf ärztlichen Entscheid hin lediglich 72 Stunden gegen seinen Willen in einer Klinik zurückgehalten werden. Anschliessend muss die betroffene Person ansonsten entlassen werden.

Was auch stimmt, ist, dass es überfordertes und ungeeignetes Personal innerhalb der Klinik gibt. In meiner Laufbahn habe ich mit Personen zusammengearbeitet, die besser nicht dort gearbeitet hätten, weil ihnen das Gespür für psychisch kranke Menschen fehlte. Das Machtgefälle kann auch  immer ein Problem sein. Es gab Angestellte*, die überfordert waren und ihre Macht ausnutzten, die auch physisch beispielsweise in einem Zimmer von oben auf den Patienten* oder die Patientin* hinabschauten. Für mich war es immer wichtig, mit dem Patienten* oder der Patientin* auf gleicher Ebene zu reden; mich auch physisch hinzuknien, wenn es sein musste, oder auf den Boden zu setzen, damit ich nicht auf sie hinabschaute.

Es gäbe sicherlich auch noch andere bestätigte Vorurteile, aber das sind die, die mir selbst eingefallen sind.

 

G: Was rätst du jemandem, der sich überlegt, in eine Klinik zu gehen?

V: Betroffene* sollten sich zuerst fragen, was sie verlieren können, wenn sie in eine Institution eintreten. Persönlich denke ich, dass man nichts verlieren, sondern nur eine Erfahrung gewinnen kann. Dazu ist eine vorzeitige Abklärung sicherlich vorteilhaft; das bedingt auch nicht, dass man sich gleich stationär einweisen lassen muss.

Es ist sicher schwer für den Betroffenen* bzw. die Betroffene*, wenn er* oder sie* selbst entscheiden muss, ob er* oder sie* sich einweisen lassen möchte. Da stehen einem viele Vorurteile gegenüber und das macht eine Entscheidung schwierig. Es gibt Betroffene*, die deshalb lange unbehandelt bleiben und das wirkt sich ungünstig auf die Genesung aus. Deshalb: Betroffene* sollten sich, wenn möglich, nicht von Vorurteilen in ihrer Entscheidung beeinträchtigen lassen, denn eine frühzeitige Abklärung und Behandlung erhöht die Heilungschancen wesentlich.

Deshalb sollten betroffene Personen sich zuerst in ihrem Umfeld umsehen: Gibt es vielleicht gute Freund*innen, Vertrauenspersonen, einen Hausarzt* oder Hausärztin*, an die man sich wenden könnte und was würden sie mir empfehlen? Hier ist es natürlich wichtig, dass die betroffene Person ihre Probleme offen und genau ansprechen kann. Man kann beispielsweise mit dem Hausarzt* oder der Hausärztin* darüber beraten, ob vielleicht eine ambulante Behandlung eine Option ist. Auch ist es möglich, die Klinik vorab zu besichtigen. Dies kann ich eigentlich jedem nur empfehlen. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass die meisten Menschen freiwillig in eine Klinik eintreten und bei einem solchen kann man jederzeit wieder austreten.

Eine fürsorgerische Unterbringung wird dagegen wirklich nur in Ausnahmefällen beantragt; z.B., wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt.

 

G: Gab es in deiner Pflegelaufbahn besonders schöne Momente?

V: Es gab vor allem lustige Momente. Einmal kam ich beispielsweise in ein Zimmer rein und eine Patientin war gerade dabei, ihrer Kollegin Lockenwickler in die Haare zu drehen. Ich fragte dann: «Und wann komme ich dran?». Das war schon recht lustig.

Auf der Geriatrie passierte einmal etwas Ähnliches. Nur leider hat die betreffende Person dort die Lockenwickler verkehrt eingewickelt und ihre Kollegin sah dann etwa aus wie ein Pudel.

Humor gehört dazu. Manchmal ist es zwar vielleicht ein etwas tragischer. Eines Morgens warf beispielsweise ein älterer Patient Brotstücke gegen das Bettgitter eines Mitpatienten. Als ich ihn daraufhin fragte, was er da tue, meinte er: «Ja, aber der Löwe braucht doch etwas zu essen». Er meinte wohl, er sei im Zoo.

Ein weiteres, dieses Mal aber schönes Erlebnis: Einmal war auf unserer Station eine Patientin in eine Krise geraten und weinte. Während des Gesprächs, das ich mit ihr führte, suchte sie Taschentücher und konnte keine finden. Ich schenkte ihr mein Taschentuch (Natürlich sauber und frisch gebügelt).

Einige Jahre später kam sie wieder für eine Behandlung in die Klinik. Leider erkannte ich sie nicht gleich, aber sie erzählte mir dann diese Geschichte und dass sie mein Taschentuch aufgehoben habe.

Eine weitere Patientin strickte einen Pullover, aber es fehlte ihr dafür eine spezielle Stricknadel. Ich durchkämmte mehrere Stationen und wurde so schliesslich fündig. Sie freute sich sehr und bei ihrem Austritt schenkte sie mir himmelblaue Bettsocken, welche sie noch gestrickt hatte (Ich habe sie allerdings nie getragen!).

 

G: Was kann gegen die vorherrschende Stigmatisierung psychisch Kranker vorgenommen werden?

V: Das ist natürlich nicht ganz einfach. Wichtig ist sicherlich, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren – Informationen über den heutigen Aufenthalt in einer Klinik und allgemeine Behandlungsmöglichkeiten zu verbreiten. Tage der offenen Tür oder die Aktionstage psychische Gesundheit, Bazare oder Märkte sind sicherlich auch eine gute Möglichkeit, die wir unterstützen müssen. Eine Idee wäre es auch, negative Schlagzeilen in einer Zeitung mit einem Leserbrief zu beantworten. Oder im Bus [beispielsweise auf den BSU-Linien in und um Solothurn] gibt es ja auch diese kleinen Bildschirme, auf denen Werbung gezeigt wird – wieso nicht dort einmal Infos zu psychischen Krankheiten aufschalten?

Grundsätzlich finde ich, dass wir die Arbeitsgeber*innen, Vorgesetze* usw. mehr für das Thema sensibilisieren müssen; dass wir auch in den Schulen ein Modul oder etwas in der Art anbieten sollten, um so schon früh ein Bewusstsein für die Thematik und ein gutes Versorgungssystem zu schaffen.

Etwas, das ich auch sehr gut finde, sind Selbsthilfegruppen für Betroffene* wie für Angehörige*. Das kann für beide Seiten ein Gewinn sein.

 

G: Was für eine Tendenz siehst du in Bezug auf psychische Krankheiten, die Stigmatisierung, Behandlungen etc.?

V: Ich persönlich denke, dass die Anzahl der Klinikaufenthalte insgesamt steigen, die Dauer des Aufenthalts aber sinken wird.

Die ambulante Versorgung wird sicherlich auch deutlich zunehmen. Das, finde ich, ist eine gute Zwischenlösung, da Betroffene so mehr Verantwortung übernehmen müssen. Psychiatrische Stationen werden in allgemeine Spitäler integriert; viele Betroffene fühlen sich hier befreiter als an einen Ort, der explizit mit «Psychiatrie» angeschrieben ist.

Ich persönlich denke auch, dass es zwar einen harzigen Abbau der Stigmatisierung geben wird – aber dass es ihn dennoch geben wird. Meine Begründung hierfür ist vielleicht etwas merkwürdig: Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck wird zunehmen. Das wird mehr und mehr Menschen überfordern und psychische Krankheiten werden deshalb immer mehr Menschen betreffen. Gerade weil diese Krankheiten also verbreiteter sein werden, werden sie wahrscheinlich auch eher akzeptiert werden. Entsprechend werden Betroffene* sich viel häufiger finden.

 

Bald gibt es den dritten und letzten Beitrag in dieser dreiteiligen Mini-Serie: „Alltag und Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – ein ehemaliger Pfleger erzählt“. V* wird im letzten Beitrag beispielhaft die Betreuung eines Falls schildern, wie dieser in seiner Karriere hätte vorgekommen sein. 

„Warum werde ich schief angesehen, wenn ich genauso offen über eine Panikattacke oder meine Therapie spreche wie über eine Erkältung?“

Über die Angst, als „verrückt“ zu gelten und die Bemühung, dem Stigma entgegenzuwirken

Tatjana

Lieblingsgetränk: Rooibostee

Vor anderthalb Jahren ist meine Angsterkrankung aufgetaucht, hat mich bewusstlos geschlagen und sich meines Lebens bemächtigt. Den Großteil jeden Tages verbrachte ich auf dem Sofa und weinte in meine Popcornschüssel. Alles schien vorbei zu sein – meine beruflichen Ziele; meine Reisewünsche, meine Träume und Ideen – alle nicht mehr umsetzbar. Wie denn auch, wenn ich mich nicht mehr aus dem Haus wagte, nicht mehr arbeiten, nicht mehr hoffen konnte?

Jeder neue Tag brachte eine weitere Panikattacke, oder doch zumindest Angstzustände und dieses übermächtige Gefühl, den Verstand zu verlieren – wenn die Angsterkrankung aus dem Nichts über mich hereinbrechen konnte, was konnte mir noch zustoßen? Mein Hirn trieb das Gedankenkarussell immer weiter munter an.

Die Symptome während der Panikattacken waren kaum auszuhalten – einem oder einer Betroffenen muss ich das wohl nicht erklären. An alle, die das Glück haben, noch nie eine Panikattacke durchgemacht zu haben: Nichts ist übertrieben oder gespielt, wenn euch ein Betroffener oder eine Betroffene sagt, er oder sie hätte das Gefühl, zu sterben.

Nebst diesen Symptomen musste ich mit einer weiteren Hürde fertig werden: dem „So-tun-als-ob“.

In den ersten Wochen meiner Erkrankung wusste bloß mein Freund, was mit mir los war. Für alle anderen da draußen trug ich die heile Maske: für Familie, Freund, Bekannte, Vorgesetzte, Fremde.

Die Wahrheit zugeben? Das klang für mich zu sehr nach Eigentor.

Bis dahin war ich ein fester Baustein in der allgemeinen Auffassung, dass Menschen, deren Psyche Sprünge und Risse hatte, nicht „normal“ waren. Das waren die Irren, die Ausgestoßenen. Die „sind doch verrückt“, die haben „nicht mehr alle Tassen im Schrank“, „eine Schraube locker“. Wir kennen so viele Redewendungen, mit denen wir einen psychisch erkrankten Menschen beschreiben, aber wir kennen so wenig Fakten über die Krankheiten und die Erkrankten.

Ich hatte Angst.

Ich hatte Angst vor dem „jetzt stell‘ dich doch nicht so an, was willst du denn? Dir geht’s doch gut!“

Ich hatte Angst vor peinlich berührten Blicken, sobald das Wort „Therapie“ fallen würde.

Ich hatte Angst davor, Freundschaften zu verlieren und von Kollegen und Kolleginnen nicht mehr für belastbar gehalten zu werden.

Ich hatte Angst vor Vorurteilen, die ich bis dahin selbst hatte.

„Und was dann?“, fragt mich meine Therapeutin häufig, wenn ich mich in negativen Gedankenschleifen verirre. Wenn ich ehrlich von meiner Erkrankung erzählte – würden mich die anderen für verrückt halten? „Und dann?“ Dann würden sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. „Und dann?“ Dann wäre ich allein. Aber: „Wollen Sie lieber die Gesellschaft von Menschen, für die Sie sich verstellen müssen? Menschen, die Sie eigentlich nicht akzeptieren würden?“

 

Meine Familie reagierte entspannt auf meine Schilderungen – warum sollte sie auch nicht? Was hatte ich bloß erwartet? Meine Chefin hatte Verständnis. Niemand lachte mich aus, oder zeigte mit dem Finger auf mich. Das war gut. Ich hatte das Gefühl, mit jedem Mal, wenn ich ehrlich über meinen Zustand gesprochen hatte, freier atmen zu können.

Das Risiko für Panikattacken nimmt bei mir proportional zu dem Druck zu, den ich verspüre. Die Ironie ist, dass ich selten durch äußere Einflüsse unter immensen Druck gerate. Ich bin ein sehr entspannter Mensch. Der Druck, der mir zu schaffen macht, entspringt meinem eigenen Kopf. Ich dachte, ich müsste meinen Gesundheitszustand verschweigen. Müsste schauspielern und dürfte auf keinen Fall auf mich aufmerksam machen. Dabei saß mir stets diese unglaubliche Angst im Nacken, ich könnte mich verraten. Sie schwoll in meiner Brust zu einem riesigen Ballon, der mir das Atmen schwermachte und mein Herz rasen ließ.

Das fühlte sich so überwältigend an. Und falsch. Richtig falsch, mächtig unfair. Da hatte ich nun diese Erkrankung, mit der ich zurechtkommen sollte. Und als Bonus gab es noch die Befürchtung, als Verrückte abgestempelt zu werden. Es ist schwer, aus diesem Gedankenkreis herauszubrechen. Doch irgendwann wollte ich einfach nicht mehr nur das Opfer sein. Im Umgang mit und am Verständnis von psychischen Erkrankungen muss sich so viel ändern. Diese ganzen Vorurteile und Berührungsängste – wie viel unnötigen Schmerz, Druck, wie viele Sorgen und schlaflose Grübelnächte sie verursachen. Warum werde ich schief angesehen, wenn ich genauso offen über eine Panikattacke oder meine Therapie spreche wie über eine Erkältung? Warum muss man sich rechtfertigen, wenn die Psyche eine Krankschreibung erfordert?

Das passte für mich nicht zusammen und daher habe ich beschlossen, in kleinen Schritten mit der Wahrheit rauszurücken. Ich weihte Freunde und Freundinnen ein, wenn das Thema aufkam. Kollegen und Kolleginnen. In Bewerbungsgesprächen erklärte ich meine letzte Kündigung nicht mit Ausreden, sondern eben damit, dass ich krank war. Dass meine Angsterkrankung mich dazu gezwungen hatte, mich selbst in den Vordergrund zu stellen und eine Auszeit zu nehmen.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Meist scheint mein Gegenüber erschrocken, verlegen, es folgt ein kurzer Blick zu Boden, dann Themenwechsel. Gelegentlich höre ich ein überraschtes „Aber du bist doch immer so fröhlich!“. Ein Vorgesetzter hat mich lachend gefragt, ob ich denn etwa Angst vor meinem alten Arbeitgeber gehabt hätte – vermutlich lustig gemeint, aber ein Gefühl sagt mir, dass er über einen Rheumapatienten keine Scherze gemacht hätte.

Wenn mein Gesprächspartner oder meine Gesprächspartnerin mehr über die Erkrankung wissen will, dann erzähle ich gern. Aufzwingen will ich mich niemandem, aber bei ehrlichem Interesse will ich dabei helfen, vielleicht ein Vorurteil mehr aus der Welt zu schaffen.

 

Heute fühle ich mich freier. Ich erinnere mich so oft es geht daran, dass ich meine Erkrankung nicht verheimlichen muss. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund und dem Ballon in meinem Inneren ist die Luft beinahe ausgegangen.

Es ist jedes Mal eine Überwindung, ehrlich zu sein und ich schaffe es noch längst nicht immer, die Ausflüchte zu vermeiden. Vermutlich werde ich jedes Mal noch knallrot im Gesicht. Ich muss mich dazu überwinden, meinem Gesprächspartner oder meiner Gesprächspartnerin in die Augen zu sehen, anstatt mit meinem Blick in Richtung Boden abzudriften – als würde ich gerade etwas gestehen, dessen ich mich schämen müsste. Die Vorurteile, mit denen ich aufgewachsen bin und gegen die ich heute kämpfe, sind noch immer tief in meinen Zellen begraben. So einfach lassen sie sich nicht herauswaschen – leider. Hätte ich sie nicht im Hinterkopf, wäre der offene Umgang mit meiner Erkrankung viel einfacher.  Aber mir wird übel, wenn ich an alle Tabus denke, die Menschen mit psychischen Erkrankungen das Leben noch weiter erschweren. Was soll die Stigmatisierung? Sind wir nicht längst darüber hinausgewachsen?

Je öfter ich mich im Alltag dazu überwinde, desto leichter fällt es mir. Und letzten Endes ist es wie mit dem Umgang mit der Angst – je öfter ich mich traue, desto kleiner erscheint die Bedrohung.

 

Gastbeitrag der Verfasserin des Blogs „TROTZDEM ICH“.
Besucht doch mal ihre Webseite, auf welcher sie über ihre Angsterkrankung spricht – und so versucht, das Schweigen und Stigma, welches psychischen Krankheiten nach wie vor anhaftet, zu brechen: https://trotzdemich.wordpress.com

30 Follower – vielen Dank! (+kurzes Update)

Dankeschön!

Wow, seit heute zählt Daily Cup of Madness 30 Follower!

Für die einen ist das vielleicht nicht viel, doch ich freue mich über jeden, der begeistert oder interessiert genug war, um den „Folgen“-Button zu drücken. Egal, ob ihr regelmässige Leser seid oder einfach ab und zu mal reinschaltet: An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!

Hinter jeder der hier präsentierten Beiträge steckt eine Geschichte. Ich freue mich und fühle mich geehrt, wie viele Menschen sich bereits bereiterklärt haben, eben jene Geschichte mit mir zu teilen, mir ihre Beiträge geschickt haben oder mich ganz unverfänglich auf einen Kaffee getroffen haben. Deshalb auch an euch: Merci! Ihr seid das Rückgrat dieser Seite und ohne euch würde hier nichts laufen.

Falls es nun den einen oder anderen unter meinen Leser*innen, der oder die auch gerne etwas teilen möchte: Kontaktiert mich doch – ich würde mich freuen, auch eure Geschichte hier zeigen zu dürfen (und bin natürlich auch glücklich, wenn’s mit dem Blog noch etwas weitergeht!)

 

Zwei Beiträge in Bearbeitung

Wie der Titel schon sagt: Zwei Beiträge sind momentan in Bearbeitung. Ende dieser oder anfangs nächste Woche gibt’s einen Gastbeitrag der Verfasserin des Blogs „TROTZDEM ICH – Alltag mit Angststörung“.  Darin geht’s um ihren Umgang mit ihrer Angststörung, den Kampf damit, Vorurteile abzubauen und einen offenen und ehrlichen Umgang mit der eigenen Krankheit zu finden – starke Worte von einer starken Frau. Wer jetzt schon nicht warten mag, der soll doch einen Blick auf ihre Seite werfen – es lohnt sich!: https://trotzdemich.wordpress.com/

Mitte November gibt’s dann den zweiten Beitrag in der Serie: „Alltag und Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – eine ehemalige Pflegefachperson erzählt“. Dieses Mal geht’s um Vorurteile bezüglich psychischen Krankheiten und psychiatrischer Institutionen  – welche kann V* bestätigen, welche denkt V*, dass sie zurückgewiesen werden können? -, traurige und schöne Erlebnisse als Pflegefachperson, die Arbeitsbelastung im Alltag und was V* denjenigen Personen ratet, die sich überlegen, in eine psychiatrische Klinik zu gehen.

 

Neues Logo

Hierzu gibt’s nicht allzu viel zu sagen. Die einen haben’s vielleicht schon bemerkt – Daily Cup of Madness hat ein neues Logo. Nicht mehr ein Gekritzel von mir, sondern eben: Tatsächlich was semi-professionelles. Wohoo!

 

Bis die Tage, ich freue mich wie immer auf Rückmeldungen!

Alles Liebe

G.

 

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 1: Strukturen und ein beispielhafter Dienstablauf

Was ist eine Klinik, wer arbeitet dort – ein Perspektivenwechsel

cof

Lieblingsgetränk: Unterschiedlich; zum Zeitpunkt dieses Gesprächs aber Apfelsaft

[V. ist seit einiger Zeit pensioniert und war das letzte Mal vor zwei Jahren in der Klinik, in der er über 30 Jahre arbeitete. V. möchte betonen, dass dies hier seine Sichtweise und seine Erfahrungen sind – und die mögen an anderen Orten anders ausfallen.]

Von verschiedenen Stationen und Abteilungen: Wie eine Klinik im Grundsatz aussieht (oder aussehen könnte)

In der Klinik, in der ich arbeitete, gab es rund hundert, in Stationen unterteilte Betten. Es war ein übersichtlicher und familiärer Betrieb und die meisten Patient*innen kannten sich untereinander. Die Betten waren in freundliche, moderne Einer- und Zweierzimmer unterteilt und hatten nebst zeitgemässen sanitären Einrichtungen beispielsweise auch Internetanschluss innerhalb der Zimmer. Wenn ich das mit früher vergleiche, dann sind das Welten: Toiletten und Duschen waren da zum Beispiel in grossen, unfreundlichen Sälen mit 10 Betten und ohne Schutz der Privatsphäre untergebracht gewesen. Das hat sich definitiv wesentlich verändert.

Die einzelnen Stationen waren nun entweder offen, schliessbar oder geschlossen. Abhängig von der Krankheit und Behandlung des Patienten* bzw. der Patientin* wurde entschieden, auf welche Station dieser bzw. diese gelangt. In der geschlossenen Station wurden Personen mit akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, solche, die an einer akuten Psychose litten, oder aber Menschen, die abhängig waren von Suchtmitteln sowie psychogeriatrische Patient*innen behandelt. Im offenen Bereich wurden beispielsweise, solange nicht andere triftigere Gründe für eine Verschiebung auf eine andere Station vorlagen, Depressionen und Angstzustände behandelt und Kriseninterventionen vorgenommen. Die schliessbare Station war im Gegensatz zur offenen zwar grundsätzlich geschlossen, wurde aber täglich für Therapiebesuche und vereinbarte Ausgänge geöffnet. Hier behandelte man meistens diejenigen Personen, die in der geschlossenen Abteilung auf eine bestimmte Therapie angesprochen oder den Bezug zur Realität wiedergefunden hatten.

Früher gab es innerhalb der Station noch eine Trennung von Männern und Frauen. Das war vor rund 30 Jahren noch üblich. Heutzutage kann man sich das fast gar nicht mehr vorstellen. Ich habe die Aufhebung dieser Trennung noch miterlebt. Es ist eindrücklich, welch grosse Bedenken manche besonders der älteren Pflegefachpersonen bezüglich dieser Öffnung damals hatten. Diese Bedenken haben sich letzten Endes aber nicht bestätigt. Im Gegenteil: Ich würde sagen, dass sich insgesamt alles sehr entspannt hat.

Auf den einzelnen Stationen gab es nun es allgemeine Aufenthaltsräume, Räume für Schüler, Computerräume, Räume für Rapporte und Aufnahmegespräche, Pflege- und Arztbüros, sogar einen Fitnessraum, eine Bibliothek, eine Cafeteria und eine Ruheoase. Auch hier bestehen grosse Unterschiede zu früher: Heutzutage kann man in der Cafeteria essen, früher konnte man vielleicht gerade einmal einen Kaffee an einem Automaten rauslassen. Was ich mit diesem Vergleich sagen will: Heutzutage ist wirklich eine zeitgemässe Struktur vorhanden, mit der man so einen Betrieb auf einem guten Standard leiten kann.

In der Klinik, in der ich gearbeitet habe, gab es darüber hinaus auch eine Tagesklinik, in welcher jemanden eine Tagesstruktur gegeben werden und welche somit als Sprungbrett zwischen stationärem Aufenthalt und Entlassung dienen konnte. Betroffene lernten so, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen. Daneben gab es auch eine Notkrisenambulanz, bei der man sich in akuten Fällen direkt für ein Erstgespräch mit einer Beratung und vielleicht auch für ein Medikament melden konnte und welche Betroffene dann gegebenenfalls weiterleitete. Auch ein Ambulatorium, welches zur regelmässigen Kontrolle und für Befindlichkeitsgespräche sowie zur allfälligen Abgabe oder Verabreichung eines (Depo-)Medikaments diente, war der Klinik angegliedert.

Der Betrieb «Klinik»: Personelle Strukturen

Eine Klinik ist grundsätzlich eine Art von Betrieb wie jeder anderer. In ihr gibt es Pfleger*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen, Spezialtherapeut*innen – beispielsweise für Kunst- oder Ergotherapien – Seelsorger*innen, eine Sozialberatung, einen technischen Dienst, eine Hauswirtschaft und eine Küche sowie eine Verwaltung.  Generell sind alle in der Klinik Tätigen entweder ausgebildet oder befinden sich in Ausbildung. Das ist nicht mehr so wie früher, wo es teilweise Angestellte gab, die manchmal da, manchmal dort etwas erledigten. Unausgebildetes Hilfspersonal in dem Sinne gibt es also nicht mehr.

Vermehrt müssen ausserdem auch Dolmetscher eingesetzt werden. Häufig betreute ich Betroffene aus fremden Kulturen beziehungsweise Personen, die bloss Fremdsprachen beherrschten. Eine klare Verständigung ist da natürlich eine Grundvoraussetzung für eine adäquate Betreuung.

Vielseitige Arbeit: Aufgabenbereiche und Kompetenzen von Ärzten und Pflegefachpersonen

Die Ärzteschaft entscheidet grundsätzlich über den Eintritt oder Austritt einer Person und führt Eintrittsgespräche in Begleitung des Bezugspflegepersonals. Sie bestimmt auch die Stationszugehörigkeit. Des Weiteren erstellen sie Körper- und Psychostatus bei Eintretenden und verordnen (Spezial-)Therapien. Sie sind es auch, die allgemeine Kontrollen und Medikamente verordnen oder Ausgänge bewilligen. Nicht zuletzt dürfen die Ärzt*innen auch eine fürsorgerische Unterbringung einer Person anordnen. Letzteres kann durchaus zu heiklen Situationen führen.

Das Pflegepersonal unterstützt Patient*innen in den Aktivitäten des alltäglichen Lebens wie der Körperpflege, der Kleidung, beim Essen und Trinken, wenn es um Ruhe und Schlaf oder aber auch um das Thema Sinnfindung geht. Sie begleiten die Patient*innen darüber hinaus auch durch das für jede*n Patienten bzw. Patientin individuelle Wochenprogramm, das fixe Zeiten für Mahlzeiten, morgendliche Treffs, therapeutische Aktivitäten und anderes enthält. Des Weiteren führen sie auch verschiedene Aktivitäten wie beispielsweise kleinere Ausflüge durch. Nebst diesen Aufgaben übernimmt das Pflegepersonal auch kleinere medizinische Arbeiten wie Blutentnahmen, führt Vitalzeichenkontrolle durch oder das steckt Infusionen und gibt die von den Ärzt*innen verschriebenen Medikamente ab.

Wegweisend ist das Pflegepersonal bei Rapporten, Standortgesprächen und Chefarztvisiten, da sie dauernd in Beziehung mit den Betroffenen stehen und Veränderungen im Krankheitsverlauf wahrnehmen können. Die Bezugspflege erstellt zusammen mit dem*/der* Pflegeempfänger*in schliesslich auch eine Pflegeplanung. Diese beinhaltet 1-2 wohldefinierte Probleme sowie Ressourcen, eine Pflegediagnose, ein Pflegeziel, anzubringende Massnahmen und einen Pflegebericht. In letzterem wird festgehalten, wie die vereinbarten Massnahmen wirken. Jedes Ziel, das gestellt wird, muss letztlich relevant, messbar und erreichbar sein. Diese Dokumentation ist von hoher Wichtigkeit und könnte auch rechtlich genutzt werden.

Sowohl diese Ziele, Ressourcen usw. als auch die täglichen Leistungen wie Vitalzeichenkontrolle, Blutentnahmen oder kurze Gespräche müssen jeweils in der pflegerischen Leistungserfassung eingetragen werden.

Die Pflegefachperson – ein beispielhafter Dienstablauf auf offener Station aus der Sicht von V.:

Der Frühdienst beginnt mit einem Übergaberapport, dem Einlesen in die Planung und einer Arbeitsverteilung im Pflegeteam. Patient*innen werden geweckt und häufig finden Laborproben, Vitalzeichenkontrollen etc. statt.  Danach werden die von der Nachtwache gerichteten Medikamente von zwei Pflegefachpersonen kontrolliert.

Im Anschluss nehmen die Patient*innen ihr Frühstück ein.       Die zur Behandlung der meisten Patient*innen gehörenden Medikamente werden nach dem Frühstück einzeln im Büro abgegeben und mit einigen führt man dabei ein Kurzgespräch oder plant eines.

Anschliessend findet ein „Morgentreff“ mit allen stationären Patient*innen statt. Dieser wird von einer Pflegefachperson geleitet und dauert ca. 20 – 30 Minuten. Das Ziel dabei ist es, den Tag gleichzeitig und gemeinsam mit einem Thema (Fragespiel, Gedächtnistraining, aktuelles Thema etc.) zu beginnen und Kontakte und Beziehungen untereinander zu fördern. Parallel zum Morgentreff findet auch ein Ärzterapport statt und zuletzt wird ein Morgenspaziergang angeboten.

Heute sind zwei Eintritte gemeldet: Ein Ersteintitt und ein Wiedereintritt. Der Ersteintritt kommt in Begleitung einer Freundin. Zunächst führt nun der zuständige Arzt mit dem*/der* Eintretenden* ein Erstgespräch. Mit dabei sind die zuständige Bezugspflegeperson und die Freundin. Hier schildert der* oder die* Betroffene seine* bzw. ihre* Sorgen und wird dabei durch Fragen unterstützt. Wertvoll sind aber auch die Erfahrungen der Freundin. Der zuständige Fallarzt schlägt schliesslich eine dreiwöchige stationäre Behandlung auf offener Station vor, womit sich die betroffene Person einverstanden erklärt.

Der Arzt erhebt anschliessend einen Psychostatus und verordnet Spezialtherapien und Medikamente in Reserve bei Schlafstörungen. Für die Bezugspflege ist hier für die Dauer der Behandlung wichtig, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, zu halten und bei Ausritt wieder beenden zu können.

Der*/ die* Patient*in wird nach dem Gespräch dann durch die Station geführt und es werden ihm*/ ihr* die allgemeinen Regeln erklärt. Wir vereinbaren danach für den Nachmittag ein erstes Bezugspflegefachgespräch, um gemeinsam ein Pflegeziel zu definieren. Weitere administrative Arbeiten bezüglich des Eintritts füllen den Rest des Morgens aus.

Nach dem Mittagessen evaluiere ich zwei Pflegeplanungen und führe ein weiteres Bezugspflegegespräch, was wir bei Sonnenschein auf einem Einzelspaziergang machen. Im Laufe des Nachmittags finde ich schliesslich eine Möglichkeit für eine kurze Spielgruppe, an der die Patienten teilnehmen können.

Plötzlich kommt ein Personennotruf von einer geschlossenen Station rein, d.h., eine andere Station benötigt sofort Hilfe. Ich halte also kurz Absprache darüber, wer die Station hütet, während der Rest des Pflegeteams sogleich rennt. Der Notfall: Ein Patient mit massiven Angstzuständen hat eine Pflegefachperson angegriffen. Die Situation kann aber zum Glück schliesslich sanft entschärft werden.

Nach diesem Notruf schreibe ich den Pflegeverlauf meiner Bezugspatient*innen ein und rapportiere dem Folgedienst das Nötigste, ehe ich meine Schicht beende.

Und dann, ja dann geht man nach Hause und trinkt einen Kaffee [lacht].

Exkurs zum Thema Therapien: Wieso das Arbeiten mit den Körper so wirksam sein kann

«Handlungen haben mehr Heilungserfolg als Gespräche, denn Gespräche können falsch verstanden werden», hat einmal ein italienischer Psychiater gesagt. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich diese Aussage eigentlich bestätigen.

Je nach Zielsetzung sind unterschiedliche Therapieformen angebracht. Nebst der Psychotherapie tragen Bewegungs- Ergo- und Kunsttherapie einen wesentlichen Beitrag zum Behandlungserfolg bei. In der Kunsttherapie ist das Ziel, die inneren und äusseren Bilder eines Menschen aus ihm hervorzubringen und sichtbar zu machen. Dazu bedient man sich zum Beispiel der Malerei oder arbeitet mit Stein oder Ton. Ganz wichtig ist hier, dass so die Sinnesorgane besser gereizt werden; der Fokus fliesst weg vom inneren Tumult und auf die äussere Wahrnehmung. Kunsttherapie kann auch dabei helfen, Geduld und Kreativität zu stärken und eigene Kraftquellen in sich zu entdecken.

Ich persönlich finde Bewegung auch einen sehr wichtigen Aspekt einer Therapie. Heutzutage sitzt man primär am Computer und tippt nur noch den ganzen Tag auf einer Tastatur. Man benutzt nur noch den Kopf. Die Bewegungstherapie kann hierbei helfen, den Fokus umzulenken. Bewegung hilft einem, zu entspannen und zur Ruhe zu kommen sowie den eigenen Rhythmus zu finden. Ich würde auch sagen, dass sowohl Bewegung als auch das handwerkliche Arbeiten helfen können, vielleicht wieder mehr den Sinn zu sehen, wenn dieser verloren gegangen ist.

Man kommt quasi wieder etwas auf den Boden zurück:

Man wird geerdeter; im Kopf und im Inneren.

 

Bleibt dran für den zweiten Beitrag, wo V. über die schönen und traurigen Seiten des Klinikalltags spricht, über die Belastung und Ansprüche an das Pflege- und Ärztepersonal, über Vorurteile, die er zurückweisen und solche, die er bestätigen kann und erfahrt unter anderem seine Meinung zum Problem der Stigmatisierung in einem dialogischen Gespräch.

 

„Ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung ist nicht einfach nur «krank», sondern hat auch „gesunde“ Seiten an sich, über die du mit ihm ins Gespräch kommen kannst“

Zum Umgang mit einer depressiven Episode und dem Problem der Stigmatisierung am Arbeitsplatz

cof

Lieblingsgetränk: Tee bzw. Ice Tee

 

G: Liebe K, herzlichen Dank für dieses Interview

K: Gerne.

G: Du hast an einem Zeitpunkt in deinem Leben an einer mittelgradigen depressiven Episode gelitten – wie kam es dazu und wie präsentierte sich die Krankheit im Konkreten?

K: Ich hatte schon während längerer Zeit einen Konflikt an meinem damaligen Arbeitsplatz. Mir setzte da ein häufiger Führungs- und ein damit verbundener professioneller Richtungswechsel zu. Dieser Konflikt spitzte sich dann derart zu, dass es – plötzlich – überhaupt nicht mehr ging. Es machte keinen Sinn mehr – nichts machte überhaupt mehr Sinn. Ich wurde dann auch suizidal. In diesem Zustand suchte ich schliesslich meinen Hausarzt aufgesucht, da ich zu diesem Zeitpunkt keinen anderen Arzt hatte. Dieser hat dann mit mir gesprochen, hat mich z.B. gefragt, ob ich nicht mehr schlafen könne und ob ich Gedankenkreisen hätte. Wir haben dann zusammen besprochen, was man machen könnte. Er hat dann herumtelefoniert und hat schliesslich eine Klinik gefunden, in welche ich noch am selben Tag eintreten konnte. Heute bin ich extrem froh, dass das so schnell ging, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich ansonsten noch hier wäre.

 

G: Du bist also auch einige Wochen stationär in Behandlung gewesen – was sind deine Erfahrungen hiermit?

K: Es war insgesamt eine gute Erfahrung. Ich hoffe zwar, dass ich nie mehr derart schwer krank werde, aber ich würde wieder stationär gehen, wenn ich in dem Zustand wäre. Der Eintritt war noch eindrücklich. Ich bezog damals mein Zimmer und setzte mich danach im Aufenthaltsraum an einen Tisch. Ich war zu jener Zeit schwer depressiv d.h. ich redete nicht mehr von mir aus, sondern sass einfach da. Die Mitpatientinnen kamen dann nacheinander auf mich zu, stellten sich mir vor und fragten, ob ich das erste Mal in einer Klinik sei. Da dachte ich dann etwas erschrocken: „Kommt man da mehrmals hin?!“. Weil ich das erste Mal in einer Klinik war, begannen sie mir zu erzählen, wie der Klinikalltag abläuft und beispielsweise auch, dass man auf dem Klinikgelände spazieren könne. Es gab verschiedene Therapieangebote und man hatte regelmässig Gespräche mit einem Bezugspfleger, der Psychiatriefachmann war, und mit dem Arzt/Psychiater. Ich habe heute noch einen Stein, welchen ich in einer der Therapie geschliffen habe, bei mir auf dem Bürotisch stehen.

Es sind sehr einfache Arbeiten, die man in der Therapie machen kann. Einen gesunden Menschen würden solche Arbeiten unterfordern oder komplett langweilen. In einer Depression hat man jedoch keine Energie mehr für sehr anspruchsvolle Arbeiten, weder gedanklich noch körperlich. Deshalb habe ich an diese therapeutischen Arbeiten gute Erinnerungen.

 

G: Wie hat dein Umfeld damals reagiert und wie hättest du dir gewünscht, dass es reagiert?

K: Mein Chor hat damals positiv reagiert. Es kamen dann auch andere Frauen auf mich zu und erzählten mir, was sie bereits erlebt hätten. Dort konnte ich dann irgendwann auch sagen: «Okay, du musst mich jetzt nicht mehr jedes Mal fragen, wie es mir geht» und das haben sie sich auch sagen lassen.

Am Arbeitsplatz war das etwas Anderes. Das sind natürlich Professionelle, bei denen ich dann nie mehr ganz von diesem Label wegkam. Dort hätte ich mir schon einen anderen Umgang gewünscht. Allerdings denke ich auch, dass das an anderen Arbeitsorten sicherlich auch anders gehandhabt wird.

Privat hat es effektiv Leute gegeben, die sich von mir abgewandt haben; wahrscheinlich aus einer Überforderung heraus. Nach zwei Jahren dann, als es mir wieder besserging, mochte ich da den Kontakt aber auch nicht mehr aufnehmen. Schliesslich habe ich ja auch neue Kontakte gefunden, beispielsweise in einer Selbsthilfegruppe.

Ich denke, ich kann einfach nicht von allen erwarten, diesen Weg mit mir zu gehen, denn das ist schwer. Es ist aber sicherlich schön, wenn das Umfeld flexibel reagiert; denn diesen Weg mitzugehen, fordert eine gewisse Flexibilität. Und das überfordert wohl viele Leute.

 

G: Du bist anfänglich offen mit deiner Erkrankung umgegangen, hast dann aber bald bemerkt, dass viele, besonders auch auf der Arbeit, nur noch die Kranke in dir sahen. Möchtest du diese Erfahrung ein wenig ausführen – wie fühlt es sich an, am Arbeitsplatz stigmatisiert zu werden und welchen Umgang hättest du dir gewünscht?

K: Da ich fast zwei Monate stationär war, musste ich meine Arbeitskolleg_Innen und Vorgesetzten über die Krankheit informieren. Auch als ich nach dem Klinikaufenthalt die Arbeit zu 50 % wiederaufnehmen konnte, war ich noch nicht ganz gesund. Das haben meine Arbeitskolleg_Innen miterlebt. Ich konnte mein Pensum dann aber relativ rasch steigern und wäre wieder voll leistungsfähig gewesen. Trotzdem wurde ich weiter geschont d.h. es wurden mir keine Projektmitarbeiten mehr zugetraut und ich musste meinen Arbeitskolleginnen die einfacheren Arbeiten, welche mich unterforderten, abnehmen, während sie die interessanten Zusatzarbeiten zugeteilt erhielten. Obwohl ich das gegenüber meiner Vorgesetzten thematisierte, wurde nichts dagegen unternommen. Die Begründung war dann immer: „Du warst aber einmal krank und könntest wieder krank werden. Wir haben eine Verantwortung für dich.“

Ich hätte mir gewünscht, dass mein Arbeitgeber den Gesundungsprozess und die damit verbundene Steigerung meiner Leistungsfähigkeit mitgemacht hätte; dass er mir mit der Zeit auch wieder mehr zugetraut hätte. Denn Unterforderung kann auch krankmachen und mir war es teilweise wirklich todlangweilig.

 

G: Durch deinen Beruf als Sozialversicherungsfachperson kommst du auch im beruflichen Leben viel mit dem Thema «psychische Krankheiten» in Kontakt. Inwiefern beeinflussen sich diese beiden Perspektiven – die professionelle und diejenige jemandes, der selbst einmal eine psychische Krankheit durchlebt hat – gegenseitig?

K: Ich kam tatsächlich zuerst als Fachperson in Kontakt mit psychisch Kranken. Ich fand das damals, als ich kurz nach meiner Ausbildung meine erste Stelle antrat, eigentlich auch ziemlich spannend. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass diese Leute «spinnen» oder gar Angst vor ihnen, da ich sie ja auch persönlich kennen lernte. Diese Erfahrungen nahm ich auch in mein weiteres Berufsleben mit.

Als ich dann selbst als Patientin in die Klinik ging, hatte ich eigentlich ebenfalls keine Angst, schon gar keine Berührungsängste.

Heutzutage scheint es in meiner Funktion für mich zwei Haltungen zu geben, die ich gut miteinander vereinen kann: Da ist einerseits die Perspektive der Gesunden, die auch ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist und sein muss, andererseits aber auch die Perspektive jemandes, der selbst einmal eine Episode psychischer Krankheit erlebt hat; und das hilft mir. Natürlich nimmt man manchmal den Telefonhörer ab und denkt, dass das, was die Person am anderen Ende der Leitung sagt, recht krank ist. Auf der anderen Seite, wenn ich auf meine damaligen Probleme zurückblicke, dann muss ich heute auch sagen, dass das ziemlich krank war.

 

 – Die nächsten zwei Fragen beziehen sich auf die Situation in der Schweiz –

 

G: Eine psychische Krankheit darf mit Blick auf den Beruf oder einen allfälligen Stellenwechsel nicht immer verschwiegen werden. Könntest du den Lesern einige Tipps geben, wann eine Offenlegung notwendig ist?

K: Das ist eine rechtliche Frage. Wechselt man beispielsweise die Stelle und erhält den Gesundheitsfragebogen der Pensionskasse, dann muss man die Angaben natürlich wahrheitsgetreu ausfüllen. Alles andere ist falsche Antragsdeklaration und in so einem Fall hat man leider die Pensionskassenbeiträge vergebens bezahlt.

Im Vorstellungsgespräch ist es wohl eine Ermessensfrage. Vorausgesetzt, dass man gesund ist und die geforderte Leistung erbringen kann, muss man nichts sagen. Ich habe damals nach meiner Episode und als ich wieder gesundet war, auch nichts beim Vorstellungsgespräch gesagt. Hätte man mich konkret gefragt, ob ich Erfahrungen damit habe, dann hätte ich mich wohl rausgeredet, da ich Angst gehabt hätte, dass man mich nicht nähme, weil man mir nichts zutraut.

Im Zweifelfalle würde ich mich von der Rechtschutzversicherung leiten lassen.

 

G: Es ist möglich, als psychisch kranke Person eine Invalidenrente zu erhalten, wenn man «austherapiert» ist. Dem Begriff «austherapiert» hängt aber immer noch eine grosse Unschärfe an. Was muss man momentan unter «austherapiert» verstehen und was ist deine persönliche Meinung dazu?

K: Das grosse Thema, besonders bei Depressionen, ist heutzutage vor allem, dass es diese Invalidenrente für die betroffenen, psychisch kranken Personen eben meist gerade nicht gibt, weil man davon ausgeht, dass die Krankheit vorbeigehen wird. Was man unter dem Begriff «austherapiert» zu verstehen hat, kann ich so nicht direkt benennen, da ich nicht Arzt bin. Im Grunde genommen ist es sicher aber auch ein Problem, dass viele Leute die Medikamente zu schnell wieder absetzen und teilweise rückfällig werden oder die Therapie zu wenig seriös angehen. Deshalb ist es auch so schwer an eine solche Rente zu kommen. Vielfach ist natürlich auch problematisch, dass man sich selbst als kranke Person nicht mehr helfen lässt, sondern es eigentlich einfacher fände, einfach eine finanzielle Leistung zu erhalten. Hier aber finde ich, dass man damit niemanden einen Gefallen tut. Schliesslich wird man auch mit einer Invalidenrente nicht plötzlich gesund. Im Gegenteil: Das ist dann sogar noch ein zweites gesellschaftliches Stigma, mit dem man leben muss. Kann einer Person aber wirklich nicht geholfen werden, dann ja, kann eine Invalidenrente durchaus gerechtfertigt sein.

 

G: Als Betroffene wie als jemand, der selbst mit solchen Menschen in Kontakt kommt – was sind wichtige Tipps, egal aus welcher Perspektive, die du jemandem, der selbst betroffen ist, auf den Weg geben kannst?

K: Es ist nicht ganz einfach, Tipps zu geben. Wichtig ist aber sicherlich, einfach dran zu bleiben, besonders auch auf dem medizinischen Weg, selbst wenn es momentan keinen Sinn zu machen scheint. Es ist sehr hart durchzuhalten, aber es wird Schritt für Schritt besser werden.

Was mir damals auch sehr geholfen hat und was ich auch zwei Jahre lang durchgezogen habe, ist der Besuch einer Depressions-Selbsthilfegruppe. Die wird nicht von Fachleuten, sondern von Betroffenen selbst organisiert. Oftmals hatte meine Ärztin auf Fragen wie beispielweise, wieso schon staubsaugen für mich extrem anstrengend ist, obwohl mein Körper ja eigentlich gesund ist, keine Antwort; dort aber hört man auch von anderen, denen es so geht und fühlt sich zumindest nicht mehr so allein. Dieser Austausch mit Gleichbetroffenen hat mir wirklich sehr geholfen und das waren auch die Menschen, die mir die besten Tipps geben konnten, wie ich mit der tatsächlichen Situation umgehen konnte.

 

G: Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?

K: Ich wünsche mir einen natürlichen Umgang zwischen psychisch kranken und psychisch gesunden Menschen. Jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte. Auch ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung ist nicht einfach nur «krank», sondern hat auch „gesunde“ Seiten, über die du mit ihm ins Gespräch kommen kannst.

Zwei Ankündigungen

Liebe Leser_innen

Zuerst mal: Danke an alle, die tatsächlich jeweils die Beiträge lesen, die hier veröffentlicht werden, und liebe Kommentare und interessantes Feedback hinterlassen. Das Ziel dieses Blogs ist es, möglichst vielen Leuten die Erfahrungen anderer Menschen in Bezug auf psychische Leiden und auch das oftmals damit einhergehende Stigma zugänglich zu machen und so ein bisschen ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen. Deshalb: Jeder, der hier mitliest, hilft, dieses Ziel ein Stückchen mehr zu erreichen – und für das bin ich sehr dankbar.

Nun aber zu den eigentlichen Ankündigungen:

Erstens: Ich habe mich nach einigem hin und her dazu entschlossen, die englische Übersetzung der Seite und der Beiträge einzustellen. Es gibt einfach schlicht und ergreifend zu wenig Leute aus dem englischsprachigen Raum, die diesen Blog tatsächlich lesen, die Übersetzungen sind immer mit einem grossen zusätzlichen Aufwand für mich verbunden und natürlich auch nicht immer perfekt fehlerfrei. Die Übersetzungen der bisherigen Beiträge werden aber oben bleiben.

Zweitens: Ich habe mich des Weiteren dazu entschieden, das Spektrum der Themen- und Personenwahl ein bisschen zu öffnen und werde bald eine kleine Beitragsserie im Umfang von 2-3 Beiträgen zum Thema „Alltag und Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – ein ehemaliger Pfleger erzählt“ starten. Die Beiträge in der Beitragsserie werden sich mit den üblichen, aus der Sicht von persönlich Betroffenen verfassten Beiträgen abwechseln. Durch die Öffnung bietet sich so auch Personen, die zwar selbst nicht von psychischen Krankheiten betroffen sind, aber dennoch stark damit zu tun haben (entweder als Angehörige_r oder beispielsweise im beruflichen Kontext), eine Plattform. Zudem gibt’s viele nützliche Informationen zum Thema Klinikaufenthalt und was da eigentlich alles passiert (oder eben auch nicht), ein kleiner Perspektivenwechsel ab und zu und das Potenzial für eine sehr interessante Dynamik aus verschiedenen Sichtweisen. Wer das jetzt nicht so cool findet: Keine Sorge, es wird natürlich weiterhin interessante Beiträge aus der Sichtweise von selbst betroffenen Personen geben und das soll sich auch nie ändern.

Ich würde mich über allfällige Kommentare und Feedback freuen.

Ansonsten: Bleibt gespannt!

 

Alles Liebe

Gina (die hinter dem Blog!)

„I always say: depression is not an illness which just goes away again once you have it but will accompany you for the rest of your life; it is something, you must learn to deal with“

Mobbing, Depression und der Kampf um die eigene Sexualität

cof

Lieblingsgetränk: Selbstgemachter Ice Tee//
Favourite drink: Homemade ice tea

G: Herzlich willkommen und vielen Dank für das Interview mit dir.

J: Bitte, bitte, gern geschehen.

 

G: Erzähle mir doch ein wenig über dich selbst – wieso hast du dich überhaupt auf dieses Interview eingelassen und was ist deine Geschichte?

J: Wir kennen uns schon längere Zeit, du hast mich gefragt – hier bin ich [lacht].

Angefangen hat das Ganze im Untergymnasium – damals hat das noch «Untergymnasium» geheissen, mittlerweile nennt man das ja «Sek P» -, wo ich merkte, dass Frauen wohl nicht so mein Ding sind, sondern dass ich Männer eigentlich viel interessanter finde. Für mich persönlich war das nie ein Problem, ich dachte «who cares». Die eigentlichen Probleme begannen, als ich merkte, dass ich mich in einen aus meiner Klasse verschossen hatte. Ich fand dann irgendwann einmal, dass ich ihn ja darauf ansprechen könnte. Mehr als einfach «nein» sagen konnte er ja kaum. Leider wurde daraus ein riesen Drama, das in starkem Mobbing ausuferte, und sich in meinem unfreiwilligen Coming-Out kulminierte.

Dazu kommt, dass ich eigentlich schon immer jemand war, der nicht wirklich gross «Jungs-Interessen» verfolgte. Ich bin auch ohne irgendwelche Gender-Rollen aufgewachsen und meine Eltern haben mir immer gesagt, dass ich einfach tun soll, was mir Freude bereitet. Anscheinend war und ist das aber immer noch nicht die Norm und meine Interessen und Sexualität führten bei meinen Klassenkameraden zu Aussagen wie: «Du redest ja gar nie über Frauen» oder «du spielst ja gar nie Fussball» oder der Klassiker: «du bist ja eh schwul». Irgendwann hielt ich es dann nicht mehr aus und rief zurück: «Nun, dann bin ich halt schwul, ist doch egal». Ich dachte damals, dass das Mobbing so aufhören würde, aber es wurde letzten Endes nur noch schlimmer.

Daraus entwickelten sich dann Depressionen, die zu Suizidgedanken wurde und letztlich in einem tatsächlichen Suizidversuch endete. Das Problem ist halt, dass, wenn dir Leute tagtäglich sagen, dass du es nicht verdient hast zu leben, du das auch zu glauben anfängst.

 

G: Was geschah als Reaktion auf deine Depressionen und den Suizidversuch?

J: Ich verbrachte nach meinem Versuch eine Nacht in einer psychiatrischen Klinik. Das Problem hierbei war, dass es nicht die Kinder- und Jugendpsychiatrie war, sondern die Erwachsenenabteilung, da die Kinder- und Jugendabteilung masslos überfüllt war zu dem Zeitpunkt. Das war eine sehr prägende Nacht für mich, da ich von psychisch stark kranken Erwachsenen umgeben war und in einer Zelle übernachtete, in der man nicht einmal alleine die Fenster öffnen konnte.

Eigentlich hätte ich noch viel länger dortbleiben müssen, aber ich rief dann am zweiten Tag meine Mutter an und sagte ihr, sie solle mich sofort abholen kommen. Gegen die Ratschläge jeglicher Ärzte und Psychologen hat meine Mutter mich dann tatsächlich wieder mit nach Hause genommen. Für das bin ich ihr unglaublich dankbar.

 

G: Was hast du dann unternommen und was tust du heute noch gegen diese Depressionen?

J: Seit damals, also seit gut 8 Jahren, bin ich nun in psychologischer Behandlung; früher noch mehrmals in der Woche, heute noch alle 2 Monate für ein Check-up. Zu Beginn dachte man noch, dass das bloss eine Phase sei. Als aber die Depression auch dann anhielt, als ich die Klasse wechselte und das mit dem Mobbing sich legte, merkte man, dass das Ganze tiefgehender war, wohl auch mit einer genetischen Komponente.

Ich sage immer: Depression ist nicht eine Krankheit, die, wenn du sie einmal hast, einfach wieder weggeht, sondern sie wird dich ein Leben lang begleiten und mit dem muss man umzugehen lernen. Wenn man das schafft, dann kann man genau so gut damit leben wie mit jeder anderen Krankheit auch.

 

G: Du hast einen eigenen Youtube-Channel, auf dem du offen mit der Problematik und deiner Vergangenheit umgehst – was sind die Gründe hierfür und was für Reaktionen erhältst du?

J: Als ich mich in Therapie begab, hiess es, dass ich etwas brauche, das ich gerne mache. Ich habe dann verschiedenstes versucht: Ich zeichnete, ich schrieb viel, ich habe irrwitzig lange Tagebucheinträge verfasst – nur habe ich mir die ganze Situation dort dann meist bloss noch schlimmer geredet [lacht]. Irgendwann merkte ich aber dann, dass ich sehr gerne fotografiere und Videos erstelle, weshalb ich diesen Channel gründete. Das Ganze wurde dann ein wenig zu einer Art öffentlichen Therapie für mich, was vielleicht merkwürdig wirkt, weil man denkt, dass jemand, der Depressionen hat, das mit sich selbst ausmachen muss. Mir aber hat es wirklich geholfen, diese Themen öffentlich anzusprechen, um damit abschliessen zu können. Ich finde es ausserdem extrem wichtig, auch über die Schattenseiten des Lebens sprechen zu können und beispielsweise auf Themen wie Mobbing oder den Fakt, dass Homosexualität auch in einem Land wie unserem immer noch nicht als etwas Selbstverständliches angesehen wird, hinzuweisen. Schon alleine diese Themen öffentlich anprangern zu können, hat mir sehr geholfen.

Als ich mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte, hätte ich mir zudem gewünscht, dass jemand über diese Dinge spricht. Ich erhalte denn auch meist positive Reaktionen und viele sagen mir auch, dass ich ihnen geholfen habe. Natürlich gibt es auch die Haters, die irgendeinen Mist schreiben, den man dann nicht allzu ernst nehmen darf, sondern einfach gleich löschen sollte. Wenn mir jemand «du Schwuchtel» schreibt, dann sehe ich das nicht als Beleidigung; okay, wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, aber was soll’s, dann wirst du einfach gelöscht und Punkt. Einige Leute werfen mir aber auch vor, das Ganze bloss zu Aufmerksamkeitszwecken zu machen und das trifft mich dann schon ein wenig mehr. Schliesslich ist das nicht meine Intention; ich will primär Aufmerksamkeit für das Thema generieren.

 

G: Was muss sich ändern, damit das, was du durchleben musstest, nicht mehr passiert?

J: Ich finde es schwierig, hierauf eine Antwort zu geben. Ich habe das Gefühl, dass es eigentlich zu meiner Schulzeit schon Präventivprogramme gegeben hat. Das Problem ist vielmehr, dass man das als pubertierender Schüler selten wirklich ernst nimmt. Dazu kommt, dass für viele in dem Alter Homosexualität als Beispiel etwas Merkwürdiges ist, was es aber für mich eigentlich nie war. Wahrscheinlich würde es deshalb mehr nützen, bereits in einem jüngeren Alter Aufmerksamkeit für solche Themen zu schaffen.

Es wäre sicherlich auch wichtig, Mobbing intensiver zu beobachten. Wir hatten zwar an unserer Schule schon eine Anlaufstelle, aber die wurde so gut wie nie genutzt. Deshalb sollte der Klassenlehrer am besten die Klassendynamik etwas besser im Auge behalten. Diejenigen, die gemobbt werden, sind schliesslich wahrscheinlich nicht die ersten, die zum Lehrer rennen und ihm sagen, dass sie eben gemobbt werden. Bei mir wurde auch erst reagiert, als ich versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Und wenn das auch geklappt hätte, dann wäre das definitiv zu spät gewesen.

 

G: Was würdest du Personen raten, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben?

J: Wichtig ist, dass man sich nicht einreden lässt, dass man das alles nur der Aufmerksamkeit wegen macht oder dass man das alles nur vortäuscht. Ebenfalls wichtig zu wissen, ist, dass es wirklich besser werden kann. Früher konnte man mir das 100 Mal sagen und ich glaubte es damals nicht, aber bei Depressionen ist Zeit tatsächlich ein wesentlicher Faktor. Natürlich ist es auch unerlässlich Hilfe zu suchen. Mir ist das damals nicht so gut gelungen. Häufig hat man nämlich eine Art Tunnelblick: Man sieht nicht mehr nach links oder rechts, sondern nur geradeaus und übersieht die Freunde, die eigentlich da sind und einem helfen würden. Man sollte sich auch nicht zu schade sein, einmal zu einem Psychologen oder Psychiater zu gehen. Das ist zwar unglaublich verpönt, aber das sollte es gar nicht sein. Auch Spitzenpolitiker oder Top-Manager sind teilweise in Therapie.

 

G: Was würdest du Freunden oder Verwandten von betroffenen Personen raten?

J: Das ist eine schwierige Frage, denn ich weiss noch, dass meine Eltern beispielsweise damals nicht wirklich an mich herangekommen sind. Es wäre sicher gut, wenn man der betroffenen Person Anlaufstellen aufzeigt, bei denen sie sich melden kann. Ich finde aber, dass man die Person auch nicht zu arg bedrängen sollte. Darauf zu beharren, dass sie mit dir redet, kann dazu führen, dass sie sich noch mehr verschliesst.

 

G: Gibt es etwas, das du noch abschliessend erwähnen möchtest?

J: An alle, die jemanden kennen, der Depressionen hat: Glaubt nicht, dass diese Person automatisch absolut unfähig ist, am normalen Leben teilzunehmen. Ich bin nun seit gut 8 Jahren in Behandlung und nach einer Auszeit von gerade mal 2 Wochen damals war ich trotz starker depressiver Gedanken wieder ganz normal fähig, am alltäglichen Leben teilzunehmen. Gebt diesen Leuten Mut, anstatt ihnen zu sagen, dass sie nicht am alltäglichen Leben teilnehmen können; und seht in ihnen nicht bloss den Kranken.

Mit der ausdrücklichen Zustimmung von J. verlinke ich hier im Folgenden seinen Youtube-Channel: https://www.youtube.com/user/smileypeacefun

Bullying, Depression and The Struggle For One’s Own Sexuality

 

G: Welcome and thank you for letting me conduct this interview with you.

J: You are very welcome.

 

G: Tell me a bit about yourself – why did you agree to this interview and what is your story?

J: Well, we have known each other for quite a while now, you asked – here I am [laughs].

Everything started in pre-highschool [6th-8th grade], where I realised that women are probably not my thing and that I find men much more interesting. Personally, that was never a problem for me. I thought “who cares”. The actual issues started when I noticed that I had fallen for a guy in my class. I eventually thought that I might as well tell him. I mean, he could not really say anything more than “no”, could he. Unfortunately, this developed into a huge drama, which lead to severe bullying and eventually culminated in my involuntary coming-out.

On top of that, I have always been someone who does not really have “boys-interests”. I also grew up without any gender roles and my parents used to tell me to just do what makes me happy. Apparently, this was and still is not the norm and my interests and sexuality led to statements from my classmates, like: “You never talk about girls” or “you never play football” or the classic: “you are probably gay”. Some day I just could not take it any longer and yelled back: “Well, maybe I AM gay”. At that time, I thought that the bullying would stop but it just got worse and worse.

All of this led to depressions and from the depressions to suicidal thoughts, which eventually ended in an actual suicide attempt. The problem is that if people constantly tell you that you do not deserve to life, you eventually start to believe it yourself.

 

G: What happened as a reaction to your depression and your suicide attempt?

J: I stayed in the psychiatric ward for a night. The only problem was that it was the adult ward instead of the children’s and adolescent’s one as that one was completely overcrowded at that time.

That night has had a lasting effect on me as I was surrounded by mentally very ill adults and slept in a cell where you could not even open the windows on your own. As a matter of fact, I should have stayed there for much longer but I called my mother on the second day and told her to come fetch me immediately. Against the advice of all doctors and psychologists, my mum effectively took me back home again the next day. I am very grateful for that.

 

G: What did you do then and what are you currently doing against the depression?

J: Ever since back then, which is now a good 8 years ago, I have been in psychological treatment; back then several times a week, nowadays once every 2 months for a check-up. In the beginning, they thought that it was just a phase. But when the depression did not get better when I changed classes and the bullying gradually stopped, they realised that it was actually more severe, probably also with a genetical component to it.

I always say: depression is not an illness which just goes away again once you have it but will accompany you for the rest of your life; it is something, you must learn to deal with. If you manage to do this, you can live with it just like you can live with any other illness.

 

G: You have your own Youtube channel, where you address these topics and your past freely – what are the reasons for this and what reactions do you get?

J: When I started therapy I was told that I need something that I like to do. I tried several different things: I drew, I wrote a lot, including ridiculously long diary entries – even though I usually only made everything sound even worse than it actually was [laughs]. However, at some point I realised that I really liked photography and making videos, which is why I created the channel. This eventually became like some sort of public therapy for me, which might seem a bit weird as people usually think that, if you suffer from depression, you should fight against it in private. However, it really helped me to address these topics publicly to be able to put them behind me. Moreover, I find it extremely important to talk about the negative sides of life, too, and to draw attention to topics such as bullying or the fact that homosexuality is still not seen as something natural or normal.

In addition, when I was battling severe depression, I would have wished that someone talked about these things. Usually, I do get positive feedbacks and most people tell me that I was able to help them. Of course, there are always haters, who just write some bullshit, which you should not take too seriously but rather delete immediately. When someone tells me “you faggot”, then I do not really feel offended by that; alright, we do not live in the 19th century anymore, but who cares, you will just get deleted. There have been a couple of people accusing me of doing all of this because of the attention and this does hurt me a bit more; but that is not my intention. I primarily want to raise awareness for the topic.

 

G: What must change so other people do not have to go through the same thing as you?

J: I find it difficult to give an answer to this. I have the feeling that there have already been like preventive programs when I went to school. The problem is rather that as a pubescent student, hardly anyone takes them seriously. In addition, homosexuality, as an example, is still something strange for most kids at that age, even though it never has been for me. That is why it would probably be more useful to generate attention for these kinds of topics at a younger age already.

It is certainly also important to have a more watchful eye on bullying that might be going on in classes. Even though we did have a place to go to, it was hardly ever used. That is why one needs to have a closer look at class dynamics. After all, the person that is being bullied is hardly going to be one running to the teacher, telling him that he is indeed being bullied. In my case, people only reacted once I tried to take my own life. If I had actually succeeded, this would definitely have been too late.

 

G: What would you say to people who are struggling with similar problem?

J: It is important not to let anyone tell you that you are doing it all for attention-purposes or that you are faking it. What is also important to know is that it does get better. Before you could tell me this 100 times and I did not believe it back then but time is a very important factor when it comes to depression. Of course, it is also vital to seek help. I did not really succeed at that at the time. Often, you have like a tunnel vision: You do not look left or right but only straight ahead and you overlook the people that are around and willing to help you. In the end, you should also not be afraid to visit a psychiatrist or a psychologist. I know that this is still frowned upon but it should not be like that. There are top politicians and top managers who attend therapy, too.

 

G: What advice would you give to friends or family who know someone who has these kinds of problems?

J: This is a difficult question because I remember that, for example, my parents had a hard time getting through to me. It would certainly be good to show the person where they can go if they need help. However, I also think that you should not hassle the person concerned. To insist on them having to talk to you can lead to them just closing up even more.

 

G: Is there anything you would still like to say?

J: To all the people out there who know someone dealing with depression: Do not believe that this person is automatically completely unable to participate normally in everyday life. I have been in therapy for 8 years now and after I had taken out time for 2 weeks I was able to participate normally again in day-to-day life despite having severe depressive thoughts. Encourage these people instead of telling them that they cannot participate in daily life and do not just see a sick person in them.

With J's explicit consent I am linking J's Youtube-channel here: https://www.youtube.com/user/smileypeacefun