Na, hallo und danke fürs Reinschauen!

Willkommen!

Liebe Leser_innen

Zuerst einmal: Hallo und merci, dass ihr euch auf diesen Blog verirrt habt. Vielleicht war’s Zufall, vielleicht habe ich euch selbst hierhin gelotst – ich freue mich auf jeden Fall, euch begrüssen zu dürfen!

Mein Name ist Gina und ich betreibe diesen kleinen Blog. Im normalen Leben bin ich Philosophiestudentin an der Uni Zürich und Servicedüse. Daily Cup of Madness ist ein kleines Projekt von mir, das ich im Sommer 2017 gestartet habe; eine Idee, die aus zahlreichen Begegnungen an der Uni entstanden ist. Ziel ist es, einen Einblick in die Vielfalt und Verbreitung verschiedenster psychischer Leiden zu geben, von denen wir zwar mittlerweile alle irgendwie wissen, dass sie ziemlich häufig vorkommen, die aber immer noch verhältnismässig wenig Aufmerksamkeit erfahren – und denen deshalb nach wie vor viele falsche Informationen und ein grosses Stigma anhaften. Das Ziel ist es nicht, den Schweregrad und die damit eingehende Behinderung mancher psychischer Krankheiten zu verneinen, sondern aufzuzeigen, dass viele Betroffene nach wie vor normale Menschen sind und dass es Wege geben kann, mit einer solchen Krankheit umzugehen; dass die meisten nicht komplett und für immer verrückt sind, sondern man sie nach wie vor als das behandeln kann, was sie sind – Menschen. Hierzu bitte ich Personen, die ihre Erfahrungen mit psychischen Leiden gemacht haben – sei es als selbst davon Betroffene, als Angehörige einer solchen Person oder auf Grund des gewählten Berufs – ihre Erfahrungen mit mir zu teilen, welche ich hier wiedergebe. Die betroffenen Personen entscheiden hierbei selbst, in welcher Form sie dies tun möchten: So kann man sowohl mich persönlich treffen und mich anschliessend einen Beitrag darüber verfassen lassen als auch selbst einen Beitrag schreiben (Natürlich kann man auch etwas schreiben und mich treffen!). Die einzigen Bedingungen für das Verfassen eines eigenen Beitrags sind eine gewisse Länge bzw. Kürze (max. 4 A4 Seiten; bei Ausnahmefällen und Interviews auch längere Beiträge möglich) und ein gepflegter Umgangston (Keine ehrverletzenden Beiträge etc.). Ich redigiere selbst geschriebene Beiträge lediglich und stelle sie dann auf diese Seite.

Grundsätzlich sind alle Beiträge anonym gestaltet, auch wenn die Möglichkeit besteht, „sein Gesicht zu zeigen“ (wortwörtlich), wenn das jemand möchte. Das macht’s für alle Beteiligten leichter, ihre Geschichten zu teilen und nimmt allfällige Ängste und Vorbehalte. Um trotzdem ein kleines bisschen von der Neugierde zu befriedigen, die manch einer vielleicht beim Lesen verspürt, gibt’s jeweils – in Anlehnung an den Titel dieses Blogs – ein Foto der Hände der betreffenden Person mit ihrem Lieblingsgetränk sowie die konkrete Info, was dieses Lieblingsgetränk* denn nun wirklich ist. Mag vielleicht ein bisschen komisch wirken, aber das bin ich ja auch!

Das wäre dann mal für’s Erste das Wichtigste. Stay tuned und viel Spass beim Lesen!

 

Alles Liebe

Gina

 

*Bitte mitschicken, falls ein selbst geschriebener Beitrag eingeschickt wird und man mich nicht persönlich treffen möchte.

„Menschen sind keine Joghurts“

Liebe alle,

Für einmal möchte ich euch ein bisschen etwas anderes präsentieren: Nämlich einen Spoken-Word Text von einer Freundin von mir, der auch sehr gut zur Thematik dieses Blogs passt und der letzten Oktober im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kultur sieht Pink“ hier in Solothurn aufgeführt wurde.

Ohne mehr zu verraten: Lest und geniesst!

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Eigentlich wollte ich hier über Ding reden, über die man nicht spricht. Über
Dinge, die man nicht sagt, weil sie jemanden belasten könnten; weil man sich
sonst erklären müsste. Über den Tod, Essstörungen, Depressionen, Sexualleben
und Angst. Über Dinge, die uns alle betreffen. Ganz intime Dinge. Über Gott
und die Welt wollte ich reden, nur ohne Gott, und ohne Welt. Über Dinge, die
gedacht werden müssen, ohne jemandem eine Ideologie in den Kopf zu pflanzen.
Eine Art Brandrede gegen das nicht Ausgesprochene.
Ja, genau darüber wollte ich reden. Aber ich habe Angst. Angst, dass ich meine
Gefühle nicht bremsen kann. Angst, dass es zu intim wird. Angst, dass ihr mir
nicht glaubt und Angst, dass ihr danach hier rausgeht, aus diesem Raum, und
alles verdrängt, was ich hier gesagt habe. Aber reden wir nicht darüber. Denn
wenn wir nicht darüber reden, brauche ich auch keine Angst zu haben. Und dann
geht’s uns allen doch gleich viel besser. Wenn wir nicht darüber reden, dann
geht’s uns gut.
Es geht uns schliesslich immer gut. Jeder Smalltalk fängt an mit den Worten: „Wie
geht’s?“. Anstelle, dass wir sagen würden: „ Nein mir geht’s verdammt noch
mal nicht gut, weil ich seit Monaten zu wenig schlafe und mich finanziell kaum
über Wasser halten kann. Meine Zimmerpflanzen sind alle elend verreckt, weil
ich zu wenig Zeit hatte, sie zu giessen und als ich sie retten wollte, habe ich sie
ersoffen. Meine Ausbildung läuft so gar nicht, meine Zukunft macht mir Angst
und gestern ist mein Hamster gestorben, weil er sich von einer der
Zimmerpflanzen ernährt hatte!“ Nein. Wir antworten lieber auf die Frage, wie es
uns geht mit: „Gut, Danke.“ Und wenn’s uns wirklich nicht gut geht, dann ist das
Höchste der Gefühle, das zugelassen wird, ein: „Ich bin einfach ein bisschen
müde.“ Ein bisschen müde. Das kann jeder nachvollziehen und man läuft nicht
Gefahr, Fragen beantworten zu müssen.
Bitte denkt jetzt von mir nicht, dass ich Smalltalk hasse. Es ist die beste Art mit
jemandem zu reden, mit dem man überhaupt nicht reden will. Aber am liebsten
reden wir darüber, wie es uns nicht geht. Es geht uns nicht schlecht. Wenn wir
an unterernährte Kinder in Afrika denken, geht es uns wirklich nicht schlecht.
Weil denen, ja denen geht’s schliesslich so richtig beschissen. Aber daran
denken wir nur, wenn wir gefragt werden, wies uns geht oder kurz vor
Weihnachten beim Schaulaufen von Spendenorganisationen oder noch bei Oma,
die uns sagt, dass wir unseren Rosenkohl aufessen sollen. „Ein Kind in Afrika
wäre froh, hätte es nur die Hälfte des Rosenkohls den du hier hast. Und jetzt
iss.“ – „Ich wäre auch froh, hätte ich nur die Hälfte des Rosenkohls, und selbst ein
Kind in Afrika kann erkennen, dass Rosenkohl die Machenschaft des Teufels
ist.“ Aber das beiseite. Ein Kind in Afrika als Symbol für unseren übertriebenen
Wohlstand. Ein Symbol dafür, dass es uns hier nicht schlecht gehen darf. Aber
reden wir nicht darüber.
Jemand, der alles hat, kann sich schliesslich nicht beklagen. Essen haben wir
wahrlich genug und ein Dach über dem Kopf und eine Zukunft. JA, genau. Und
die meisten wissen ebenso wenig damit anzufangen. Was tun wir, wenn es uns
aber dennoch schlecht geht, wenn wir es doch gar nicht dürften? Schweigen und
ignorieren. Frei nach dem Motto: Wenn man nicht über Probleme spricht, dann
sind sie auch nicht real. Aber reden wir nicht darüber. Wer würde schon daran
denken, dass jemand in seinem Umfeld an einer Depression leiden könnte? Die
sehen alle immer gut aus und wenn man sie fragt, wie’s ihnen gehe, sagen sie
immer: „Gut, Danke“. Wer sollte da schon darauf kommen, dass jemand an einer
Depression erkrankt ist, wenn die nichts sagen? Haha, ha, ha.
Das Krankheitsbild sieht auch nicht gleich aus, wie bei einem gebrochenen Bein.
Die Genesungszeit dauert auch nicht nur sechs Wochen, wie bei einem
gebrochenen Bein. Und zu erkennen, dass jemand an einer Depression erkrankt
ist, ist auch nicht so einfach wie ein gebrochenes Bein. Kurz: Eine Depression
ist kein gebrochenes Bein. Selbst zu erkennen, dass man an einer Depression
erkrankt ist, ist genauso schwierig, wie darüber zu reden. Ebenso sitzt ein
Depressiver nicht nur zu Hause in seinem Zimmer und heult die ganze Zeit. Es
gibt viele gute Tage dazwischen, wo man das Gefühl hat, man hätte einfach eine
schlechte Phase überwunden. Es gibt ganz viele Erkrankte, die funktionieren.
Die das antworten, was von ihnen erwartet wird. Das machen, was von ihnen
erwartet wird, und zu Hause oder in ihrer Freizeit sind sie einfach. Weder
grossartig glücklich noch grossartig traurig. Aber reden wir nicht darüber.
Reden wir nicht darüber und schweigen wir es tot. Dann muss ich mich und ihr
euch nicht damit beschäftigen. Dann ist das Problem gelöst oder löst sich von
selber. Zumindest ist es dann nicht mehr mein Problem. Wir leben im 21.
Jahrhundert, da muss man nicht mehr darüber reden, welche Sexualität man hat.
Da weiss man das einfach. Da muss man nicht mehr danach suchen und sich in
der Gesellschaft behaupten, denn die Gesellschaft hat das ja vollumfänglich
akzeptiert. Genauso wie das Sterben. Jeder weiss, dass er mal stirbt.
Wissenschaftler können schliesslich ziemlich viele Todesursachen und das
Durchschnittsalter des Sterbens berechnen. Darum brauchen wir nicht darüber
zu reden. Und dennoch kann man bei jedem Durschnitt nicht ein genaues
Ablaufdatum festlegen. Menschen sind keine Joghurts. Und selbst einen Joghurt
kann man nach seinem Verfallsdatum noch essen. Was bei einem Menschen dann
doch eher nicht zutrifft. Aber lassen wir das. Menschen sind keine Joghurts. Der
Mensch kann etwas nicht und das macht ihm Angst, und weil es ihm Angst
macht, ignoriert er es.
Ich habe auch Angst. Nicht vor Spinnen oder anderen kleinen Tierchen. Nein.
Ich habe Angst zu Versagen. Angst nicht zu genügen. Angst alle, die ich liebe, zu
enttäuschen. Angst, dass mich die Menschen, die ich mag, nicht mögen. Angst,
dass ich mein Gefühle jetzt gerade nicht bremsen kann. Angst, dass ich nie
genug stark und nie genug schwach sein werde. Angst, dass ich vielleicht dem
Durchschnitt entsprechen könnte. Angst, dass ihr mir nicht glaubt und Angst,
dass ihr jetzt hier rausgeht, aus diesem Raum, und alles verdrängt was ich hier
gesagt habe. Aber reden wir nicht darüber.

„Ich bin so dankbar, dass ich rechtzeitig den Entschluss fassen konnte, nochmals neu zu beginnen“

Oder: Wie ich die Leere zu füllen lernte

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Lieblingsgetränk: Heisse Schokolade mit Sojamilch

Ich stand vor dem blassen Fenstersims. Um mich herum muss es noch relativ still gewesen sein; womöglich hatte ich wieder einmal eine Prüfung verfrüht abgegeben und war dem stickigen Klassenzimmer als erste entflohen. Entflohen war ich vielem in den letzten Wochen: den drückenden schulischen Verpflichtungen, den besorgten Blicken der Mitschüler, den vielen Fragen meiner Eltern. Was wusste ich denn auf all dieses schon zu antworten?

Mein Notizbuch lag vor mir. Hier, in einem Korridor des Gymnasiums, schrieb ich:[1]

Er sagte nichts.

Aus seinen Augen

Floh das Licht

Man kann behaupten

Seit Beginn war er schon tot.

 

Aus dem Gesicht

Schwand das Vertraute

Es entwich

Der letzte Glaube

An ein Wunder, doch nicht Gott.

Schon als Kind spürte ich immer wieder die Last einer inneren Leere. Alles erschien mir in diesen Momenten sinnlos und langweilig. Dieses Gefühl verstärkte sich im Laufe der Zeit. Auf der Suche nach Identifikation und Aufmerksamkeit gewann ich eine Faszination für die «Emo»-Szene, Punk- und Hardrock-Musik, sodass schwarze Kleidung und Schminke fortan mein Markenzeichen waren. Im Alter von zwölf Jahren ritzte ich mich zum ersten Mal, wahrscheinlich mehr aus Sehnsucht, weil ich das Bedürfnis hatte, dieses Loch in mir zu füllen und «jemand zu sein».

Während der Oberstufenzeit und dem ersten Jahr am Gymnasium tat ich dies zwar nicht mehr, doch ich steigerte mich weiter in düstere Gedanken, fühlte mich einsam, weil meine Altersgenossen mein Grübeln und Hinterfragen nicht nachvollziehen konnten. Es gab kurze Momente, in denen Ängste aufkamen, tiefe Ängste vor dieser Finsternis, die sich auf alles gelegt hatte.

Seit meiner frühen Kindheit glaubte ich an Gott, doch während dieser Zeit hatte ich mich von Ihm entfernt – die Musik und mein Image als «Rebellin» waren mir wichtiger geworden. Dennoch wuchs gerade in diesen Jahren – ich war fünfzehn – das Verlangen, nach Ihm zu suchen. Ich hatte viele Fragen und suchte nach einer Gelegenheit, sie zu stellen. Diese fand ich in einer christlichen Facebookgruppe. Ihre Mitglieder stammten grösstenteils aus Freikirchen in Deutschland oder Österreich. Schon nach kurzer Zeit stellte ich fest: Diese Menschen hatten, wonach ich suchte. Sie hatten einen authentischen Glauben, lebten ihn mit ganzem Herzen. Im Gespräch mit diesen Leuten entschied ich, mich Gott verstärkt zuzuwenden.

Doch die Last der Depression verschwand nicht durch diesen Entschluss. Vielmehr befand ich mich nun im ständigen Kampf. Auf der einen Seite wollte ich neu beginnen und Gott kennenlernen – auf der anderen Seite zogen mich Suizidgedanken weg von ihm. Ich erlebte tiefe Erfüllung beim Bibellesen und fühlte mich in meinem Leid angesprochen, gerade von Texten wie Psalm 55 – auf der anderen Seite war ich süchtig geworden nach dem vorübergehenden Trost einer blutenden Wunde, die ich mir selbst zufügte.

«Ergibst du dich!»,

höhnts immer lauter

es senkte sich

erschöpft das Haupte

und gab sich hin der schweren Not.

 

«Erhöre mich!

Und lass mich laufen

Zieh mit dicht

Zu deinem Hause

– aus dieser Hölle führ mich fort!»

Ich wusste, dass ich dringend weg wollte aus dieser Lage. Überall, wo ich war, begleitete mich der Konflikt: die quälende Leere und meine Verstrickung in sie gegen den Wunsch nach einem Neuanfang.

An einem Nachmittag war ich sehr kurz davor, alles aufzugeben, auch das Leben selbst. Ich bin so dankbar, dass ich jedoch rechtzeitig den Entschluss fassen konnte, nochmals neu zu beginnen. Nach einem langen Gespräch mit meiner damaligen besten Freundin, welche auch Christin war, beschloss ich, dass es nicht mehr so weitergehen konnte.

Doch wie sollte die Zukunft aussehen? Ich stellte mir vor, insgesamt glücklicher zu sein, ausgeglichener. Die Depression würde wohl nie ganz verschwinden – aber ich würde es schaffen, die Momente der Dunkelheit zu überwinden und weiterzugehen.

Es kam jedoch anders.

Und da, ein Licht

Es stürzten Bauten

Die stellten sich

Um den Beraubten

Und frei war er von diesem Ort.

 

«Verzage nicht,

du kannst es glauben

dem, der verspricht

für immer hält der Herr sein Wort!»

Der Beginn war schwierig – wann immer ein Problem auf mich zukam, musste ich das Verlangen nach dem Ritzen zum Schweigen bringen, alle Sehnsucht zu sterben, die dann in mir aufkam, verweigern. Doch die Willenskraft, die ich dabei aufbrachte, überstieg alles, was im Rahmen meiner bisher gekannten Möglichkeiten lag.

Ich empfand tiefe Freude, wenn ich mich an Gott wandte, in der Kirche zu Ihm sang und mit Zeit mit Menschen verbrachte, die den Glauben an Ihn teilten. Immer mehr nahm ich wahr, dass die Leere in mir verschwunden war.

Diese ganze Geschichte liegt nun hinter mir. Die Depression, dieses tiefe Gefühl der Lustlosigkeit, ist nicht mehr zurückgekehrt, auch mit Selbstverletzung oder Suizidgedanken kämpfe ich nun nicht mehr. Stattdessen bin ich voller Zuversicht, auch wenn Schwierigkeiten aufkommen. Ich habe gute Freunde gefunden, mit denen ich das Leben teilen kann. Diejenigen, die mich länger kennen, können bezeugen, wie stark ich mich gewandelt habe. Ich habe eine grundlegende Freude in mir und bin dankbar für das Leben.

 

 

[1] Ich schrieb dieses Gedicht, Leere, im Frühjahr 2013. Im Nachhinein habe ich nur kleine Änderungen vorgenommen.

 

 

 

 

 

Leidest du oder jemand, den du kennst an suizidalen Gedanken oder verletzt du dich oder jemand anderes sich selbst? Dann wende dich an jemanden, dem du vertraust oder kontaktiere beispielsweise die Dargebotene Hand: https://www.143.ch/.
Du bist nicht allein. Du musst dich nicht schämen.
Und es gibt Möglichkeiten, einen Weg aus der Leere und Verzweiflung  zu finden.

 

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 3: Fallbeispiel

Oder: Wie Eintritt, Diagnose und Austritt eines Patienten*/ einer Patientin* aussehen könnten und was V* dazu meint

cof

Lieblingsgetränk: Unterschiedlich; zum Zeitpunkt dieses Gesprächs ein Milchkaffee

Anmerkung: Dieser Bericht resultiert aus verschiedenen Begegnungen mit Betroffenen von psychischen Erkrankungen während einer stationären Behandlung und gibt nicht eine tatsächlich eins zu eins so vorgefallene Gegebenheit wieder.

 

Herr P., 46-jährig, Schreiner von Beruf, begleitet seine Ehefrau, 43-jährig, früher Verkäuferin, zur Aufnahme in die Klinik. Die beiden haben 2 Töchter (22- und 19-jährig) und einen Sohn (15-jährig).

Der Gesichtsausdruck von Frau P. ist ernst, von der Umgebung unberührt, leer, zugleich von einer inneren Anspannung vibrierend. Ihre starren Bewegungen drücken Untätigkeit und eine innere Unruhe aus. Während des langen Aufnahmegesprächs sitzt Frau P. kerzengerade auf der Stuhlkante; sie wirkt in allem gehemmt. Herr P. sitzt entspannt im Sessel; er wirkt kräftig, vital und aufmerksam. Auf Nachfrage weist er eine Überforderung seinerseits zurück; er sei Kummer gewohnt, seine Frau sei krank und sie brauche jetzt eine Behandlung.

Da jede Frage schneller von ihm als von seiner Frau beantwortet wird, empfehlen wir ihm die Angehörigengruppe, auch um mit seiner Frau überhaupt ins Gespräch zu kommen.

Das geht allerdings nur stockend und mühsam:

Frau P. fühle sich wie versteinert, hoffnungslos, könne nicht trauern, nicht das Nötigste im Haushalt tun. Sie grüble oft und ihre Gedanken würden sich im Kreis drehen. Alles erscheine ihr sinnlos, meint sie, sie fühle sich überflüssig und sehe sich als Ballast für die Familie, solle aus dem Leben treten. Die einfühlende Fürsorge mache ihre Schuldgefühle noch schlimmer. Sie habe darüber hinaus ständig Unterleibsschmerzen, keinen Appetit mehr und habe in 5 Wochen rund 7kg abgenommen. Sie könne seit Wochen nicht mehr durchschlafen und sei jeweils am Morgen sehr erschöpft. Zudem lebe sie isoliert zu Hause. Die Ehe sei zwar gut, es gäbe keine Konflikte oder Belastungen. Ihr Ehemann sei aber dominant und bestimme das Geschehen.

In den letzten Tagen habe sich ihre Lage zugespitzt; sie sei überzeugt, nie mehr gesund zu werden und fühle sich vermehrt ängstlich. Sie habe am Abend mehrmals das Haus verlassen und wollte von einer Brücke springen, um diesen Leidensdruck zu beenden.

Dies sei innert fünf Jahren die dritte Depression. Nach rund zehn Wochen stationärer Behandlung sei es ihr jeweils wieder gut gegangen und sie konnte dann ihre Aufgaben wie den Haushalt und die Gartenpflege auch wieder erfüllen. Von ihrer Mutter seien ebenfalls depressive Zustände bekannt.

Diese Schilderung rechtfertigt schliesslich die folgende Diagnose: Schwere Depression ohne psychotisches Erleben sowie mittelgradige Angstzustände.

Aus dem Bericht von Frau P. erfahren wir verschiedene Defizite / Probleme bezüglich den „Aktivitäten des täglichen Lebens“:

  • Schlafstörungen / Erschöpfung
  • Fehlender Appetit / Gewichtsverlust
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schmerzen im Unterleib
  • Verminderter Antrieb
  • Gedankenkreisen
  • Beeinträchtigte Kommunikation
  • Depressive Grundstimmung
  • Suizidgefahr
  • Sozialer Rückzug

 

Zusammen mit Frau P. nehmen wir letztlich drei der Defizite in den Pflegeprozess auf. Dies ist die gängige Praxis, da kaum alle Probleme gleichzeitig angegangen werden können und häufig das Lösen eines Defizits auch eine wesentliche Verbesserung in anderen Bereichen mit sich bringt. Es wird also der folgende Pflegeplan erstellt:

 

Diagnose: Schlafstörung / Erschöpfung

Assessment: Kann lange nicht einschlafen und erwacht mehrmals; ist am Morgen erschöpft

Intervention: Regelmässige Bettzeiten einhalten, Entspannungsbad, eigenes Ritual, Tee, Zimmer  durchlüften

Pflegeziel:: Pflegt geordneten Tag / Nachtrhythmus und ist am Morgen erholt

 

Diagnose: Suizidgefahr

Assessment: Hoffnungslos, sinnlos, interessenlos, geringes Selbstwertgefühl

Intervention: Achtsam am Abend, was ist tagsüber positiv verlaufen. Liste mit Eigenschaften  (mögen /ablehnen), Selbstvertrauen stärken

Pflegeziel: Gestärktes Selbstwertgefühl

 

Diagnose: Beeinträchtigte verbale Kommunikation

Assessment:  Spricht wenig, ohne Mimik und Gestik, monoton, negativ fokussiert

Intervention: Blickkontakt herstellen, Soziale Isolation vermeiden, Zeit lassen, Tägl. Feedback

 

Unterstützt wird die Behandlung durch ein stationsinternes Wochenprogramm mit Aktivitäten wie Spaziergängen, Ausflügen, Kochen, Entspannungsgruppen, Gruppenspielen und -gesprächen sowie Ergo-, Bewegungs-, Mal- und Lichttherapie und einer Depressionsgruppe.

Ihr Arzt führt darüber hinaus regelmässige Standortgespräche durch und prüft die Wirkung der medikamentösen Therapie.

Die Bezugspflege dagegen begleitet und unterstützt, wo nötig, Frau P. und führt regelmässig Pflegeplangespräche durch.

 

Bewusst wird an dieser Stelle nun die Behandlungsdauer von sechs Wochen übersprungen, da diese zu fest ins Detail gehen würde, um sie getreu wiederzugeben. Deshalb schildere ich nun zusammengefasst den Ist-Zustand von Frau P. vor ihrem Austritt:

 

  • Frau P. kann besser ein- und durchschlafen und ist am Morgen erholt; sie hat weniger Gedankenkreisen.
  • Ihr Selbstwertgefühl hat sich gesteigert; Hoffnung ist zurückgekehrt und sie zeigt vermehrt Interesse (beispielweise durch kochen oder vermehrtes sich mitteilen)
  • Sie kommuniziert sicht- und hörbar besser mit Mimik und Gestik und kann den Blickkontakt halten.
  • Suizidgedanken sind weniger häufig vorhanden und sie meldet sich bei Vertrauenspersonen.

 

Nach weiteren zwei Wochen Aufenthalt in der Tagesklinik tritt Frau P. in die alten Verhältnisse zurück.

Über den Austrittsfragebogen erteilt Frau P. dem Behandlungsteam eine sehr gute Note.

 

Was ist geschehen – war es für alle Beteiligten ein Vollerfolg? Ein Standarderfolg? Oder doch gar kein Erfolg?

Wenn ich Frau P.s Behandlung auswerte, kommen in mir Zweifel auf, ob sie nach ihrem Aufenthalt tatsächlich genügend Eigenverantwortung übernehmen kann und kräftig genug ist, IHR Leben zu gestalten und zu geniessen, zumal sie an der Seite eines dominanten Ehemannes lebt; selbst, wenn die Behandlung zunächst gewissermassen erfolgreich gewesen zu sein scheint.

Ich wage zu behaupten, dass das, was geschehen ist, eine Annäherung war – eine «Behandlung von aussen“, also eine Symptomdiagnose mit „Symptombekämpfung“.

Eine solche Diagnose erfasst aber nie die Wirklichkeit eines Menschen mit all seinen Facetten. Sie ist lediglich ein Modell für seine Auffälligkeiten.

Wir wissen deshalb nie genau, was grundlegend zur Genesung geführt hat; ob es die Therapien waren, die Fachgespräche, die Begegnung mit Gleichgestellten, die Alltagsentlastung, ein Klimawechsel, die Gruppenarbeiten oder das Kennenlernen neuer Menschen usw.

Mir fehlte im konkreten Fall von Frau P. die „Annäherung von innen“, die Grundhaltung in der Begegnung.

Diese scheint oft zu fehlen, denn psychisch kranke Menschen neigen oft durch Verunsicherung, Angst, und Schmerz dazu, ihre Lebenskrise abzuwehren statt zu nutzen. Dabei werden sie vom Behandlungsteam noch in den meisten Belangen unterstützt.

Ich behaupte: ein Irrtum! (Auch wenn das sicherlich leichter geschrieben als getan ist).

Die Grundlage für jede Hilfs- und Veränderungsaktion ist es, die Lebenskrise zu verstehen zu lernen und dann Lösungsansätze zu finden. Vorerst muss der/die Betroffene* sein* bzw. ihr* Selbstvertrauen und die Hoffnung wiedergewinnen.

Wie gestalte ich diese Begegnung? Durch Einfühlen in die betroffene Person? Das geht leider nicht, denn ich kann nur erfahren, wie sich Betroffene fühlen, wenn ich mir vorstelle, selbst in demselben Zustand zu sein.

Ein Ansatz, eine solche Begegnung zu gestalten, findet sich in der vor gut 20 Jahren in Amerika von psychisch Betroffenen gegründeten Recovery-Bewegung; einem Modell, in welchem nicht primär die Symptomatik behandelt wird, sondern Selbstbestimmung, Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gefördert werden. Unterstützt wird hierbei das Behandlungsteam von sogenannten «Peers», also Experten* und Expertinnen*, welche selbst Erfahrungen mit psychischen Leiden gemacht haben. Diese sind speziell ausgebildet und können Betroffene* mit Ratschlägen unterstützen und begleiten. Dies erscheint mir sinnvoller.

Was lässt sich also zum Abschluss sagen? Professionelle* wollen meist die Patienten* und Patientinnen* besser verstehen. Dabei sollte unser Ziel doch viel mehr sein, dass der Patient* bzw. die Patientin* sich selbst besser versteht – auf dem Umweg über ein Behandlungsteam. Ich muss also seine Lebenskrise reflektieren, damit meine Haltung zwangsläufig zum Modell für den Patienten* bzw. die Patientin* wird; damit er* oder sie* beginnt, sich zu fragen, was er bei sich ändern muss. Und das geschieht durch eine „Symptombehandlung“ bloss beiläufig; so wohl auch im Fall von Frau P..

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 2: Persönliche Erfahrungen

Zu den Höhen und Tiefen des Pflegealltags und dem Thema „Stigmatisierung“

cof

Lieblingsgetränk: Immer noch Apfelsaft :)

 

G: Wie steht es um die psychische Arbeitsbelastung für Pflegefachpersonen Psychiatrie?

V: Im Allgemeinen ist die Belastung in einer Psychiatrie recht hoch. Beispielweise im Akutbereich, in welchem es Betroffene* mit schweren Psychosen oder in einer akuten Manie gibt oder auch Patient*innen, die sich sehr aggressiv verhalten oder gar suizidgefährdet sind, kann es durchaus vorkommen, dass an einem Tag mehr als eine Behandlung gegen den Willen des Patienten durchgeführt wird.

 

G: Inwiefern führt denn das zu dieser Belastung?

V: Es ist sehr belastend für einen Patienten* oder eine Patientin* gegen den eigenen Willen auf eine geschlossene Station eingeliefert zu werden. Das stelle ich mir zumindest so vor. Jemand hämmert gegen die Türe, es wird herumgeschrien, das Team wartet auf die Polizei – das ist einfach nicht sonderlich angenehm, von aussen mitzuerleben und führt auch zu einer hohen Belastung, besonders für Pflegende mit geringer Erfahrung.

Suizide innerhalb der Klinik sind psychisch sehr belastend. Früher gab es dies in den Kliniken noch häufiger, heute hat dies abgenommen.

 

G: Eine Frage hierzu: Würde man nicht alle Gegenstände, die man potenziell zur Umsetzung suizidaler Absichten benutzen könnte, entfernen, sodass das eigentlich gar nicht vorkommen sollte?

V: Ich denke, früher schickte man psychisch Kranke häufiger und länger in die geschlossene Abteilung. Heute scheint mir die Tendenz eher dahingehend zu sein, kurze Intensivaufenthalte in einem geschlossenen Zimmer durchzuführen. In diesem Zimmer sind dann sämtliche Gegenstände entfernt worden, abgesehen von einer Bodenmatratze und einer Decke sowie einem WC, welches fix montiert ist. Zum Essen erhält der Patient* oder die Patientin* einen Löffel und einen Kartonteller. Bekleidet sind sie mit einem Trainingsanzug. Das ist das Minimum, das abgegeben werden muss. So lässt sich das Risiko natürlich insgesamt schon einmal minimieren.

Ich erlebte Suizidversuche, beispielsweise durch Strangulation oder mit einem Sprung aus dem Fenster. Und diese Ereignisse gehen wirklich „unter die Haut“; nicht zuletzt auch deshalb, weil ich natürlich eine gewisse Verantwortung trage und mir dann jeweils die Frage stelle, ob ich dies hätte verhindern können. Ich selbst musste aber lernen, dass man einen Suizid nie komplett verhindern kann – nirgendwo. Auch wir nicht. Ansonsten müsste eine rund-um-die-Uhr Überwachung mit Sichtkontakt sichergestellt werden. Und das ergibt keinen Sinn.

 

G: Wie geht das Pflegepersonal mit solchen Situationen um?

V: Früher sprach man da nicht wirklich darüber. Ich musste es einfach irgendwie auszuhalten lernen, einen Weg finden, das Ganze für mich selbst zu verarbeiten. Mittlerweile gibt es aber Teams, die nach solch einem Vorfall zusammenkommen, auch mit den Patient*innen auf den Stationen, um darüber zu reden. Diese Gespräche werden hierbei ärztlich begleitet. Da ist es natürlich hilfreich, wenn jemand schon gewisse Erfahrungen im Umgang mit solchen Situationen gemacht hat. Diese Person kann dann den anderen mitteilen, wie es ihr dabei ergangen ist, auch wenn es etwas morbid klingt.

 

G: Gibt es noch andere Quellen von Belastung für das Pflegepersonal?

V: Da gehören sicherlich Personalengpässe dazu: Wenn Personal auf andere Stationen abgezogen wird oder Stellen unbesetzt bleiben, sei es, weil diese vakant sind oder weil die betreffenden Personen beispielsweise in den Ferien oder an einer Weiterbildung sind. Dann nimmt der Zeitdruck zu, ich muss im Verhältnis mehr Verantwortung übernehmen und das führt zu einer grösseren Belastung, besonders auf Stationen, wo die Betreuung intensiv ist. Daraus resultiert auch, dass vermehrt Fehler passieren und unter Umständen sogar eine sogenannte «gefährliche Pflege» die Konsequenz ist: Dass ich nur noch für das Allernötigste sorgen kann, was zu Risiken von Schäden der Betroffenen* führen kann. Ein Beispiel hierfür, das aber sehr selten vorkommt, wäre, wenn jemand an einem Gurtenbett fixiert ist. Das ist schon für sich ein absoluter Ausnahmefall. Auf jeden Fall gehört dort aber eine Sitzwache dazu, die die betroffene Person ständig überwacht und begleitet. Ich habe Situationen erlebt, in denen diese Sitzwache gefehlt hat und jemand einfach jede Viertelstunde einmal vorbeikam, um nach dem bzw. der Betroffenen* zu schauen. Und das ist schlicht falsch. Eine solche Fahrlässigkeit kann sogar rechtlich verfolgt werden.

Je nach Teamzusammensetzung gibt es natürlich auch einfach personelle Konflikte, wenn es Anspannungen im Team gibt. Diese Zeit, die ich da verschwende, sollte eigentlich den Patient*innen zukommen.

Nicht zu unterschätzen sind auch die unregelmässigen Arbeitszeiten. Als Pflegefachmann oder Pflegefachfrau bin ich rund um die Uhr tätig. Dadurch kann der eigene Tag-Nacht-Rhythmus unterbrochen werden, Mahlzeiten verschieben sich und die sozialen Kontakte leiden, weil ich beispielsweise am Morgen frei habe, während Freunde oder Angehörige arbeiten; oder aber ich habe dann am Wochenende Dienst.

Zuletzt kann es auch belastend sein, Patient*innen zu behandeln, bei welchen ein Klinikaufenthalt nur sehr geringe Wirkung zeigt; bei schwer Depressiven, beispielsweise, die eine sehr lange Genesungsphase haben.

 

G: Auf deine letzte Aussage bezugnehmend: Kann das belastend sein, weil diese Personen einfach so lange da sind oder aber, weil man vielleicht das Gefühl hat, etwas falsch zu machen?

V: Es kann belastend sein, wenn sich trotz verschiedenen Therapieversuchen kaum ein sichtbarer Erfolg einstellt.  Dies zerrt an den eigenen Kräften. Vielleicht glaube ich aber auch nur, dass meine Bemühungen keine Wirkung zeigen. Trotzdem gibt es einzelne Patient*innen, die drei, vier oder gar fünf Monate hospitalisiert sind und fast nicht vorankommen. Besonders bei schwer depressiven Patient*innen hatte ich persönlich das Gefühl, dass sich eine Art Vakuum bildet, das dir selbst viel Energie raubt. Es gibt tatsächlich auch Pflegepersonal, das nicht mit depressiven Personen umgehen kann, gerade weil sie dies schlicht nicht ertragen.

 

G: Hast du eine Ahnung, weshalb das so sein könnte?

V: Ich denke, es gibt einfach für jeden eine Klientel, welche dir mehr oder weniger zusagt. Z.B. im Intensivbereich, wo es oft ein steter Betrieb ist, kann es sehr spannend sein, zu arbeiten. Wenn ich aber oft „den Motor anwerfen“ muss, kann dies auf die Dauer kräfteraubend sein.

 

G: Wie stehst du zum Thema Stigmatisierung von psychisch Kranken?

V: Vorurteile gegenüber psychisch Kranken erschweren die Behandlung massiv. Sie sind gehemmter Hilfe zu suchen und zu sagen: «Ich habe ein psychisches Problem». Es erschwert auch die Akzeptanz einer Diagnose und die Mitarbeit in der Behandlung.

 

G: Wieso denn genau? Weil sich betroffene Personen gar nicht erst melden, weil sie Vorbehalte haben oder wegen etwas anderem?

Prinzipiell wehren sich Betroffene nicht gegen eine Behandlung. Vorurteile lasten aber wie eine zweite Krankheit auf der betroffenen Person. Es ist aber auch möglich, dass sie aus Scham erst spät oder gar keine Hilfe akzeptieren.

Natürlich können solche Vorurteile auch im Freundeskreis oder bei der Arbeit belastend wirken. Viele wissen nicht, wie sie mit solchen Betroffenen* umgehen sollen und die betroffene Person selbst fühlt sich dann nicht verstanden. Andererseits ist es nicht einfach, damit umzugehen, dies dürfen man nicht vergessen.

Nicht zuletzt können so bei Betroffenen suizidale Tendenzen verstärkt werden, gerade wegen der oben genannten Gründe.

 

G: Gibt es bestimmte Vorurteile gegenüber psychisch Kranken oder einer psychiatrischen Klinik, die du selbst als widerlegt siehst?

V: Ein Vorurteil, das ich überhaupt nicht bestätigt gesehen habe, ist, dass psychisch Kranke sehr häufig Gewalt- oder Sexualstraftäter sind. Das wird in den Medien häufig in denselben Topf geworfen und das stimmt mich persönlich sehr traurig.

 

G: Ich denke, man hat halt auch unter den psychisch Kranken einfach das ganze Menschenspektrum. Klar kann es da auch Straftäter darunter haben, aber nicht jede*r psychisch Kranke*r ist auch ein*e Straftäter*in.

V: Das ist sicherlich so. Studien zeigen, dass innerhalb einer Klinik nicht prozentual mehr Straftäter*innen gibt oder mehr Gewalt stattfindet als ausserhalb einer Klinik.

Auch die Aussagen, dass psychisch Kranke Simulant*innen oder Schmarotzer*innen seien oder dass Betroffene* nur eine IV-Rente erreichen wollen, sind einfach nur verletzend.

 

G: Hat man dann auch noch eine IV-Rente ist man ja gleich doppelt stigmatisiert.

V: Genau.

Ein weiteres Vorurteil, dem ich häufig begegnet bin, ist, dass psychisch Kranke im Gesundheitswesen hohe Kosten verursachen. Nun, im Gesundheitswesen ist nichts mehr günstig. In einer Klinik gibt es dazu auch nicht solch teure Untersuchungen wie in einem allgemeinen Spital. Klar, die Personalkosten sind hoch, jedoch im Vergleich nicht höher als in einem allgemeinen Spital. Die Kosten medikamentöser Behandlungen sind nicht ausgenommen und sind im allgemeinen Rahmen.

Bei diesem Thema bleibend: Ein weiteres Stigma ist, dass Betroffene* mit Medikamenten nur ruhiggestellt würden. Ja, sie werden auch ruhiggestellt, aber dafür muss auch ein entsprechendes Ziel und Problem vorhanden sein, um grossen Leidensdruck zu lindern. Stell dir vor, jemand hat starke Verfolgungsängste: Es macht durchaus Sinn, in dem Moment ein Medikament so zu dosieren, dass die betroffene Person zumindest für eine Weile entspannt ist. Dass aber einfach alle «runtergespritzt» werden, stimmt schlicht nicht.

Hierzu passt auch die Aussage: «Psychopharmaka machen abhängig». Das stimmt nicht, denn Psychopharmaka sind nicht wie Beruhigungs- oder Schmerzmittel, die abhängig machen.

Zuletzt noch: Etwas, das auch so gut wie gar nicht mehr vorkommt, sind Elektrobehandlungen. Ich begleitete diese einst vor 30 Jahren, heute aber werden entsprechende Krankheiten medikamentös therapiert. Trotzdem hält sich dieses Bild weiterhin hartnäckig in den Köpfen der Bevölkerung.

 

G: Nun die Gegenfrage: Gibt es Vorurteile, die du bestätigt gesehen hast?

V: Beispielsweise die Aussage, dass Betroffene* gegen ihren Willen behandelt werden. Dies ist die letzte Massnahme, die ein Behandlungsteam ergreift, aber sie wird ab und an ergriffen. Bis es so weit kommt, versucht das Behandlungsteam allerdings die Mitarbeit des Patienten* oder der Patientin* zu gewinnen. Schliesslich müssen für eine Behandlung gegen den Willen des/ der Betroffenen* triftige Gründe vorliegen und die Behandlung muss auch rechtlich abgesichert sein. Die Gesetzgebung wurde in den letzten Jahren wirklich zu Gunsten des Klienten*/ der Klientin* verschärft. Heutzutage muss ein Arzt eine fürsorgliche Unterbringung beantragen und das Familiengericht muss dann eine Entscheidung treffen. Ohne diese kann jemand auf ärztlichen Entscheid hin lediglich 72 Stunden gegen seinen Willen in einer Klinik zurückgehalten werden. Anschliessend muss die betroffene Person ansonsten entlassen werden.

Was auch stimmt, ist, dass es überfordertes und ungeeignetes Personal innerhalb der Klinik gibt. In meiner Laufbahn habe ich mit Personen zusammengearbeitet, die besser nicht dort gearbeitet hätten, weil ihnen das Gespür für psychisch kranke Menschen fehlte. Das Machtgefälle kann auch  immer ein Problem sein. Es gab Angestellte*, die überfordert waren und ihre Macht ausnutzten, die auch physisch beispielsweise in einem Zimmer von oben auf den Patienten* oder die Patientin* hinabschauten. Für mich war es immer wichtig, mit dem Patienten* oder der Patientin* auf gleicher Ebene zu reden; mich auch physisch hinzuknien, wenn es sein musste, oder auf den Boden zu setzen, damit ich nicht auf sie hinabschaute.

Es gäbe sicherlich auch noch andere bestätigte Vorurteile, aber das sind die, die mir selbst eingefallen sind.

 

G: Was rätst du jemandem, der sich überlegt, in eine Klinik zu gehen?

V: Betroffene* sollten sich zuerst fragen, was sie verlieren können, wenn sie in eine Institution eintreten. Persönlich denke ich, dass man nichts verlieren, sondern nur eine Erfahrung gewinnen kann. Dazu ist eine vorzeitige Abklärung sicherlich vorteilhaft; das bedingt auch nicht, dass man sich gleich stationär einweisen lassen muss.

Es ist sicher schwer für den Betroffenen* bzw. die Betroffene*, wenn er* oder sie* selbst entscheiden muss, ob er* oder sie* sich einweisen lassen möchte. Da stehen einem viele Vorurteile gegenüber und das macht eine Entscheidung schwierig. Es gibt Betroffene*, die deshalb lange unbehandelt bleiben und das wirkt sich ungünstig auf die Genesung aus. Deshalb: Betroffene* sollten sich, wenn möglich, nicht von Vorurteilen in ihrer Entscheidung beeinträchtigen lassen, denn eine frühzeitige Abklärung und Behandlung erhöht die Heilungschancen wesentlich.

Deshalb sollten betroffene Personen sich zuerst in ihrem Umfeld umsehen: Gibt es vielleicht gute Freund*innen, Vertrauenspersonen, einen Hausarzt* oder Hausärztin*, an die man sich wenden könnte und was würden sie mir empfehlen? Hier ist es natürlich wichtig, dass die betroffene Person ihre Probleme offen und genau ansprechen kann. Man kann beispielsweise mit dem Hausarzt* oder der Hausärztin* darüber beraten, ob vielleicht eine ambulante Behandlung eine Option ist. Auch ist es möglich, die Klinik vorab zu besichtigen. Dies kann ich eigentlich jedem nur empfehlen. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass die meisten Menschen freiwillig in eine Klinik eintreten und bei einem solchen kann man jederzeit wieder austreten.

Eine fürsorgerische Unterbringung wird dagegen wirklich nur in Ausnahmefällen beantragt; z.B., wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt.

 

G: Gab es in deiner Pflegelaufbahn besonders schöne Momente?

V: Es gab vor allem lustige Momente. Einmal kam ich beispielsweise in ein Zimmer rein und eine Patientin war gerade dabei, ihrer Kollegin Lockenwickler in die Haare zu drehen. Ich fragte dann: «Und wann komme ich dran?». Das war schon recht lustig.

Auf der Geriatrie passierte einmal etwas Ähnliches. Nur leider hat die betreffende Person dort die Lockenwickler verkehrt eingewickelt und ihre Kollegin sah dann etwa aus wie ein Pudel.

Humor gehört dazu. Manchmal ist es zwar vielleicht ein etwas tragischer. Eines Morgens warf beispielsweise ein älterer Patient Brotstücke gegen das Bettgitter eines Mitpatienten. Als ich ihn daraufhin fragte, was er da tue, meinte er: «Ja, aber der Löwe braucht doch etwas zu essen». Er meinte wohl, er sei im Zoo.

Ein weiteres, dieses Mal aber schönes Erlebnis: Einmal war auf unserer Station eine Patientin in eine Krise geraten und weinte. Während des Gesprächs, das ich mit ihr führte, suchte sie Taschentücher und konnte keine finden. Ich schenkte ihr mein Taschentuch (Natürlich sauber und frisch gebügelt).

Einige Jahre später kam sie wieder für eine Behandlung in die Klinik. Leider erkannte ich sie nicht gleich, aber sie erzählte mir dann diese Geschichte und dass sie mein Taschentuch aufgehoben habe.

Eine weitere Patientin strickte einen Pullover, aber es fehlte ihr dafür eine spezielle Stricknadel. Ich durchkämmte mehrere Stationen und wurde so schliesslich fündig. Sie freute sich sehr und bei ihrem Austritt schenkte sie mir himmelblaue Bettsocken, welche sie noch gestrickt hatte (Ich habe sie allerdings nie getragen!).

 

G: Was kann gegen die vorherrschende Stigmatisierung psychisch Kranker vorgenommen werden?

V: Das ist natürlich nicht ganz einfach. Wichtig ist sicherlich, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren – Informationen über den heutigen Aufenthalt in einer Klinik und allgemeine Behandlungsmöglichkeiten zu verbreiten. Tage der offenen Tür oder die Aktionstage psychische Gesundheit, Bazare oder Märkte sind sicherlich auch eine gute Möglichkeit, die wir unterstützen müssen. Eine Idee wäre es auch, negative Schlagzeilen in einer Zeitung mit einem Leserbrief zu beantworten. Oder im Bus [beispielsweise auf den BSU-Linien in und um Solothurn] gibt es ja auch diese kleinen Bildschirme, auf denen Werbung gezeigt wird – wieso nicht dort einmal Infos zu psychischen Krankheiten aufschalten?

Grundsätzlich finde ich, dass wir die Arbeitsgeber*innen, Vorgesetze* usw. mehr für das Thema sensibilisieren müssen; dass wir auch in den Schulen ein Modul oder etwas in der Art anbieten sollten, um so schon früh ein Bewusstsein für die Thematik und ein gutes Versorgungssystem zu schaffen.

Etwas, das ich auch sehr gut finde, sind Selbsthilfegruppen für Betroffene* wie für Angehörige*. Das kann für beide Seiten ein Gewinn sein.

 

G: Was für eine Tendenz siehst du in Bezug auf psychische Krankheiten, die Stigmatisierung, Behandlungen etc.?

V: Ich persönlich denke, dass die Anzahl der Klinikaufenthalte insgesamt steigen, die Dauer des Aufenthalts aber sinken wird.

Die ambulante Versorgung wird sicherlich auch deutlich zunehmen. Das, finde ich, ist eine gute Zwischenlösung, da Betroffene so mehr Verantwortung übernehmen müssen. Psychiatrische Stationen werden in allgemeine Spitäler integriert; viele Betroffene fühlen sich hier befreiter als an einen Ort, der explizit mit «Psychiatrie» angeschrieben ist.

Ich persönlich denke auch, dass es zwar einen harzigen Abbau der Stigmatisierung geben wird – aber dass es ihn dennoch geben wird. Meine Begründung hierfür ist vielleicht etwas merkwürdig: Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck wird zunehmen. Das wird mehr und mehr Menschen überfordern und psychische Krankheiten werden deshalb immer mehr Menschen betreffen. Gerade weil diese Krankheiten also verbreiteter sein werden, werden sie wahrscheinlich auch eher akzeptiert werden. Entsprechend werden Betroffene* sich viel häufiger finden.

 

Bald gibt es den dritten und letzten Beitrag in dieser dreiteiligen Mini-Serie: „Alltag und Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – ein ehemaliger Pfleger erzählt“. V* wird im letzten Beitrag beispielhaft die Betreuung eines Falls schildern, wie dieser in seiner Karriere hätte vorgekommen sein. 

„Warum werde ich schief angesehen, wenn ich genauso offen über eine Panikattacke oder meine Therapie spreche wie über eine Erkältung?“

Über die Angst, als „verrückt“ zu gelten und die Bemühung, dem Stigma entgegenzuwirken

Tatjana

Lieblingsgetränk: Rooibostee

Vor anderthalb Jahren ist meine Angsterkrankung aufgetaucht, hat mich bewusstlos geschlagen und sich meines Lebens bemächtigt. Den Großteil jeden Tages verbrachte ich auf dem Sofa und weinte in meine Popcornschüssel. Alles schien vorbei zu sein – meine beruflichen Ziele; meine Reisewünsche, meine Träume und Ideen – alle nicht mehr umsetzbar. Wie denn auch, wenn ich mich nicht mehr aus dem Haus wagte, nicht mehr arbeiten, nicht mehr hoffen konnte?

Jeder neue Tag brachte eine weitere Panikattacke, oder doch zumindest Angstzustände und dieses übermächtige Gefühl, den Verstand zu verlieren – wenn die Angsterkrankung aus dem Nichts über mich hereinbrechen konnte, was konnte mir noch zustoßen? Mein Hirn trieb das Gedankenkarussell immer weiter munter an.

Die Symptome während der Panikattacken waren kaum auszuhalten – einem oder einer Betroffenen muss ich das wohl nicht erklären. An alle, die das Glück haben, noch nie eine Panikattacke durchgemacht zu haben: Nichts ist übertrieben oder gespielt, wenn euch ein Betroffener oder eine Betroffene sagt, er oder sie hätte das Gefühl, zu sterben.

Nebst diesen Symptomen musste ich mit einer weiteren Hürde fertig werden: dem „So-tun-als-ob“.

In den ersten Wochen meiner Erkrankung wusste bloß mein Freund, was mit mir los war. Für alle anderen da draußen trug ich die heile Maske: für Familie, Freund, Bekannte, Vorgesetzte, Fremde.

Die Wahrheit zugeben? Das klang für mich zu sehr nach Eigentor.

Bis dahin war ich ein fester Baustein in der allgemeinen Auffassung, dass Menschen, deren Psyche Sprünge und Risse hatte, nicht „normal“ waren. Das waren die Irren, die Ausgestoßenen. Die „sind doch verrückt“, die haben „nicht mehr alle Tassen im Schrank“, „eine Schraube locker“. Wir kennen so viele Redewendungen, mit denen wir einen psychisch erkrankten Menschen beschreiben, aber wir kennen so wenig Fakten über die Krankheiten und die Erkrankten.

Ich hatte Angst.

Ich hatte Angst vor dem „jetzt stell‘ dich doch nicht so an, was willst du denn? Dir geht’s doch gut!“

Ich hatte Angst vor peinlich berührten Blicken, sobald das Wort „Therapie“ fallen würde.

Ich hatte Angst davor, Freundschaften zu verlieren und von Kollegen und Kolleginnen nicht mehr für belastbar gehalten zu werden.

Ich hatte Angst vor Vorurteilen, die ich bis dahin selbst hatte.

„Und was dann?“, fragt mich meine Therapeutin häufig, wenn ich mich in negativen Gedankenschleifen verirre. Wenn ich ehrlich von meiner Erkrankung erzählte – würden mich die anderen für verrückt halten? „Und dann?“ Dann würden sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. „Und dann?“ Dann wäre ich allein. Aber: „Wollen Sie lieber die Gesellschaft von Menschen, für die Sie sich verstellen müssen? Menschen, die Sie eigentlich nicht akzeptieren würden?“

 

Meine Familie reagierte entspannt auf meine Schilderungen – warum sollte sie auch nicht? Was hatte ich bloß erwartet? Meine Chefin hatte Verständnis. Niemand lachte mich aus, oder zeigte mit dem Finger auf mich. Das war gut. Ich hatte das Gefühl, mit jedem Mal, wenn ich ehrlich über meinen Zustand gesprochen hatte, freier atmen zu können.

Das Risiko für Panikattacken nimmt bei mir proportional zu dem Druck zu, den ich verspüre. Die Ironie ist, dass ich selten durch äußere Einflüsse unter immensen Druck gerate. Ich bin ein sehr entspannter Mensch. Der Druck, der mir zu schaffen macht, entspringt meinem eigenen Kopf. Ich dachte, ich müsste meinen Gesundheitszustand verschweigen. Müsste schauspielern und dürfte auf keinen Fall auf mich aufmerksam machen. Dabei saß mir stets diese unglaubliche Angst im Nacken, ich könnte mich verraten. Sie schwoll in meiner Brust zu einem riesigen Ballon, der mir das Atmen schwermachte und mein Herz rasen ließ.

Das fühlte sich so überwältigend an. Und falsch. Richtig falsch, mächtig unfair. Da hatte ich nun diese Erkrankung, mit der ich zurechtkommen sollte. Und als Bonus gab es noch die Befürchtung, als Verrückte abgestempelt zu werden. Es ist schwer, aus diesem Gedankenkreis herauszubrechen. Doch irgendwann wollte ich einfach nicht mehr nur das Opfer sein. Im Umgang mit und am Verständnis von psychischen Erkrankungen muss sich so viel ändern. Diese ganzen Vorurteile und Berührungsängste – wie viel unnötigen Schmerz, Druck, wie viele Sorgen und schlaflose Grübelnächte sie verursachen. Warum werde ich schief angesehen, wenn ich genauso offen über eine Panikattacke oder meine Therapie spreche wie über eine Erkältung? Warum muss man sich rechtfertigen, wenn die Psyche eine Krankschreibung erfordert?

Das passte für mich nicht zusammen und daher habe ich beschlossen, in kleinen Schritten mit der Wahrheit rauszurücken. Ich weihte Freunde und Freundinnen ein, wenn das Thema aufkam. Kollegen und Kolleginnen. In Bewerbungsgesprächen erklärte ich meine letzte Kündigung nicht mit Ausreden, sondern eben damit, dass ich krank war. Dass meine Angsterkrankung mich dazu gezwungen hatte, mich selbst in den Vordergrund zu stellen und eine Auszeit zu nehmen.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Meist scheint mein Gegenüber erschrocken, verlegen, es folgt ein kurzer Blick zu Boden, dann Themenwechsel. Gelegentlich höre ich ein überraschtes „Aber du bist doch immer so fröhlich!“. Ein Vorgesetzter hat mich lachend gefragt, ob ich denn etwa Angst vor meinem alten Arbeitgeber gehabt hätte – vermutlich lustig gemeint, aber ein Gefühl sagt mir, dass er über einen Rheumapatienten keine Scherze gemacht hätte.

Wenn mein Gesprächspartner oder meine Gesprächspartnerin mehr über die Erkrankung wissen will, dann erzähle ich gern. Aufzwingen will ich mich niemandem, aber bei ehrlichem Interesse will ich dabei helfen, vielleicht ein Vorurteil mehr aus der Welt zu schaffen.

 

Heute fühle ich mich freier. Ich erinnere mich so oft es geht daran, dass ich meine Erkrankung nicht verheimlichen muss. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund und dem Ballon in meinem Inneren ist die Luft beinahe ausgegangen.

Es ist jedes Mal eine Überwindung, ehrlich zu sein und ich schaffe es noch längst nicht immer, die Ausflüchte zu vermeiden. Vermutlich werde ich jedes Mal noch knallrot im Gesicht. Ich muss mich dazu überwinden, meinem Gesprächspartner oder meiner Gesprächspartnerin in die Augen zu sehen, anstatt mit meinem Blick in Richtung Boden abzudriften – als würde ich gerade etwas gestehen, dessen ich mich schämen müsste. Die Vorurteile, mit denen ich aufgewachsen bin und gegen die ich heute kämpfe, sind noch immer tief in meinen Zellen begraben. So einfach lassen sie sich nicht herauswaschen – leider. Hätte ich sie nicht im Hinterkopf, wäre der offene Umgang mit meiner Erkrankung viel einfacher.  Aber mir wird übel, wenn ich an alle Tabus denke, die Menschen mit psychischen Erkrankungen das Leben noch weiter erschweren. Was soll die Stigmatisierung? Sind wir nicht längst darüber hinausgewachsen?

Je öfter ich mich im Alltag dazu überwinde, desto leichter fällt es mir. Und letzten Endes ist es wie mit dem Umgang mit der Angst – je öfter ich mich traue, desto kleiner erscheint die Bedrohung.

 

Gastbeitrag der Verfasserin des Blogs „TROTZDEM ICH“.
Besucht doch mal ihre Webseite, auf welcher sie über ihre Angsterkrankung spricht – und so versucht, das Schweigen und Stigma, welches psychischen Krankheiten nach wie vor anhaftet, zu brechen: https://trotzdemich.wordpress.com

30 Follower – vielen Dank! (+kurzes Update)

Dankeschön!

Wow, seit heute zählt Daily Cup of Madness 30 Follower!

Für die einen ist das vielleicht nicht viel, doch ich freue mich über jeden, der begeistert oder interessiert genug war, um den „Folgen“-Button zu drücken. Egal, ob ihr regelmässige Leser seid oder einfach ab und zu mal reinschaltet: An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!

Hinter jeder der hier präsentierten Beiträge steckt eine Geschichte. Ich freue mich und fühle mich geehrt, wie viele Menschen sich bereits bereiterklärt haben, eben jene Geschichte mit mir zu teilen, mir ihre Beiträge geschickt haben oder mich ganz unverfänglich auf einen Kaffee getroffen haben. Deshalb auch an euch: Merci! Ihr seid das Rückgrat dieser Seite und ohne euch würde hier nichts laufen.

Falls es nun den einen oder anderen unter meinen Leser*innen, der oder die auch gerne etwas teilen möchte: Kontaktiert mich doch – ich würde mich freuen, auch eure Geschichte hier zeigen zu dürfen (und bin natürlich auch glücklich, wenn’s mit dem Blog noch etwas weitergeht!)

 

Zwei Beiträge in Bearbeitung

Wie der Titel schon sagt: Zwei Beiträge sind momentan in Bearbeitung. Ende dieser oder anfangs nächste Woche gibt’s einen Gastbeitrag der Verfasserin des Blogs „TROTZDEM ICH – Alltag mit Angststörung“.  Darin geht’s um ihren Umgang mit ihrer Angststörung, den Kampf damit, Vorurteile abzubauen und einen offenen und ehrlichen Umgang mit der eigenen Krankheit zu finden – starke Worte von einer starken Frau. Wer jetzt schon nicht warten mag, der soll doch einen Blick auf ihre Seite werfen – es lohnt sich!: https://trotzdemich.wordpress.com/

Mitte November gibt’s dann den zweiten Beitrag in der Serie: „Alltag und Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – eine ehemalige Pflegefachperson erzählt“. Dieses Mal geht’s um Vorurteile bezüglich psychischen Krankheiten und psychiatrischer Institutionen  – welche kann V* bestätigen, welche denkt V*, dass sie zurückgewiesen werden können? -, traurige und schöne Erlebnisse als Pflegefachperson, die Arbeitsbelastung im Alltag und was V* denjenigen Personen ratet, die sich überlegen, in eine psychiatrische Klinik zu gehen.

 

Neues Logo

Hierzu gibt’s nicht allzu viel zu sagen. Die einen haben’s vielleicht schon bemerkt – Daily Cup of Madness hat ein neues Logo. Nicht mehr ein Gekritzel von mir, sondern eben: Tatsächlich was semi-professionelles. Wohoo!

 

Bis die Tage, ich freue mich wie immer auf Rückmeldungen!

Alles Liebe

G.

 

Eine ehemalige Pflegefachperson Psychiatrie erzählt, Teil 1: Strukturen und ein beispielhafter Dienstablauf

Was ist eine Klinik, wer arbeitet dort – ein Perspektivenwechsel

cof

Lieblingsgetränk: Unterschiedlich; zum Zeitpunkt dieses Gesprächs aber Apfelsaft

[V. ist seit einiger Zeit pensioniert und war das letzte Mal vor zwei Jahren in der Klinik, in der er über 30 Jahre arbeitete. V. möchte betonen, dass dies hier seine Sichtweise und seine Erfahrungen sind – und die mögen an anderen Orten anders ausfallen.]

Von verschiedenen Stationen und Abteilungen: Wie eine Klinik im Grundsatz aussieht (oder aussehen könnte)

In der Klinik, in der ich arbeitete, gab es rund hundert, in Stationen unterteilte Betten. Es war ein übersichtlicher und familiärer Betrieb und die meisten Patient*innen kannten sich untereinander. Die Betten waren in freundliche, moderne Einer- und Zweierzimmer unterteilt und hatten nebst zeitgemässen sanitären Einrichtungen beispielsweise auch Internetanschluss innerhalb der Zimmer. Wenn ich das mit früher vergleiche, dann sind das Welten: Toiletten und Duschen waren da zum Beispiel in grossen, unfreundlichen Sälen mit 10 Betten und ohne Schutz der Privatsphäre untergebracht gewesen. Das hat sich definitiv wesentlich verändert.

Die einzelnen Stationen waren nun entweder offen, schliessbar oder geschlossen. Abhängig von der Krankheit und Behandlung des Patienten* bzw. der Patientin* wurde entschieden, auf welche Station dieser bzw. diese gelangt. In der geschlossenen Station wurden Personen mit akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, solche, die an einer akuten Psychose litten, oder aber Menschen, die abhängig waren von Suchtmitteln sowie psychogeriatrische Patient*innen behandelt. Im offenen Bereich wurden beispielsweise, solange nicht andere triftigere Gründe für eine Verschiebung auf eine andere Station vorlagen, Depressionen und Angstzustände behandelt und Kriseninterventionen vorgenommen. Die schliessbare Station war im Gegensatz zur offenen zwar grundsätzlich geschlossen, wurde aber täglich für Therapiebesuche und vereinbarte Ausgänge geöffnet. Hier behandelte man meistens diejenigen Personen, die in der geschlossenen Abteilung auf eine bestimmte Therapie angesprochen oder den Bezug zur Realität wiedergefunden hatten.

Früher gab es innerhalb der Station noch eine Trennung von Männern und Frauen. Das war vor rund 30 Jahren noch üblich. Heutzutage kann man sich das fast gar nicht mehr vorstellen. Ich habe die Aufhebung dieser Trennung noch miterlebt. Es ist eindrücklich, welch grosse Bedenken manche besonders der älteren Pflegefachpersonen bezüglich dieser Öffnung damals hatten. Diese Bedenken haben sich letzten Endes aber nicht bestätigt. Im Gegenteil: Ich würde sagen, dass sich insgesamt alles sehr entspannt hat.

Auf den einzelnen Stationen gab es nun es allgemeine Aufenthaltsräume, Räume für Schüler, Computerräume, Räume für Rapporte und Aufnahmegespräche, Pflege- und Arztbüros, sogar einen Fitnessraum, eine Bibliothek, eine Cafeteria und eine Ruheoase. Auch hier bestehen grosse Unterschiede zu früher: Heutzutage kann man in der Cafeteria essen, früher konnte man vielleicht gerade einmal einen Kaffee an einem Automaten rauslassen. Was ich mit diesem Vergleich sagen will: Heutzutage ist wirklich eine zeitgemässe Struktur vorhanden, mit der man so einen Betrieb auf einem guten Standard leiten kann.

In der Klinik, in der ich gearbeitet habe, gab es darüber hinaus auch eine Tagesklinik, in welcher jemanden eine Tagesstruktur gegeben werden und welche somit als Sprungbrett zwischen stationärem Aufenthalt und Entlassung dienen konnte. Betroffene lernten so, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen. Daneben gab es auch eine Notkrisenambulanz, bei der man sich in akuten Fällen direkt für ein Erstgespräch mit einer Beratung und vielleicht auch für ein Medikament melden konnte und welche Betroffene dann gegebenenfalls weiterleitete. Auch ein Ambulatorium, welches zur regelmässigen Kontrolle und für Befindlichkeitsgespräche sowie zur allfälligen Abgabe oder Verabreichung eines (Depo-)Medikaments diente, war der Klinik angegliedert.

Der Betrieb «Klinik»: Personelle Strukturen

Eine Klinik ist grundsätzlich eine Art von Betrieb wie jeder anderer. In ihr gibt es Pfleger*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen, Spezialtherapeut*innen – beispielsweise für Kunst- oder Ergotherapien – Seelsorger*innen, eine Sozialberatung, einen technischen Dienst, eine Hauswirtschaft und eine Küche sowie eine Verwaltung.  Generell sind alle in der Klinik Tätigen entweder ausgebildet oder befinden sich in Ausbildung. Das ist nicht mehr so wie früher, wo es teilweise Angestellte gab, die manchmal da, manchmal dort etwas erledigten. Unausgebildetes Hilfspersonal in dem Sinne gibt es also nicht mehr.

Vermehrt müssen ausserdem auch Dolmetscher eingesetzt werden. Häufig betreute ich Betroffene aus fremden Kulturen beziehungsweise Personen, die bloss Fremdsprachen beherrschten. Eine klare Verständigung ist da natürlich eine Grundvoraussetzung für eine adäquate Betreuung.

Vielseitige Arbeit: Aufgabenbereiche und Kompetenzen von Ärzten und Pflegefachpersonen

Die Ärzteschaft entscheidet grundsätzlich über den Eintritt oder Austritt einer Person und führt Eintrittsgespräche in Begleitung des Bezugspflegepersonals. Sie bestimmt auch die Stationszugehörigkeit. Des Weiteren erstellen sie Körper- und Psychostatus bei Eintretenden und verordnen (Spezial-)Therapien. Sie sind es auch, die allgemeine Kontrollen und Medikamente verordnen oder Ausgänge bewilligen. Nicht zuletzt dürfen die Ärzt*innen auch eine fürsorgerische Unterbringung einer Person anordnen. Letzteres kann durchaus zu heiklen Situationen führen.

Das Pflegepersonal unterstützt Patient*innen in den Aktivitäten des alltäglichen Lebens wie der Körperpflege, der Kleidung, beim Essen und Trinken, wenn es um Ruhe und Schlaf oder aber auch um das Thema Sinnfindung geht. Sie begleiten die Patient*innen darüber hinaus auch durch das für jede*n Patienten bzw. Patientin individuelle Wochenprogramm, das fixe Zeiten für Mahlzeiten, morgendliche Treffs, therapeutische Aktivitäten und anderes enthält. Des Weiteren führen sie auch verschiedene Aktivitäten wie beispielsweise kleinere Ausflüge durch. Nebst diesen Aufgaben übernimmt das Pflegepersonal auch kleinere medizinische Arbeiten wie Blutentnahmen, führt Vitalzeichenkontrolle durch oder das steckt Infusionen und gibt die von den Ärzt*innen verschriebenen Medikamente ab.

Wegweisend ist das Pflegepersonal bei Rapporten, Standortgesprächen und Chefarztvisiten, da sie dauernd in Beziehung mit den Betroffenen stehen und Veränderungen im Krankheitsverlauf wahrnehmen können. Die Bezugspflege erstellt zusammen mit dem*/der* Pflegeempfänger*in schliesslich auch eine Pflegeplanung. Diese beinhaltet 1-2 wohldefinierte Probleme sowie Ressourcen, eine Pflegediagnose, ein Pflegeziel, anzubringende Massnahmen und einen Pflegebericht. In letzterem wird festgehalten, wie die vereinbarten Massnahmen wirken. Jedes Ziel, das gestellt wird, muss letztlich relevant, messbar und erreichbar sein. Diese Dokumentation ist von hoher Wichtigkeit und könnte auch rechtlich genutzt werden.

Sowohl diese Ziele, Ressourcen usw. als auch die täglichen Leistungen wie Vitalzeichenkontrolle, Blutentnahmen oder kurze Gespräche müssen jeweils in der pflegerischen Leistungserfassung eingetragen werden.

Die Pflegefachperson – ein beispielhafter Dienstablauf auf offener Station aus der Sicht von V.:

Der Frühdienst beginnt mit einem Übergaberapport, dem Einlesen in die Planung und einer Arbeitsverteilung im Pflegeteam. Patient*innen werden geweckt und häufig finden Laborproben, Vitalzeichenkontrollen etc. statt.  Danach werden die von der Nachtwache gerichteten Medikamente von zwei Pflegefachpersonen kontrolliert.

Im Anschluss nehmen die Patient*innen ihr Frühstück ein.       Die zur Behandlung der meisten Patient*innen gehörenden Medikamente werden nach dem Frühstück einzeln im Büro abgegeben und mit einigen führt man dabei ein Kurzgespräch oder plant eines.

Anschliessend findet ein „Morgentreff“ mit allen stationären Patient*innen statt. Dieser wird von einer Pflegefachperson geleitet und dauert ca. 20 – 30 Minuten. Das Ziel dabei ist es, den Tag gleichzeitig und gemeinsam mit einem Thema (Fragespiel, Gedächtnistraining, aktuelles Thema etc.) zu beginnen und Kontakte und Beziehungen untereinander zu fördern. Parallel zum Morgentreff findet auch ein Ärzterapport statt und zuletzt wird ein Morgenspaziergang angeboten.

Heute sind zwei Eintritte gemeldet: Ein Ersteintitt und ein Wiedereintritt. Der Ersteintritt kommt in Begleitung einer Freundin. Zunächst führt nun der zuständige Arzt mit dem*/der* Eintretenden* ein Erstgespräch. Mit dabei sind die zuständige Bezugspflegeperson und die Freundin. Hier schildert der* oder die* Betroffene seine* bzw. ihre* Sorgen und wird dabei durch Fragen unterstützt. Wertvoll sind aber auch die Erfahrungen der Freundin. Der zuständige Fallarzt schlägt schliesslich eine dreiwöchige stationäre Behandlung auf offener Station vor, womit sich die betroffene Person einverstanden erklärt.

Der Arzt erhebt anschliessend einen Psychostatus und verordnet Spezialtherapien und Medikamente in Reserve bei Schlafstörungen. Für die Bezugspflege ist hier für die Dauer der Behandlung wichtig, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, zu halten und bei Ausritt wieder beenden zu können.

Der*/ die* Patient*in wird nach dem Gespräch dann durch die Station geführt und es werden ihm*/ ihr* die allgemeinen Regeln erklärt. Wir vereinbaren danach für den Nachmittag ein erstes Bezugspflegefachgespräch, um gemeinsam ein Pflegeziel zu definieren. Weitere administrative Arbeiten bezüglich des Eintritts füllen den Rest des Morgens aus.

Nach dem Mittagessen evaluiere ich zwei Pflegeplanungen und führe ein weiteres Bezugspflegegespräch, was wir bei Sonnenschein auf einem Einzelspaziergang machen. Im Laufe des Nachmittags finde ich schliesslich eine Möglichkeit für eine kurze Spielgruppe, an der die Patienten teilnehmen können.

Plötzlich kommt ein Personennotruf von einer geschlossenen Station rein, d.h., eine andere Station benötigt sofort Hilfe. Ich halte also kurz Absprache darüber, wer die Station hütet, während der Rest des Pflegeteams sogleich rennt. Der Notfall: Ein Patient mit massiven Angstzuständen hat eine Pflegefachperson angegriffen. Die Situation kann aber zum Glück schliesslich sanft entschärft werden.

Nach diesem Notruf schreibe ich den Pflegeverlauf meiner Bezugspatient*innen ein und rapportiere dem Folgedienst das Nötigste, ehe ich meine Schicht beende.

Und dann, ja dann geht man nach Hause und trinkt einen Kaffee [lacht].

Exkurs zum Thema Therapien: Wieso das Arbeiten mit den Körper so wirksam sein kann

«Handlungen haben mehr Heilungserfolg als Gespräche, denn Gespräche können falsch verstanden werden», hat einmal ein italienischer Psychiater gesagt. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich diese Aussage eigentlich bestätigen.

Je nach Zielsetzung sind unterschiedliche Therapieformen angebracht. Nebst der Psychotherapie tragen Bewegungs- Ergo- und Kunsttherapie einen wesentlichen Beitrag zum Behandlungserfolg bei. In der Kunsttherapie ist das Ziel, die inneren und äusseren Bilder eines Menschen aus ihm hervorzubringen und sichtbar zu machen. Dazu bedient man sich zum Beispiel der Malerei oder arbeitet mit Stein oder Ton. Ganz wichtig ist hier, dass so die Sinnesorgane besser gereizt werden; der Fokus fliesst weg vom inneren Tumult und auf die äussere Wahrnehmung. Kunsttherapie kann auch dabei helfen, Geduld und Kreativität zu stärken und eigene Kraftquellen in sich zu entdecken.

Ich persönlich finde Bewegung auch einen sehr wichtigen Aspekt einer Therapie. Heutzutage sitzt man primär am Computer und tippt nur noch den ganzen Tag auf einer Tastatur. Man benutzt nur noch den Kopf. Die Bewegungstherapie kann hierbei helfen, den Fokus umzulenken. Bewegung hilft einem, zu entspannen und zur Ruhe zu kommen sowie den eigenen Rhythmus zu finden. Ich würde auch sagen, dass sowohl Bewegung als auch das handwerkliche Arbeiten helfen können, vielleicht wieder mehr den Sinn zu sehen, wenn dieser verloren gegangen ist.

Man kommt quasi wieder etwas auf den Boden zurück:

Man wird geerdeter; im Kopf und im Inneren.

 

Bleibt dran für den zweiten Beitrag, wo V. über die schönen und traurigen Seiten des Klinikalltags spricht, über die Belastung und Ansprüche an das Pflege- und Ärztepersonal, über Vorurteile, die er zurückweisen und solche, die er bestätigen kann und erfahrt unter anderem seine Meinung zum Problem der Stigmatisierung in einem dialogischen Gespräch.