«Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr anders, als mich vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit zu übergeben»

Bulimie und ich – aus dem Leben einer 14-jährigen

Joelle

Lieblingsgetränk: Grüntee

Es war Spätsommer. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten einem freundlich entgegen und das Eis tropfte vom Stiel. Genau wie dieses Bild sollte doch das Leben einer normalen 14-jährigen aussehen: Fröhlich und einfach. Doch gibt es nicht auch das andere Leben – das, welches totgeschwiegen wird und von welchem man nicht spricht? Das Leben, das nicht fröhlich und einfach ist?

Aus einem solchen Leben möchte ich erzählen.

Meine Kindheit war schwer, sehr schwer. Und nun stand ich da. Jung und alleine, so dachte ich.  Alleine in einer vier-köpfigen Familie, in welcher der Tag von Alkohol geprägt war und in welcher ich funktionieren musste wie eine Erwachsene. Die letzten acht Jahre waren nicht spurlos an mir vorbeigegangen: Ich war erschöpft, wütend, verzweifelt und vor allem komplett überfordert mit der familiären Situation und mit mir selbst. Selbstzweifel kamen auf: War ich an allem schuld? War ich nicht gut genug? Was hatte ich falsch gemacht? Wieso ich?

Ich musste den Stress irgendwie loswerden. Anfangs verletzte ich mich selbst. Dies bekam ich aber sehr schnell selbst in den Griff, da ich merkte, dass es der falsche Weg war. Aber dann brauchte ich eine neue Strategie. Und die fand ich: Mich wortwörtlich auszukotzen. Anfangs war es vielleicht einmal alle drei Tage, danach wurde es zur Gewohnheit. Doch tat ich das aus Angst, zu dick zu sein? Tat ich das, um der Gesellschaft zu gefallen, weil mir die Zahl auf der Waage zu hoch war?  Anfangs vielleicht, aber mir wurde schnell bewusst, dass dies nicht der einzige Grund war. Den wollte ich jedoch lange Zeit nicht wahrhaben. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich schwach und psychisch und emotional völlig überfordert war. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, doch gibt es dafür jemals einen richtigen Zeitpunkt?  Es passte einfach nicht, nicht damals. Ich musste doch irgendwie meine Familie retten, irgendwie alle auf dem gleichen Boot behalten; stark sein, wie ich schon mein Leben lang hatte stark sein müssen.

Ich fühlte mich teils innerlich so leer, konnte keine Gefühle zulassen und wusste nicht, wie mit meiner Verzweiflung umzugehen. Meist funktionierte ich nur noch irgendwie, denn irgendwie musste ich ja alles zusammenhalten. Und meist hatte ich nur wenig Zeit, um über all den Scheiss nachzudenken. Doch wenn ich Zeit hatte, wurde mir schon beim Gedanken daran übel. Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr anders, als mich vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit zu übergeben. Es fühlte sich so befreiend an, so als würde mir etwas von meiner Last abgenommen werden. Ich fühlte mich danach jeweils für einen kurzen Moment befreit von all dem Stress, von all der Verantwortung. Und ja, mir war bewusst, dass mein Umfeld dachte, ich sei an Bulimie erkrankt. Und nein ich bin nicht stolz darauf.

Lange, vielleicht auch viel zu lange, konnte ich der ganzen Welt vorspielen, in was für einer heilen Familie ich lebte. Doch irgendwann machte ich mit meinem doch sehr speziellen Essverhalten einige Leute auf mich aufmerksam. Es war eine ganz tolle Lehrperson, die schliesslich bemerkte, dass bei mir irgendetwas nicht stimmen konnte. Nach langer langer Zeit und viel Feingefühl ihrerseits, vertraute ich mich ihr an. Wir sprachen viel und oft über meine Probleme, bis ich mich irgendwann dazu durchringen konnte, einen Termin bei unserer Schulsozialarbeiterin auszumachen. Diese versuchte, mir bei meinen familiären Problemen zu helfen, unterstützte mich, soweit ich es zuliess. Denn Vertrauen aufzubauen fiel mir damals sehr schwer. Aufgrund meiner Essstörung und meiner psychischen Abgeschlagenheit verwies sie mich weiter an eine Psychiaterin. Zu dieser konnte ich für meine Verhältnisse schnell eine Vertrauensbasis aufbauen. Sie zeigte mir auf, welche Probleme ich hatte und wie wir diese gemeinsam in Angriff nehmen konnten. Ich fand Methoden und Wege, welche für mich stimmig waren, um aus dem Teufelskreis der Bulimie herauszukommen. Jedoch dauerte es seine Zeit, bis ich wieder in ein normales Essverhalten kam.

Auch heute, fast sieben Jahre später, denke ich gerade in Situationen, in denen ich psychisch überfordert bin und an meine Grenzen komme, darüber nach, es wieder zu tun. Allerdings kenne ich heute Methoden und Wege, mich nicht wieder zu übergeben. Ich weiss heute auch, dass sich zu übergeben keine Lösung ist; dass ich stark bin und dass, wenn ich es einmal nicht bin, das auch in Ordnung ist.

Ich kann nach all den Jahren nur mit zwei Personen darüber sprechen und selbst dies ist für mich eine grosse Herausforderung.  Die Bulimie ist ein Teil meines Lebens, den ich gerne streichen würde – und doch weiss, dass er mich stärker gemacht hat.

 

Bulimie: Eine Essstörung, die üblicherweise durch Essattacken gekennzeichnet ist, in denen der oder die Betroffene eine grosse Menge an Nahrung in kurzer Zeit zu sich nimmt und diese dann beispielsweise über Erbrechen oder Abführmittel wieder loszuwerden versucht1.

 

Quelle:

1 „Bulimie“. Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Bulimie#Definitionen [Letzter Aufruf: 29.06.2019]

Veröffentlicht von

ginamesserli

philosophy student @ university of Zürich, wannabe vegan, coffee and tea lover and knowbetter, so basically an average philosophy student.

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