«Wenn sie merkt, dass ich wieder gewisse Symptome zeige, dann erhöhe ich die Medikamente»

Leben und Beziehung mit einer schizoaffektiven Störung – ein Interview mit R* und seiner Partnerin D*

Lieblingsgetränk: Whisky Cola bzw. Energy Drink

R, Wir treffen uns heute bei dir zuhause anstatt in einem Café. Wieso eigentlich?

R: Ich bin in einem Café immer sehr schnell abgelenkt. Da kommen jeweils sehr viele Eindrücke rein und ich bin dann nicht bei der Sache. Deshalb wollte ich mich zuhause treffen: Hier bin ich geerdet und kann mich auf unser Gespräch konzentrieren.

Ist das eine Folge deiner Erkrankung?

R: Ich denke schon. Früher hatte ich das nicht so fest.

Apropos: Was lautet deine Diagnose denn und wie äussert sie sich?

R: Ich wurde mit einer schizoaffektiven Störung diagnostiziert. Das ist ein relativ kompliziertes Krankheitsbild, das sich in meinem Fall auf der einen Seite wie bei einer bipolaren Störung durch manische und depressive Phasen auszeichnet. In den manischen Phasen hat man ein grosses Selbstbewusstsein, das man ansonsten meist nicht hat. Man ist angetrieben, energiegeladen und kann sehr vieles erledigen. In den depressiven Anteilen ist man niedergeschlagen, möchte am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben und leidet teilweise auch unter Suizidgedanken. Dazu kommen Symptome einer Schizophrenie. Das merke ich vor allem dadurch, dass wenn die Krankheit stark ist, ich in einer Welt bin, die für mein Umfeld eigentlich nicht greifbar ist.

Inwiefern – und wie fühlt sich das an?

R: In dieser Welt passieren dann Dinge, die für einen wie real sind, die aber gegen aussen nicht echt sind. Man denkt sich Dinge aus und lebt fast wie in einer Parallelwelt.

Man hat auch sehr viele Themen im Kopf und denkt dann, das sei alles real. Ich dachte zum Beispiel mal, ich sei Ra, der Sonnengott, und hätte die Energie des Ra bekommen.

D, Partnerin von R: Es ist schräg und ein bisschen beängstigend, denn man merkt schon, dass dieses Verhalten jeweils nicht normal ist – das ist nicht die reale Welt.

Hattest du bereits deine Diagnose, R, als ihr euch beide kennengelernt habt? Hast du, D, jemals überlegt, ob du wirklich mit ihm zusammenkommen willst trotz dieser Erkrankung?

R: Ja, ich hatte die Diagnose bereits. Wir kennen uns schon lange, lernten uns aber erst besser kennen, als wir in der gleichen Gugge unterwegs waren. Ich sagte zuerst, ich wolle keine Beziehung und wolle sie zuerst kennenlernen und das war dann auch der richtige Schritt.

D: Ich wusste, dass er psychisch krank ist. Am Anfang merkte ich seine Erkrankung aber noch nicht so fest. Ich wusste auch nicht genau, welche Auswirkungen das haben würde. Aber für mich war das auch nie eine Frage. Ich wollte ihn einfach. Ich dachte, dass wir das schon meistern würden.

Eines Tages kam dann die erste Psychose, die ich miterlebte. Da war ich schon recht vor den Kopf gestossen. Ich wusste auch nicht, was ich tun sollte.

Was hast du dann in dem Moment getan?

D: Ich probierte zuerst, bei seinem Psychiater anzurufen. Leider war der in dem Moment gerade in den Ferien. Ich suchte dann Hilfe bei seiner Mutter, weil die das schon ein paar Mal miterlebt hatte und am ehesten wusste, wie ich reagieren sollte. Sie sagte mir, dass ich ihn in die Klinik bringen sollte.

Ich nehme an, du hast dann versucht, auf R zuzugehen und ihn in die Klinik zu bringen – wie war das für dich, R? Wolltest du überhaupt in die Klinik?

R: Nein, ich wollte früher nie in die Klinik gehen. Mittlerweile gehe ich freiwillig. Man muss dazu sagen, dass ich auch lange Zeit krankheitsuneinsichtig war. Ich führte ja zuerst ein völlig normales Leben, bis ich plötzlich so viele wahnhafte Gedanken hatte, dass man mich eigentlich gegen meinen Willen einweisen musste. Es dauerte dann etwa 10 Jahre, bis ich wirklich begriff, was meine Erkrankung für mein Leben bedeutete, und die Krankheit akzeptieren könnte.

Ich war lange Zeit auch nicht mehr ich selbst. Ich nahm beim ersten Klinkaufenthalt innerhalb von 2-3 Wochen fast 20kg zu wegen den Medikamenten. Die Medikamente waren schon notwendig, aber ich brauchte eine sehr hohe Dosis, damit ich wieder zu mir fand, und die Nebenwirkungen waren dann eben dieses starke Zunehmen.

Ich glaube, diese Medikamente dämpfen einen ja häufig auch sehr und das ist vielleicht auch nicht immer ganz einfach.

R: Genau, die Medikamente legen dich quasi schachmatt, damit du dich wieder erholen kannst. Damit umzugehen ist nicht einfach, weil man schon wegen der Erkrankung nicht mehr sich selbst ist und dann dazu auch wegen der Medikamente nicht. Das war nochmals ein separater Prozess, diese Medikamente zu akzeptieren und auch wirklich regelmässig einzunehmen.

Hast du die Medikamente auch mal abgesetzt?

R: Ja, ich habe sie einmal vollständig abgesetzt, musste dann aber wieder in die Klinik. Seitdem bekomme ich eine alle paar Wochen eine Medikamentenspritze. Dadurch ist die Gefahr des Absetzens viel kleiner.

Wann traten die ersten Symptome deiner Erkrankung eigentlich überhaupt auf?

R: Als ich mal im Internet nachlesen ging, was die Diagnose alles für Symptome beinhaltete, merkte ich, dass ich wohl schon lange krank gewesen war. Ich war als Kind bereits sehr depressiv. Die Manie kam erst später, aber die Depression fing schon in der Kindheit an.

Gab es bei dir einen Moment, wo deine Krankheit sich schlagartig bemerkbar machte oder kam das alles schleichend?

R: Bei mir kippte es, als mein bester Freund starb. Ich hatte schon vorher immer ab und zu gekifft gehabt, aber nach seinem Tod eskalierte es mit dem Rauchen. Ich konnte mich nicht mehr kontrollieren.

Wie äusserte sich dieses «Kippen»?

R: Ich hatte eine Psychose, in der ich die Geschäftsleitung meines damaligen Arbeitgebers massiv verbal attackierte. Ich bin nie körperlich gewalttätig, aber ich sagte viele schlimme Dinge gegenüber dem CEO und den anderen Personen. 1-2 Tage später landete ich dann in der Klinik.

Was auch viel bei mir auftrat, war ein rechthaberisches Getue…

D: …Oh ja!

Ist das jeweils schwierig für dich, D?

D: Ja, in dem Moment schon, denn man kennt ihn eigentlich gar nicht so. Es gibt Situationen, wo er sagt: «Du machst jetzt das und du tust jetzt das» und das ist dann schwierig.

R: Ja, ich versuche dann in den Momenten, anderen Menschen meine Meinung aufzuzwingen und das ist einfach falsch. Das mache ich ansonsten nicht.

D: Ich glaube das Schwierigste ist, dass wir so ein grosses Vertrauen zueinander haben. Und in diesen Momenten sagt oder tut er Dinge, bei denen ich mich fragen muss, ob ich ihm wirklich glauben kann und ob er das wirklich so meint.

Gibt es denn Kriterien, anhand derer du merkst, dass du ihm glauben kannst oder nicht?

D: Es gibt scho Anzeichen, anhand denen ich merke, dass die Probleme beginnen – beispielsweise wenn er gemein wird zu mir. Aber ich frage mich trotzdem immer, ob er das ernst meint.

R: Bei mir ist es eben häufig diese verbale Gewalt, die sehr stark zum Vorschein kommt. Ein weiteres Beispiel aus der Klinik war, dass ich, als ich meinte, ich sei Ra, die Pflegepersonen alle fertigmachte und sagte, sie sollen zurück nach Deutschland gehen und solche Dinge. Manche sagten dann, ich sei ein Rassist. Aber ich habe es in meinen nicht-psychotischen Phasen eigentlich immer mit allen Menschen gut.

D: Ja, ich musste dann wirklich auch erklären, dass er sonst wirklich nicht rassistisch ist.

Man könnte vielleicht denken, dass der Wahn ja nur Dinge verstärkt, die man so oder so schon denkt und dann annehmen, dass du auch sonst ein Rassist bist.

R: Ja, also es gibt tatsächlich gewisse Dinge, die in der Psychose einfach sehr verstärkt werden. Aber das Rassistische gehört da nicht dazu. Mit einigen davon konnte ich jetzt zum Glück abschliessen.

Wie hast du das geschafft?

R: Das ist schwierig zu erklären. Ich bin mal bei einer Person, die Energiearbeit macht, zusammengebrochen. Und sie hat mir dann erklärt, dass sie zwei schwarze Gestalten aus mir herausziehen konnte – fast wie bei einem Exorzismus. 1-2 Jahre später merkte ich dann, dass einige dieser sich immer in meinen Psychosen wiederholenden Themen wie weg waren.

P: Ich glaube, das, was immer wieder in deinen Psychosen aufkam, war der Tod deines besten Freundes. Nach diesem Erlebnis bei der Energiearbeit war das aber plötzlich kein Thema mehr.

R: Ja, das hatte ich wirklich 15 Jahre mit mir herumgetragen. In der Psychose steigert man sich dann in ganz merkwürdige Dinge hinein. Ich dachte zum Beispiel, dass ich vielleicht mit seiner Seele etwas anstellen konnte – dass ich wieder machen könnte, dass sie auf die Erde zurückkommt. Man denkt dann auch, dass das, was man denkt, real werden kann.

Wie geht man am besten mit dir um, wenn du in einer psychotischen Phase bist? Du hast mehrmals gesagt, dass du immer auch wieder verbale Gewalt anwendest, wenn du in einer Psychose bist – kann das auch mal gefährlich werden?

R: Bis jetzt habe ich noch nie jemanden angegriffen. Natürlich ist das schwierig zu beurteilen als betroffene Person. Ich kann es in dem Sinne nicht ausschliessen. Aber mit diesen Medikamenten, die ich zurzeit nehme, kann ich mir das nicht vorstellen, besonders auch, weil ich Gewalt als Ausdrucksform von mir selbst gar nicht kenne.

D: Sie haben mich auch in der Klinik immer wieder gefragt, ob ich Angst habe vor ihm, aber ich habe immer gesagt, dass ich keine Angst habe. Er schreit mich vielleicht an und verletzt mich verbal, aber würde mich niemals körperlich angreifen.

Wie gehst du, D, als seine Partnerin, allgemein damit um, wenn er so eine Phase hat?

D: Es ist hart. Am Anfang war es aber härter. Ich weinte oft und verstand die Welt nicht mehr. Aber jede Psychose, die er gehabt hat, hat mich stärker gemacht. Früher wollte ich am liebsten immer weinen, wenn ich ihn in die Psychiatrie bringen musste, aber bei der letzten Psychose, die wirklich auch schlimm war, war ich froh, mal einen Moment durchatmen zu können.

R: Inzwischen isoliere ich mich auch selbst, wenn ich merke, dass wieder ein Schub kommt. Wir haben auch eine Patientenverfügung aufsetzen lassen und wenn sie merkt, dass ich wieder gewisse Symptome zeige, dann erhöhe ich die Medikamente. Und wenn sie zusammen mit meinem Psychiater sagt, dass ich in die Klinik muss, dann gehe ich auch in die Klinik.

Wie gehst du mit Vorurteilen dir gegenüber um, R?

R: Ich nehme sie gar nicht so wahr. Ich weiss schon, dass es Menschen gibt, die mich nicht so mögen, aber auf die lass ich mich gar nicht so gross ein. Ich habe lieber die Menschen um mich herum, die auf mich zugehen und mit mir sprechen.

Siehst du bezüglich Vorurteilen auch eine Veränderung in der Gesellschaft?

R: Die Dinge haben sich in den letzten 20-30 Jahren schon sehr geändert. Die Akzeptanz ist gestiegen, besonders auch mit den ganzen Medikamenten. Früher warst du in der Klinik und bist da geblieben. Heute kann man wieder in sein Umfeld zurück und kann sich im Internet schlau machen über alles.

Ich glaube, man darf sich auch selbst nicht fallen lassen. Ich habe mich beispielsweise von Anfang an wieder bemüht, einen Job zu finden.

Ist bei deiner jetzigen Arbeitsstelle denn bekannt, was du hast?

R: Ja, das erwähnte ich bereits im Vorstellungsgespräch. Man sagte mir, dass wir einfach uns gut verstehen müssten und der Rest käme dann schon gut. Sie sind sehr verständnisvoll und wir bemühen uns beide: Ich erbringe meine Leistung und sie kommen mir entgegen, wenn ich zwei Wochen krankgeschrieben werden muss.

Was kann man von deinem Arbeitgeber im Umgang mit Personen mit psychischen Erkrankungen lernen?

R: Ich denke, wenn man jemanden wie mich anstellt, muss man sich einfach bewusst sein, dass es viele Absenzen geben wird. Wichtig ist auch, dass man im Geschäft eine zentrale Ansprechperson hat, bei der man alles deponieren kann und die sich nicht nur die Leistung anschaut. Man muss letztlich sicher wissen, auf was man sich einlässt. Deshalb sage ich bei Vorstellungsgesprächen immer: «Googlet am besten mal die Krankheit».

Ideal ist zudem, denke ich, ein Job, bei dem man als Mitarbeiter zwar wichtig ist, aber nicht so wichtig, dass es zu grossen Problemen kommt, wenn man 1-2 Tage fehlt.

Zum Abschluss: Was würdest du Personen, die in einer ähnlichen Situation sind wie du, raten?

R: Man muss an sich glauben, auch wenn das schwierig ist. Man muss sich bewusstwerden, was man für Ressourcen hat. Denn ich bin überzeugt: Jeder Menschen hat Ressourcen.

Schizoaffektive Störung: Bei einer schizoaffektiven Störung treten episodisch sowohl Symptome einer Schizophrenie - beispielsweise psychotische Symptome - als auch wesentliche Stimmungssymptome wie bei einer Depression oder bipolaren Störung auf1.

Quelle:

1https://www.msdmanuals.com/de/profi/psychische-st%C3%B6rungen/schizophrenie-und-verwandte-st%C3%B6rungen/schizoaffektive-st%C3%B6rung [Letzter Besuch: 20.01.2021].

Veröffentlicht von

ginamesserli

philosophy student @ university of Zürich, wannabe vegan, coffee and tea lover and knowbetter, so basically your average philosophy student.

2 Gedanken zu „«Wenn sie merkt, dass ich wieder gewisse Symptome zeige, dann erhöhe ich die Medikamente»“

  1. Liebe(r) D und R
    Eure „Geschichte“ hat mich bewegt. Deshalb möchte ich euch einige meiner Gedanken mitteilen.
    Das Lehrbuch psychischer Krankheiten beschreibt vorwiegend abstrakt die Symptome, welche im Verband eine Diagnose bilden. Im Vergleich zu deiner Schilderung, R, die sehr differenziert ist, ist es mir möglich, eine wesentlich bessere Vorstellung einer psychischen Krankheit zu bekommen. Ich kann dies nahezu miterleben, wenn ich versuche, mich in deine Situation zu versetzen. Du hast eine komplexe Diagnose mit einfachen Worten für die Allgemeinheit verständlich gemacht! Für mich ein positiver Schritt gegen die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen. Ich hoffe nur, dass dein Bericht möglichst viele Leser erreicht.
    R, du hast relativ lange gebraucht, um deine Erkrankung zu akzeptieren. Hast du auch negative Erfahrungen in der stationären Behandlung gemacht? Z.B. eine Behandlung gegen deinen Willen? Ich denke aber, es geht da um Gefühle / veränderte Denkabläufe / Vertrauen / Realitätsverlust u.a. Dies berührt ja doch den Kreis der Intimsphäre und dieser Prozess zur Einsicht braucht seine Zeit.
    Ich meine, du hast eine gute Prognose für deine Zukunft. Denn: du glabst an dich / du kennst und pflegst deine Ressourcen / du lebst in einer Beziehung / du hast einen Job / du hast in schwierigen Phasen eine Vereinbarung. Dies erachte ich als tragende Eckpfeiler in deiner Existenz.
    D, du stehst in einer Beziehung mit einem Partner, welcher zeitweise an Krisen leidet. Ich zolle dir vorerst grossen Respekt, dies ist nicht selbstverständlich. Habt ihr in Gedanken auch schon die Rollen vertauscht, um zu erfahren, wie sich der Partner in einer schwierigen Situation fühlen könnte?
    Nun, ihr habt euch offen und mutig über diesen Blog mitgeteilt und eine mögliche Krise und deren Umgang verständlich näher gebracht! Ich hoffe, ihr könnt noch weitere Leser damit bereichern.
    Ein Feedback würde mich freuen.
    Tragt sorge zueinander und alles Gute!

    Viktor

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